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DVD-Besprechung - Hunger
Story:
Seit 1976 versuchen in Großbritannien inhaftierte Mitglieder der IRA die Einstufung als politische Gefangene zu erkämpfen. Am 24. Oktober 1980 beginnt im Hochsicherheitsgefängnis Maze Prison in Nordirland ein erster Hungerstreik der Gefangenen, der jedoch nach 55 Tagen abgebrochen wird. In Aussicht gestellte Zugeständnisse werden jedoch nicht eingehalten. Somit initiiert der dortige IRA-Kommandant Bobby Sands (Michael Fassbender) am 1. März 1981 einen erneuten Hungerstreik als politisches Druckmittel. Jede Woche tritt ein weiterer Häftling hinzu. Am 5. Mai 1981, nach 66 Tagen Hungerstreik, stirbt Bobby Sands an den Folgen. Bei der Aktion sterben noch neun weitere Teilnehmer. Ein Großteil ihrer Forderungen wird schließlich erfüllt, den Status als politische Gefangene erhalten sie jedoch nicht.
Meinung zum Film:
Das Drama "Hunger" basiert auf realen Begebenheiten des Nordirlandkonflikts und zeichnet den Leidensweg des inhaftierten IRA-Kämpfers Bobby Sands nach. Regisseur Steve McQueen, nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Filmstar aus "Bullit", stammt aus Großbritannien und ist ein bekannter Künstler und Photograph. "Hunger" stellt seinen ersten Spielfilm dar und das zugehörige Drehbuch verfasste er gemeinsam mit dem irischen Dramatiker Enda Walsh ("Disco Pigs"). Sein cineastisches Debüt wurde auf zahlreichen Festivals mit Preisen und Auszeichnungen regelrecht überhäuft, darunter findet sich auch die "Goldene Kamera" der Filmfestspiele von Cannes 2008. Die Hauptrolle übernahm der in London lebende deutsche Schauspieler Michael Fassbender ("300"), der in Irland aufwuchs. Für die Verkörperung von Bobby Sands nahm er dabei ein ähnliches Martyrium auf sich, wie sein britischer Schauspielkollege Christian Bale für "The Machinist", und hungerte sich auf 59 Kilogramm herunter. Für seine Leistung in "Hunger" wurde er im Jahr 2008 für den Europäischen Filmpreis als "Bester Darsteller" nominiert.
Das Drama lässt sich sehr grob in drei Teile zerlegen. Zunächst beginnt der Film mit einer Schilderung der menschenverachtenden Zustände innerhalb des Hochsicherheitsgefängnisses. Vornehmlich spielen sich die Geschehnisse hier aus der Sicht der Inhaftierten ab. Es gibt aber Passagen, die zeigen welcher psychische Druck auch auf dem Wachpersonal lastet. Zudem verdeutlicht der Film in einer drastischen Szene, dass in der Außenwelt eben jenes Personal ein beliebtes Ziel für Attentate der IRA darstellt. Bobby Sands, der eigentliche Mittelpunkt des Films, wird erst nach 30 Minuten eingeführt. Nachdem der Gefängnisalltag dementsprechend auch auf seine Person projiziert wird, beginnt der zweite Teil des Films, der aus einem durchgehenden, 23-minütigen Dialog zwischen Sands und dem Gefängnispriester besteht. Diese Passage sticht umso stärker hervor, da ansonsten Dialoge im Film fast keine Rolle spielen. Hier verkündet Bobby Sands seine Entscheidung zum Hungerstreik, den er bis zu seinem eigenen Tod verfolgen will. Bei dem Versuch des Priesters ihn davon abzubringen, wird erstmals, und leider auch letztlich, ein Einblick auf Sands innere Überzeugungen gewährt. Er sieht seine Aktion nicht als Selbstmord, sondern als politischen Mord an seiner Person. Der letzte Teil des Films schildert schließlich in gewollt drastischen und weitgehend unkommentierten Bildern das langsame Verhungern von Bobby Sands.
