 |
DVD-Besprechung - Der Idiot
Story:
Fürst Myschkin (Yuriy Yakovlev) begibt sich nach einer jahrelangen, epilepsiebedingten Kur in der Schweiz, weitgehend mittellos, zurück in seine russische Heimat, genauer nach Sankt Petersburg. Dort gerät er im Dunstkreis der verderbten, gehobenen Gesellschaft in die dort vorherrschenden Wirren aus Gier, Intrigen, unkontrollierten Leidenschaften und gesellschaftlichen Vorurteilen. Dummerweise ist der erst 26-jährige Myschkin nicht nur wohlerzogen und gebildet, sondern auch naiv, ehrlich und sehr sensibel. Somit wird er schnell zum Spielball der "höfischen Manipulateure" und verliebt sich ausgerechnet Hals über Kopf in Nastasja Filippowna (Yuliya Borisova), die gerade das Zentrum des gesamten Ränkespiels der Oberschicht bildet. Ein tragisches Ende für Myschkin scheint unausweichlich.
Meinung zum Film:
"Der Idiot" basiert auf dem ersten Teil des gleichnamigen Romans aus der Feder des weltbekannten, russischen Literaten Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Das Werk aus dem Jahr 1868 besitzt einen Umfang von beinahe 1000 Seiten. Die vorliegende, russische Verfilmung aus dem Jahr 1958 stellt nicht den einzigen Versuch einer Literaturadaption dieses Stoffes dar. Auch bekannte Regisseure wie der Japaner Akira Kurosawa ("Hakuchi"/1951) oder der Pole Andrzej Zulawski ("Liebe und Gewalt"/1985) ließen sich von Dostojewskis Vorlage inspirieren. Die hier besprochene Verfilmung stammt aus dem traditionsreichen Studio Mosfilm. Die Regieführung übernahm Ivan Pyryev, der auch das Drehbuch schrieb, und mit "Die Brüder Karamasow" elf Jahre später eine weitere Dostojewski-Verfilmung veröffentlichte. Dieser Film erschien bereits im Oktober 2007 als deutsche DVD und zwar ebenfalls beim Label "Icestorm".
"Der Idiot" ist die tragische Geschichte einer Person, die in ihrer Unschuld und Naivität eine Art Heiligen darstellt, und in dem Moment, als sie in eine verderbte, amoralische Gesellschaft gerät, notwendig scheitern muss. Fürst Myschkin gelangt mittel- und heimatlos nach Sankt Petersburg, erhält jedoch trotzdem recht schnell Zugang in die Kreise der gehobenen Gesellschaft, die ihn einerseits wegen seiner Bildung, vor allem aber wegen seiner erheiternden Naivität, bereitwillig aufnimmt. Myschkin ist dabei umgeben von einer Vielzahl exzentrischer Charaktere, beispielsweise dem leidenschaftlichen Kaufmann Rogoshin (Leonid Parkhomenko) oder dem überehrgeizigen Ganya Ivolgin (Nikita Podgornyj). Und ausgerechnet diese beiden streiten um Nastasja Filippowna, in deren Antlitz sich Myschkin ja bereits beim ersten Anblick ihres Fotos verliebt hat. Diese war zuletzt die Geliebte des Industriellen Totsky (P. Strelin), der sie jedoch gerne loswerden würde, um standesgemäß heiraten zu können. Während der reiche Kaufmann Rogoshin leidenschaftlich und geradezu gewalttätig um ihre Gunst buhlt und sie als eine Art Trophäe seiner Männlichkeit sieht, besitzt Ivolgin vor allem finanzielle Interessen. Totsky möchte sich nämlich von Nastasja loskaufen, was sich für Ivolgin in barer Münze auszahlen würde. Während alle anderen Nastasja wie ein gefallenes Mädchen oder ein käufliches Lustobjekt behandeln, sieht Myschkin jedoch ihr wahres Wesen und das große Leid, das ihr in jungen Jahren widerfahren ist. Nastasjas aufgestauter Selbsthass und ihre Angst den kindlichen Myschkin zu verletzen, verhindern jedoch eine glückliche Verbindung der beiden gesellschaftlichen Außenseiter.
