Splashpages  Home Movies  Rezensionen  Rezension  Im Auftrag des Terrors
Partner von Entertain Web
http://www.splashmovies.de/php/images/spacer.gif
Das TodesspielEine ganz heiße NummerDas Haus der Geheimnisse

In der Datenbank befinden sich derzeit 3.897 Rezensionen. Alle Rezensionen anzeigen...

DVD-Besprechung - Im Auftrag des Terrors

Story:
Jacques Vergès, der Sohn einer Vietnamesin und eines Franzosen, ist der berühmt-berüchtigste Rechtsanwalt Frankreichs. Diesen Titel verdankt er vor allem der Auswahl seiner Mandanten und der medienwirksamen Art seiner Prozessführung. Unter seinen "schillernden" Klienten finden sich Persönlichkeiten wie der Terrorist Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als "Carlos, der Schakal", diverse afrikanische Diktatoren, der nationalsozialistische Kriegsverbrecher Nikolaus "Klaus" Barbie, alias "Der Schlächter von Lyon", der Holocaust-Leugner Roger Garaudy oder zuletzt der serbische Staatspräsident Slobodan Milošević. Die Boulevardpresse "adelte" ihn aus diesem Grund zum "Advokaten des Teufels". Seine Prozessführung lässt sich als "Verteidigung durch Gegenangriff" beschreiben und gerät stets zum medienwirksamen Politikum. Immer wieder vergleicht er provokativ Verbrechen gegen die Menschlichkeit seiner Klienten mit der Politik Frankreichs im Algerienkrieg, der Vergès politisch stark geprägt hat.

Meinung zum Film:
Der französische Regisseur Barbet Schroeder ("Barfly") porträtiert im vorliegenden Dokumentarfilm aus dem Jahr 2007 die umstrittene Persönlichkeit des französischen Rechtsanwalts Jacques Vergès. Er wurde für diese Arbeit im Jahr 2008 mit den bedeutenden, französischen Filmpreisen "César" und "Étoile d'Or" in der Kategorie "Beste Dokumentation" ausgezeichnet. Seine Premiere feierte der Film bei den Festspielen von Cannes im Jahr 2007, innerhalb der Sektion "Un Certain Regard".

"Im Auftrag des Terrors" besteht zum größten Teil aus aktuellen Interviews mit Weggefährten Vergès, Schriftstellern und Historikern sowie zeitgenössischen Archivaufnahmen der behandelten Ereignisse. Zudem verwendet der Film auch Aufnahmen aktueller Begehungen zugehöriger Schauplätze, diverser Fotos und schriftlicher, mehr oder weniger aussagekräftiger Dokumente. Obwohl Schroeder nach eigener Aussage sowohl über die Auswahl der Interviewpartner als auch über die Gestalt des Final Cut Entscheidungshoheit besaß, wirkt die Dokumentation jedoch gerade in ihrer fehlenden Kontroversität kontrovers. Keiner der Interviewten verliert wirklich ein schlechtes Wort über Vergès und auch die moralische Dimension seiner Tätigkeit wird weitgehend ausgeklammert. Besonders ärgerlich ist in dieser Hinsicht der Verzicht auf gezielte Nachfragen oder die Konfrontation mit kritischen Stimmen. Vergès kann sich hier in aller Seelenruhe als kultivierter, politisch motivierter Provokateur ausbreiten und wischt Dank seiner rhetorischen Fähigkeiten eventuelle Zweifel an der Integrität seiner Person weitgehend beiseite. Glaubt man Schroeder, spiegelt sich sein Anliegen, Vergès zu entlarven, allerdings auch vielmehr in der Struktur seines Films wider.  

