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DVD-Besprechung - Il Divo - Der Göttliche

Story:
Der mittlerweile 90-jährige Giulio Andreotti war wohl der einflussreichste Politiker Italiens nach dem 2. Weltkrieg und einer der prägenden Köpfe der ehemaligen, katholischen Volkspartei "Democrazia Cristiana" (DC). Er war an 33 Regierungen beteiligt und stand selbst siebenmal als Ministerpräsident an deren Spitze. Im Jahr 1992 wurde Andreotti die höchste politische Ehre zuteil, der italienische Staatspräsident ernannte ihn zum Senator auf Lebenszeit. In die Zeit seiner politischen Regentschaft fallen aber auch zahlreiche Skandale und über Andreotti schwebte ständig der Verdacht, er unterhielte Verbindungen zur Mafia. Trotz der Rekordzahl von 28 parlamentarischen Untersuchungskommissionen, die sich mit seiner Mitverantwortung auseinandersetzten, wurde er stets von allen Vorwürfen freigesprochen. Erst im 29. Versuch, im Jahr 1993, wurde seine parlamentarische Immunität erstmals aufgehoben. Ein späterer Urteilsspruch zu 24 Jahren Haft wegen Mafia-Vergünstigungen und der Mitverantwortung an der Ermordung des Journalisten Mino Pecorelli wurde jedoch von einem Berufungsgericht postwendend wieder einkassiert.

Meinung zum Film:
Für "Il Divo - Der Göttliche" nahm der italienische Filmemacher Paolo Sorrentino ("Friends of the Family") nicht nur auf dem Regiestuhl Platz, sondern schrieb auch das Drehbuch. Zwar war Sorrentino zuvor in Deutschland ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, keiner seiner bisherigen Filme ist in deutscher Sprache erhältlich, allerdings war er bereits in den Jahren 2004 und 2006 für die "Goldene Palme" bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes nominiert. Für "Il Divo" gab es im Jahr 2008 zwar erneut nur eine Nominierung, er konnte dafür aber immerhin den "Preis der Jury" erringen. Hauptdarsteller Tony Servillo ("Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra") wurde für seine Darstellung des Giulio Andreotti außerdem bei den "European Film Awards" als bester Darsteller ausgezeichnet.

"Il Divo" ist keine Biographie im herkömmlichen Sinne. Sie vermischt Fakten und Fiktion, folgt in der Darstellung einer bestimmten Intention des Autors und besitzt nicht nur Züge eines Dramas, oder einer Politsatire, sondern weist auch eine gewisse Schnittmenge mit Politthrillern auf. Grundsätzlich ist der Film jedoch für ein Mainstreampublikum vollkommen ungeeignet. Das hat verschiedene Gründe. Zunächst einmal ist der Film eher auf das Prädikat "künstlerisch wertvoll" ausgerichtet, während narrative Muster und Hintergrundinformationen eher nachrangig behandelt werden. Viele Szenen wirken geradezu opernhaft und geraten mit Hilfe der sehr dynamischen und kunstvollen Kameraführung sowie der opulenten Musikuntermalung beinahe zu einem Fest für die Sinne. Leider bürgen diese starken Einzelszenen aber nicht für einen runden Gesamteindruck, denn der Film wirkt weder sonderlich chronologisch, noch ist ein durchgehender roter Faden erkennbar. Andreotti steht als überstilisiertes Machtsymbol im Zentrum des Films und agiert aus seiner Machtzentrale heraus, wie eine Spinne im Netz, der ständig neue Fäden zur Verfügung stehen. Diese Fäden geraten jedoch für den Zuschauer zu losen Enden, da er ununterbrochen mit wechselnden, ihm unbekannten Charakteren konfrontiert wird, die meistens bereits nach kurzer Vorstellung per Texteinblendung, zumindest temporär, schon wieder aus dem Filmkontext verschwinden.

