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DVD-Besprechung - Das weiße Band

Story:
Das Dorf Eichwald im protestantischen Norden Deutschlands am Vorabend des ersten Weltkrieges 1913/14. Es herrscht eine strenge Hierarchie unter den Einwohnern, die patriarchalen Strukturen sitzen tief. Allen voran haben der strenge Pastor (Burghart Klaußner), der lokale Arzt (Rainer Bock), der Gutsverwalter (Josef Bierbichler) sowie der überhebliche Baron (Ulrich Tukur) das Sagen über die Frauen, Kinder und Bauern des Dorfes. Mit dem Reitunfall des Arztes beginnt eine Reihe scheinbarer Unfälle, die sich bei genauerem Hinsehen bald als Angriffe herausstellen. Schnell stellen sich alle die eine Frage: Wer verübt diese Taten und was haben sich die Opfer zu Schulden kommen lassen? Denn es scheint, also ob sie für etwas bestraft würden...

Meinung zum Film:
Der Österreicher Michael Haneke ist als angesehener Autorenfilmer bekannt für die zentralen Themen seiner Werke: Gewalt, Angst und deren Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Im seinem aktuellen Film "Das weiße Band" bricht Haneke diesen Ansatz auf die Einwohnergemeinschaft eines kleinen Dorfes in der Uckermark herunter. Die nach strenger hierarchischer Ordnung organisierten Inhaber der Machtpositionen im Gefüge der örtlichen Befugnisse lassen keine Gelegenheit aus, ihren "Untergebenen" die eigene Macht spüren zu lassen. Der Pastor (Burghart Klaußner, "Yella") ist selbst für seine eigenen Kinder unnahbar und herrisch, distanziert sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit von ihnen. Zudem bindet er den Kindern für ein geringfügiges Vergehen das titelgebende weiße Band an den Körper: Sie sollen sich dadurch stets an die Tugend erinnern, von der sie sich abgewandt haben (sollen). Der Arzt (Rainer Bock, "Inglourious Basterds") verhöhnt und demütigt die in seinem Haus arbeitende Hebamme (Susanne Lothar, "Der Vorleser"), zu der er ein uneheliches Verhältnis hat und die sich herzlich um seine Kinder kümmert. Gutsverwalter (Josef Bierbichler, "Im Winter ein Jahr") und der Baron (Ulrich Tukur, "John Rabe") spielen sich gegenüber den ihnen untergebenen Arbeitern und Hausbediensteten höchst überheblich auf und behandeln einen jeden respektlos. Die Darstellung dieser Figuren gelingt dem Ensemble famos. An keiner der Figuren kommt Zweifel auf, die Charakterzüge werden von den Darstellern glaubhaft wiedergeben und man mag sich die Augen reiben, wie eindrucksvoll gerade die Kinderdarsteller ihre Leistung abliefern.

Der Film erzählt seine Geschichte aus der Perspektive des Dorflehrers (Christian Friedel, "Ritter der traurigen Gestalt"), dessen Stimme das Visuelle als Offscreen-Sprecher begleitet. Als Lehrer hat er direkten Bezug zu den Kindern, welche sich immer mehr als der zentrale Dreh- und Angelpunkt herausstellen. Die beiden Kinder des Pastors mit dem weißen Band, die Tochter des Arztes, die sich rührend um den kleinen Bruder kümmert, der Sohn des Baron, welcher gleich wie der behinderte Sohn der Hebamme zum Opfer diverser Angriffe wird. Die Kinder sind der Schlüssel zur verrätselten Story von Hanekes Werk, das so einiges Nachdenken und Diskutieren auslösen kann. "Das weiße Band" entlässt den Zuschauer nicht mit einem klar aufgearbeiteten Endzustand. Es zeigt Möglichkeiten auf, die einzeln durchdekliniert, mehr oder weniger offensichtlich zusammen passen. Dies mag für einige nach fast 2 ½ Stunden Filmlänge unbefriedigend sein, passt aber zu Hanekes Aussage, dass er mit seinen Filmen weniger unterhalten will, sondern das Ziel verfolgt, den Zuschauer durch Irritation zum Nachdenken zu bewegen.