Er eröffnet den Film mit einer Passage über den Algerienkrieg, in dem sich Vergès als Stimme der Unterdrückten präsentiert, sowie als Streiter gegen das eigene, politische System, welches sich durch einen amoralischen, kolonialistischen Imperialismus auszeichnet. Diesem Konflikt räumt Schroeder gut eine Stunde, also beinahe die Hälfte der Gesamtspielzeit, ein. Dann schlägt der Film inhaltlich einen Bogen, der sich über seine Tätigkeit als Verteidiger palästinensischer Terroristen, bis hin zu seiner Tätigkeit für "Carlos", oder den "Schlächter von Lyon", erstreckt. Damit bebasichtigt Schroeder zu zeigen, dass eventuelle Ideale von Vergès überhaupt keine maßgebliche Rolle mehr spielen. Das relativiert er allerdings im Interviewteil wieder weitgehend, wenn er Vergès nur als politischen Provokateur bezeichnet, der seine medienwirksame Bühne benötigt, was jedoch die persönliche, moralische Ebene schon inhärent negiert. Überhaupt verliert sich die Dokumentation im Rahmen ihrer nicht gerade bescheidenen Laufzeit zunehmend und verzichtet auf einen klaren Fokus. Der Film schwankt zwischen biographischen Details, angerissenen politischen Hintergründen sowie der Selbstdarstellung der Hauptperson hin und her, während der mit den historischen Details weniger vertraute Zuschauer schnell den Überblick verliert und zudem auch um eine objektive Einordnung des Vorgetragenen betrogen wird. Einige wichtige Verbindungen von Vergès werden ebenfalls nur äußerst vage dargestellt. Die fehlende Aufklärung seines zwischenzeitlichen, achtjährigen Verschwindens, von 1970-1978, steht außerdem beispielhaft dafür, wie Schroeder hier wohl ungewollt die Bühne bereitet, damit Vergès sich als undurchschaubares, über den menschlichen Maßstäben schwebendes Mysterium etablieren kann.

Digitale Aufarbeitung:
Die Dokumentation besteht vor allem aus aktuellen Interviews und eingespieltem Archivmaterial. Letzteres ist qualitativ einigen Schwankungen unterworfen und es liegen auch ein paar heftige Ausschläge nach unten vor, insgesamt ist die Qualität dieses Materials aber zufriedenstellend. Bei den aktuellen Interviewaufnahmen gibt es hingegen keine größeren Kritikpunkte und deren Bildqualität ist auf dem Niveau, das von einer aktuellen Dokumentation erwartet werden darf. Die deutsche Tonspur wurde im Voice-over-Verfahren aufgezeichnet, fremdsprachige Passagen werden also von einem deutschen Sprecher übersetzt. Eine gute Verständlichkeit ist dabei stets gegeben. Für O-Ton-Freunde bietet die DVD auch noch durchgehende deutsche Untertitel, wobei die etwas leise abgemischte Originaltonspur größtenteils aus englischen und französischen Passagen besteht.

Herzstück des Bonusmaterials ist das Interview mit Regisseur Barbet Schroeder (25:20) in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln. Darin äußert sich Schroeder zur Persönlichkeit von Jacques Vergès, erläutert seine Ideen zur Funktionsweise bzw. Wirkung der Dokumentation und schildert die Unterschiede bei der Produktion eines Spiel- und eines Dokumentarfilms. Leider kann auch dieses Feature die strukturellen Defizite der Dokumentation und deren fehlenden Biss nicht wirklich ausgleichen und liefert im Grunde auch nicht viele Informationen, die über den Film hinausgehen. Ansonsten befindet sich auf der DVD lediglich der deutsche Kinotrailer. Die DVD besitzt ein Wendecover.

Fazit:
Mit "Im Auftrag des Terrors" widmet sich Barbet Schroeder einer äußerst schillernden, stark umstrittenen Persönlichkeit, dabei gelingt es ihm aber zu keiner Zeit Vergès aus der Reserve zu locken oder gar zu entzaubern. Um diesen brillanten Rhetoriker in die Enge zu treiben, hätte es deutlich bissigerer, kritischerer Nachfragen sowie einrahmender, objektiver Experteneinschätzungen bedurft. Zudem ist die leicht konfuse Inszenierung der Dokumentation letztendlich kontraproduktiv für die eigentliche Stoßrichtung Schroeders, der die aktuelle Tätigkeit von Vergès gerne als Karikatur seiner ursprünglichen, politischen Ideale entlarven würde.


Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,85:1
1,85:1
131:29 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Französisch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Interview mit Barbet Schroeder
  • Deutscher Kinotrailer
Im Auftrag des Terrors - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Im Auftrag des Terrors
L'avocat de la terreur

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Thematisch interessantes Portrait einer äußerst umstrittenen Persönlichkeit, welches jedoch dem eigentlichen Anliegen des Regisseurs nicht gerecht wird


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Frankreich, 2007
Regie:
Barbet Schroeder
Darsteller:
Jacques Vergès, Abderrahmane Benhamida, Bachir Boumaâza, Isabelle Coutant-Peyre, Guillaume Duran, Lionel Duroy, Hans-Joachim Klein, Magdalena Kopp

Label Deutschland :
Koch Media Entertainment
Verkaufsstart Deutschland :
25.09.2009