"Der Idiot" trägt in seiner Inszenierung eindeutig expressionistische Züge. Diese Tatsache ist bereits anhand des übertriebenen Make Ups der Darsteller sowie den zugespitzten Lichtverhältnissen deutlich ablesbar und erinnert an alte Stummfilme. Sämtliche Charaktere des Films wirken exzentrisch-überzeichnet, werden aber von den durchgehend hervorragenden Darstellern sehr glaubwürdig zum Leben erweckt und sind von starken, inneren Widersprüchen beseelt. Als Sittengemälde bewegt sich das Werk in einer Aura aus Gier und Verfall, in dem ein jeder rücksichtslos den eigenen Interessen hinterherjagt. Myschkin, der "Idiot", stellt dabei einen unkorrumpierten Gegenentwurf dar, der jedoch in dieser Gesellschaft wie ein weltfremdes Faktotum anmutet und gerade durch seine Güte und Aufrichtigkeit zum Scheitern verurteilt ist. Leider ist die Zugänglichkeit des Films für Westeuropäer des 21. Jahrhunderts nicht immer völlig unproblematisch, da viele gesellschaftliche Konventionen dieser Zeit, bzw. dieses Kulturkreises, stillschweigend vorausgesetzt werden. Die Handlung bleibt zwar stets nachvollziehbar, gewisse innere Beweggründe und Motivationen verbleiben aber doch etwas vage. Problematisch in Bezug auf die literarische Vorlage ist die Tatsache, dass die Handlung leider nie durch eine Adaption des zweiten Romanteils fortgesetzt wurde. Und das obwohl bereits aufgrund des Vorlagenumfangs bei der Verfilmung notwendig Inhalte auf der Strecke blieben.
Digitale Aufarbeitung:
Hinsichtlich der Bildqualität hinterlässt die DVD einen etwas durchwachsenen Eindruck. Die Schärfe sowie die Kompression bewegen sich auf einem ordentlichen Niveau und auch die Farbgebung wirkt verhältnismäßig kräftig, wenn auch auch sehr erdig. Bei den Kontrastwerten ergeben sich gewisse Schwächen, die durch häufige Helligkeitsschwankungen noch verstärkt werden. Leichte Verschmutzungen, Bildfehler und Laufstreifen müssen bei diesem mehr als 50 Jahre alten Film ebenfalls in Kauf genommen werden. Ein stärkeres Bildrauschen, das im Hintergrund nicht sonderlich auffällt, beeinträchtigt leider im Vordergrund deutlich die Schärfe, wodurch das Bild teilweise etwas verzerrt und matschig erscheint. Die DVD enthält lediglich die deutsche Mono-Tonspur, die zwar grundsätzlich gut verständlich ist, aber auch einige altersbedingte Spuren, wie z.B. ein regelmäßiges Knacken, aufweist. Die russische Originaltonspur ist ebensowenig enthalten wie irgendeine Form von Untertiteln.
Der Bonusbereich der DVD ist leider sehr spärlich ausgefallen. Es existiert lediglich eine Bio- und Filmographie von Regisseur Ivan Pyryev, eine Bildergalerie und ein sehr kurzes Feature über die Geschichte und gegenwärtige Lage der russischen Vorzeigeproduktionsfirma "Studio Mosfilm" (3:59) von Anette Metzger aus dem Jahr 2006.
Fazit:
"Der Idiot" ist eine handwerklich blitzsaubere und inhaltlich vielschichtige Adaption einer nicht unbedingt leichtverdaulichen literarischen Vorlage. Problematisch bei dieser Verfilmung ist lediglich die Konzentration auf die erste Hälfte eines insgesamt jedoch beinahe 1000 Seiten starken Buches, die der Vorlage in einem nicht mal zweistündigen Film dementsprechend natürlich niemals ganz gerecht werden kann. Technisch ist die Qualität der DVD in Anbetracht des Filmalters zufriedenstellend, ohne eine aufwändig restaurierte Vorzeigefassung darzustellen, das Bonusmaterial ist aber enttäuschend knapp ausgefallen.
Technische Daten:
|
FSK-Freigabe:
|
Bildformat:
|
Laufzeit:
|
|
|
1,33:1
|
116:20 Minuten
|
|
Sprachen / Tonformate:
|
Deutsch Dolby Digital 2.0 |
|
Untertitel:
|
|
Keine Untertitel vorhanden. |
|
Bonusmaterial:
|
- Bio- und Filmographie von Regisseur Ivan Pyryev
- Bildergalerie
- "Studio Mosfilm"
|
|  |
Der Idiot
Nastasja Filippowna
Hochwertige, russische Literaturverfilmung mit einem herausragenden Yuriy Yakovlev
Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr
Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Sowjetunion, 1958 Regie: Ivan Pyryev Drehbuch: Ivan Pyryev (basierend auf einem Roman von Fjodor Dostojewski) Darsteller: Yuriy Yakovlev, Yuliya Borisova, Nikita Podgornyj, Nikolai Pazhitnov, Leonid Parkhomenko, Raisa Maksimova
Label :
Icestorm Entertainment
Verkaufsstart : 14.09.2009
|