"Hunger" besitzt bei all seiner optischen Düsternis, Monotonie und Kälte eine ganz eigene Ästhetik um den Verfall und die Menschlichkeit innerhalb unmenschlicher Zustände zu beseelen. Diese Konzentration auf künstlerisch hochwertige Eindrücke auf visueller Ebene wird aber leider von einer unbefriedigenden Marginalisierung auf der inhaltlichen Ebene begleitet. Das physische und psychische Martyrium innerhalb der Gefängnismauern wirkt durch das Fehlen einer direkten Identifikationsfigur schwerlich fassbar. Sands bleibt für den Zuschauer ein Gefäß ohne Inhalt, seine Vorgeschichte wird nicht behandelt und sein Leidensweg wirkt dementsprechend seltsam unpersönlich. Weiterhin wirken die Zustände innerhalb des Gefängnisses völlig austauschbar und keineswegs spezifisch für den Nordirlandkonflikt, da auf jede politische oder historische Aussage verzichtet wird. Viele Hintergründe, wie z.B. der "schmutzige Protest" mit Urin und Exkrementen, werden stillschweigend als Allgemeinwissen vorausgesetzt und können vom unbedarften Zuschauer kaum erfasst werden. Aber auch auf anderer Ebene bemüht sich McQueen überhaupt nicht um seine Zuschauer. Quälend lange, dröge Kameraeinstellungen die z.B. minutenlang putzendes Reinigungspersonal zeigen oder einfach nur erschreckend nichtssagende, alltägliche Banalitäten aneinanderreihen, sorgen für ein stetig zunehmendes Desinteresse beim Zuschauer.
Digitale Aufarbeitung:
Das Bild der DVD wartet mit kühlen Farben und größtenteils düsteren Umgebungen auf, die Kontrastwerte sind dieser Herausforderung jedoch gewachsen. Die Bildschärfe ist gut und das einzige Manko stellt gelegentliches Blockrauschen dar. Egal welche der drei Tonspuren angewählt wird, die Akustik des Films fällt eher unspektakulär aus, da der Film stärker auf seine Bildsprache setzt. Diese Kulisse unterstützt der Ton atmosphärisch vor allem mit Hilfe eingespielter Umgebungs- bzw. Hintergrundgeräusche. Dialoge gibt es fast gar nicht, wenn sie jedoch anfallen ist eine gute Verständlichkeit stets gegeben. Auch die musikalische Untermalung fällt sehr dezent aus.
Zur Besprechung lag die Leih-DVD des Titels vor. Diese enthält keine Extras außer dem deutschen Originaltrailer. Die Kauf-DVD erscheint als Special Edition mit zwei DVDs. Diese soll u.a. ein Making Of und Interviews beinhalten. Ein sehr schlechter Scherz ist der Vermerk "Wendecover" auf der Vorderseite der DVD. Ein solches ist nämlich nicht vorhanden, weshalb es keine Möglichkeit gibt der überdimensionierten FSK-Kennzeichnung zu entgehen.
Fazit:
"Hunger" ist ein typischer "Festivalsliebling", da er inhaltlich politische Brisanz und Gesellschaftskritik verspricht, die er visuell mit einer ganz speziellen Ästhetik nebst Bildkompositionen fernab üblicher Sehgewohnheiten veredelt. Leider bleiben aber die eigentlichen Hintergründe des behandelten Themenkomplexes völlig auf der Strecke und die gewählte Darstellung wirkt nicht nur unpersönlich, sondern drückt sich auch so gut wie möglich um jede politische Aussage. Die effektive und anschauliche Informationsvermittlung ist für "Hunger" ein Fremdwort, vielmehr setzt der Film auf unterschwellige Signale, die jedoch kaum wahrnehmbar sind, da der Film den Zuschauer gleichzeitig mit vordergründigen Banalitäten und einer einschläfernden Inszenierung ins Reich der Träume manövriert.
Technische Daten:
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FSK-Freigabe:
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Bildformat:
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Laufzeit:
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1,78:1
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92:13 Minuten
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Sprachen / Tonformate:
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Deutsch Dolby Digital 5.1 | Deutsch DTS 5.1 | Englisch Dolby Digital 5.1 |
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Untertitel:
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Deutsch |
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Bonusmaterial:
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- Deutscher Originaltrailer
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Hunger
Hunger
Ein unpolitisches und unpersönliches Drama um einen persönlichen Leidensweg im Nordirlandkonflikt
Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr
Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Großbritannien / Irland, 2008 Regie: Steve McQueen Drehbuch: Steve McQueen, Enda Walsh Darsteller: Michael Fassbender, Stuart Graham, Liam Cunningham, Liam McMahon, Helena Bereen, Larry Cowan
Label :
Ascot Elite
Verkaufsstart : 20.08.2009
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