Somit gerät Andreotti, der hier mit seiner stoischen Mimik, seiner emotionslosen Artikulation und seinem entrückten Gang eine perfekte Reinkarnation von "Nosferatu" darstellt, zu einer Art Kunstfigur, die als graue Eminenz, meist im Halbdunkel sitzend und leicht diabolisch ausgeleuchtet, über allen anderen thront und seine Macht durch ein Heer von einflussreichen Lakaien ausübt. Allerdings konzentriert sich Sorrentino zeitlich nur auf Andreottis siebte Regierungszeit, Anfang der 90er-Jahre, ohne im Kontext biographische Details oder weitere politische Hintergründe Andreottis anzuführen. Der ursprüngliche Zweieinhalb-Stunden-Cut des Films wurde scheinbar genau um derartige Orientierungshilfen erleichtert. Das führt aber auch zu dem seltsamen Phänomen, dass Andreotti zwar ständig als die Verkörperung der Macht präsentiert wird, der Zuschauer ihn jedoch im Grunde nie wirklich auf der politischen Bühne agieren sieht. Sein Weg zur Macht bleibt dadurch ebenso unklar, wie seine Methodik des Machterhalts. Als Mittel der Anklage Andreottis nutzt Sorrentino vor allem mehr oder weniger direkte Anspielungen. Die Mafiaverstrickungen Andreottis werden aber lange Zeit nur angerissen. Nach etwa einer Stunde wird aber mit Hilfe von Kronzeugen im Eiltempo eine Auflösung des Beziehungsgeflechts präsentiert, die allein schon aufgrund der Vielzahl der darin verwickelten Personen alles andere als leicht durchschaubar wirkt.

Digitale Aufarbeitung:
Die DVD bietet eine gute Bildschärfe und auch die Kompression verhält sich unauffällig. Große Teile des Films spielen sich im Halbdunkel ab, der Kontrast bewegt sich aber stets auf einem ausgewogenen Niveau. Die Farbgebung wirkt eher zurückgenommen und kühl, ansonsten aber durchaus natürlich. Die beiden Tonspuren zeichnen sich durch eine gute Verständlichkeit aus und sind besonders im Hinblick auf die opulente Musikuntermalung sehr überzeugend abgemischt. Für O-Ton-Freunde gibt es außerdem durchgehende, deutsche Untertitel.

Teile des Bonusmaterials weisen bei der vorliegenden DVD eine deutlich reduzierte Bildqualität auf. Das deutsch untertitelte Making Of, Im Schatten des Göttlichen - Die Entstehung von "Il Divo" (31:08), kann inhaltlich, trotz der relativ langen Laufzeit, nicht überzeugen. Es bietet zuviele Filmszenen und unkommentierte Szenen von den Dreharbeiten. Es kommen zwar einige Verantwortliche zu Wort und das Feature gewährt auch kleinere Einblicke in die Arbeit des Kameramanns, der Maskenbildner und des Filmkomponisten, insgesamt hinterlässt es jedoch einen ziemlich oberflächlichen Eindruck und verzichtet auch nicht auf die üblichen, gegenseitigen Lobeshymnen aller Beteiligten. "Die Macht der Bilder - Spezialeffekte" (7:18) erläutert den Einsatz digitaler Hilfsmittel im Film, wirkt jedoch in der Darstellung äußerst trivial und wenig ansprechend. Das "Interview mit Regisseur Paolo Sorrentino" (12:14) greift Themen wie den zeitgenössischen Kontext des Films auf, beschäftigt sich mit dem Phänomen Andreotti und enthält auch kurze Informationen zu den Produktionsbedingungen. Leider wirken diese Äußerungen nicht nur recht oberflächlich, sondern auch ziemlich fragmentarisch. Den Abschluss des Bonusmaterials bildet der deutsche Kinotrailer.

Fazit:
"Il Divo - Der Göttliche" fehlen für eine ernstzunehmende Biographie schlichtweg die Hintergründe, für ein Drama die prägenden Charaktere neben Andreotti und für einen Thriller die mitreißende Dramaturgie mit durchgehender Spannungskurve. Für eine Politsatire wirkt der Film zu unkonkret und opfert zudem einen pointierteren Zugriff der Darstellung Andreottis als Kunstfigur, die ihn weitgehend unantastbar erscheinen lässt. Die künstlerisch wertvolle, opernhafte Inszenierung des Werks kann hingegen überzeugen und Hauptdarsteller Tony Servillo bietet ebenfalls eine hervorstechende Leistung. Technisch kann die DVD überzeugen, das Bonusmaterial ist jedoch insgesamt sehr enttäuschend ausgefallen.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 16
2,35:1
2,35:1
113:13 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Italienisch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Im Schatten des Göttlichen - Die Entstehung von "Il Divo"
  • Die Macht der Bilder - Spezialeffekte
  • Interview mit Regisseur Paolo Sorrentino
  • Deutscher Kinotrailer
Il Divo - Der Göttliche - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Il Divo - Der Göttliche
Il Divo

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Optisch eindrucksvolle und künstlerische Inszenierung, aber inhaltlich und dramaturgisch mit viel Luft nach oben


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Italien, 2008
Regie:
Paolo Sorrentino
Drehbuch:
Paolo Sorrentino
Darsteller:
Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Giulio Bosetti, Flavio Bucci, Carlo Buccirosso, Giorgio Colangeli, Aldo Ralli

Label Deutschland :
Delphi Filmverleih
Verkaufsstart Deutschland :
15.10.2009