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DVD-Besprechung - Die Verrohung des Franz Blum

Story:
Der bis dato unbescholtene, 28-jährige Bürger Franz Blum (Jürgen Prochnow) wird zu fünf Jahren Haft wegen schweren Raubes verurteilt. Er hat Abitur, stammt aus gutem Hause und besaß beruflich gute Aufstiegschancen bei einer Versicherung. Mit seiner Einlieferung beginnt für ihn jedoch ein völlig neues Leben. Im Zuchthaus gilt das Recht des Stärkeren und wer Schwäche zeigt, geht unter. Franz lernt schnell seine Lektion. Er wandelt sich vom mitfühlenden Menschen zum eiskalten Anführer. Im Rahmen seines Aufstiegs innerhalb der Knasthierarchie gibt es jedoch immer wieder schwere Konflikte mit dem Häftling Walter "Tiger" Kuul (Burkhard Driest), der die Führungsrolle für sich selbst beansprucht. Nach und nach entwickelt sich ein gnadenlos geführter Zweikampf.

Meinung zum Film:
"Die Verrohung des Franz Blum" basiert auf dem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 1974, dessen Autor, Burkhard Driest, das Werk selbst als Bericht bezeichnete und darin seine eigenen biographischen Knasterfahrungen mit Hilfe des fiktiven Charakters Franz Blum verarbeitete. Driest selbst entwickelte auch das Drehbuch und übernahm, obwohl er Laie war, außerdem die zweite Hauptrolle. Das war ausgerechnet der Gegenspieler seines Alter Ego Franz Blum, welcher wiederum von Jürgen Prochnow ("Das Boot"), der damals noch am Anfang seiner großen Karriere stand, verkörpert wurde. Es handelt sich hier um eine Koproduktion des WDR und der Bioskop-Film GmbH, die zunächst am 26. März 1974 in der ARD ausgestrahlt wurde und erst danach ihren Weg ins Kino fand. Die Bioskop-Film GmbH produzierte u.a. später moderne deutsche Filmklassiker wie "Die Blechtrommel" oder "Die Hamburger Krankheit". Regie führte Reinhard Hauff ("Messer im Kopf"). Der Film erlebte seine DVD-Premiere bereits im Februar 2009, war bisher jedoch nur im Rahmen der nicht gerade günstigen "Filmverlag der Autoren Edition" erhältlich. Diese umfasst insgesamt 50 Klassiker aus dem Repertoire des titelgebenden, maßgeblichen Verleihs des Neuen Deutschen Films.  

"Die Verrohung des Franz Blum" versteht sich als authentische Milieustudie des Zuchthauslebens und als sozialkritisches Gefängnisdrama. Sozialromantik, Heldenfiguren, oder einen hollywoodmäßig aufbereiteten Sieg des Individuums über ihn dominierende, soziale Strukturen, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der eigenen moralischen Unbeflecktheit, sucht man hier vergebens. Vielmehr schildert die Film die gnadenlosen, hierarchischen Strukturen im Strafvollzug, bei denen Darwinscher Logik folgend nur der überlebt, der in der Lage ist, sich den Verhältnissen am besten anzupassen. Das Werk dominiert die Perspektive der Insassen, wobei auf Attacken gegen die Vertreter des Wachpersonals weitgehend verzichtet. Vielmehr steht die Gefängnisleitung selbst im Fokus der Kritik, die den Prozess der Hierarchiebildung, als eine Form der Selbstverwaltung, billigend in Kauf nimmt, und dadurch eine Form der "Selbstdisziplinierung" der Gefangenen erreicht, die sie selbst entlastet.  

Der Film wurde in der Hamburger JVA Fuhlsbüttel, auch bekannt als "Santa Fu", gedreht und wirkt nicht nur deshalb, trotz des schmalen Budgets, sehr authentisch. Der Film wird von einer abweisenden, düster-spartanischen Optik dominiert. Die Kameraführung verliert dabei nie den Blick auf das Wesentliche und verfolgt keinen künstlerischen Anspruch, sondern steht für qualitativ hochwertiges Handwerk. Die beiden Hauptdarsteller bieten eine ausgezeichnete Darbietung, was auch den glaubwürdigen Charakteren geschuldet ist, deren Handlungsweisen absolut nachvollziehbar nachgezeichnet werden. Auch die Nebenrollen sind durchgehend überzeugend besetzt und es finden sich viele bekannte Gesichter, wie Charles Brauer ("Tatort"), Kurt Raab ("Satansbraten"), Tilo Prückner ("Adelheid und ihre Mörder") oder Gert Haucke ("Die Supernasen"). Der Film beschließt seinen runden Eindruck mit einem überraschenden Ende, gewürzt mit einer bitterbösen Ironie des Schicksals.

Digitale Aufarbeitung:
Die DVD bietet eine gute Bildschärfe sowie eine natürliche Farbgebung und auch die Kompression leistet sich keine Schwächen. Verschmutzungen und Beschädigungen der Vorlage sind ebenfalls nicht auszumachen, allerdings weist das Bild ein ziemlich starkes Bildrauschen auf. Die deutsche Tonspur bietet zu jeder Zeit eine gute Verständlichkeit. Leider gibt es bei dieser Veröffentlichung wiedermal keine Untertitel, so dass dem Ausland dieser Klassiker des Deutschen Films auch weiterhin weitgehend verborgen bleiben dürfte.

Das Highlight des Bonusmaterials ist ein aktuelles, relativ ausführliches Interview mit Regisseur Reinhard Hauff und Produzent Eberhard Junkersdorf (36:26) aus dem Jahr 2008. Dieses interessante Feature enthält Wissenwertes zur Entstehung des Films sowie zu dessen Drehbedingungen und bietet darüber hinaus auflockernde Anekdoten von den Dreharbeiten. Deutlich unspektakulärer sind hingegen die Fotogalerie zum Film sowie das damalige, 14-seitige Originalpresseheft ausgefallen. Letzteres enthält u.a. Informationen zu den Hauptdarstellern sowie Pressestimmen und ist als PDF-Datei im DVD-ROM-Bereich abgelegt.

Fazit:
"Die Verrohung des Franz Blum" ist ein authentisch wirkendes Gefängnisdrama, das sich mit Hilfe glaubwürdiger Charaktere sozialkritisch mit den verfehlten Herrschaftsstrukturen im Strafvollzug auseinandersetzt. Die Kritik ist dabei eher auf systemischer Ebene verortet, der Film ist aber keineswegs ein naiv-soziologisches Rührstück oder ein ungenießbarer Kunstfilm. Vielmehr handelt es sich um ein gut konsumierbares Drama mit Anspruch, das sich durch eine dichte Inszenierung, hervorragende Darsteller, stringente Argumentation und eine böse Schlusspointe auszeichnet. Technisch ist die DVD gut ausgefallen und auch das Bonusmaterial weiß zu überzeugen.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 16
1,33:1
1,33:1
99:46 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine Untertitel vorhanden.
Bonusmaterial:
  • Interview mit Regisseur Reinhard Hauff und Produzent Eberhard Junkersdorf
  • Fotogalerie
  • Presseheft (DVD-ROM)
Die Verrohung des Franz Blum - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Die Verrohung des Franz Blum
Die Verrohung des Franz Blum

Dieser Film wurde mit dem Splash-Hit ausgezeichnet


Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Sozialkritische Milieustudie, die inhaltlichen Tiefgang und gute Unterhaltung rundum gelungen miteinander verknüpft


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 1974
Regie:
Reinhard Hauff
Drehbuch:
Burkhard Driest
Darsteller:
Jürgen Prochnow, Burkhard Driest, Eike Gallwitz, Kurt Raab, Gert Haucke, Charles Brauer

Label Deutschland :
Arthaus
Verkaufsstart Deutschland :
18.09.2009

Vertrieb Schweiz :
Impuls Home Entertainment
Verkaufsstart Schweiz :
18.09.2009