Visuell ist "Das weiße Band" eine willkommene Ausnahmeerscheinung. Den derzeit gerade bei Hollywood-Produktionen zu beobachtenden Trend, durch schnelle Schnitte, dynamische Einstellungen und hektische Kamerabewegungen die Dramaturgie zu verstärken, greift Haneke an keiner Stelle seines Films auf. Er verwehrt sich dem gänzlich: Langsame Bewegungen und lange Einstellungen sind charakteristisch. Gerade dadurch entfaltet sich eine dem Film eigene visuelle Stärke, da die kontrastreichen Schwarzweiß-Bilder sehr eindringlich arrangiert sind. Der mise-en-scene wird eine Bedeutung zugeschrieben, wie es meist nur der Autorenfilm zulässt. Auf der Ebene des Soundtracks herrscht wie bei vielen Haneke-Filmen meistens Ruhe. Nur die Geräusche der Filmwelt sind wahrnehmbar, Musik ist nur dann zu hören, wenn die Charaktere diese erzeugen. An solchen Stilmitteln ist abzulesen, dass es sich bei "Das weiße Band" um einen besonderen Film handelt, der sich von vielen aktuellen Produktionen durch Form aber auch Inhalt abhebt. So wurde das Werk beim diesjährigen Filmfestival in Cannes mit dem Hauptpreis (Goldene Palme) ausgezeichnet. Gleich dreimal gab es beim 22. Europäischen Filmpreis Applaus für "Das weiße Band", der als "Bester Film" prämiert und für das "Beste Drehbuch" sowie die "Beste Regie" ausgezeichnet wurde. Das der Film auch über die europäischen Grenzen hinaus äußerst positiv aufgenommen wurde, zeigt der Gewinn des Golden Globes für den "Besten fremdsprachigen Film" und die Oscarnominierung. Ob "Das weiße Band" den Goldjungen gewinnen kann, zeigt sich am 7. März, denn an diesem Tag werden in Los Angeles die Academy Awards 2010 verliehen. Pro7 überträgt für alle Daumendrücker in der Nacht zum Montag ab 2:00 Uhr (dt. Zeit) live.

Digitale Aufarbeitung:
Bild und Tonqualität der DVD können sich sehen lassen. Gerade das scharfe, im kontrastreichen Schwarzweiß gehaltene Bild überzeugt. Der deutsche Originalton liegt als Dolby-Digital-5.1-Spur vor und wird durch eine deutsche Untertitelspur für Hörgeschädigte ergänzt. Die Dialoge sind jederzeit gut zu verstehen und so macht "Das weiße Band" einen ordentlichen Gesamteindruck.  

Die "Deluxe 2 Disc Edition" bringt gleich eine eigene DVD für die umfangreichen Extras mit. Das Porträt über Michael Haneke ist mit knapp 50 Minuten Laufzeit sehr umfangreich und informativ ausgefallen. Ein 20minütiges Feature zeigt Impressionen aus der Pressekonferenz im Rahmen des Screenings beim Internationalen Filmfestival in Cannes. Anschließend folgt ein Making of, das weitere Hintergründe und Einblicke in die Dreharbeiten vermittelt. Mit 40 Minuten Dauer ist auch dieses Extra ein zu lobendes Ausstattungsmerkmal.

Fazit:
"Das weiße Band" überzeugt in dieser "Deluxe 2 Disc Edition" in allen Belangen. Der Film ist eines der außergewöhnlichsten Werke des letzten Kinojahres und macht sich berechtigte Hoffnungen auf den Oscargewinn. Die DVD bietet eine gute Bild- und Tonqualität, vor allem die Extras auf der zweiten DVD überzeugen durch Umfang und Inhalt.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,85:1
1,85:1
138:09 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Untertitel:
Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial:
  • Making of
  • Feature Filmfestspiele Cannes
  • Porträt Michael Haneke
Das weiße Band - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Das weiße Band
Das weiße Band

Dieser Film wurde mit dem Splash-Hit ausgezeichnet


Bild unseres Mitarbeiters Marcus Offermanns
Ein inhaltlich sowie formal exzellenter Autorenfilm, gut gespielt und kunstvoll inszeniert


Autor der Besprechung:
Marcus Offermanns

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Österreich/Deutschland/Frankreich/Italien, 2009
Regie:
Michael Haneke
Drehbuch:
Michael Haneke
Darsteller:
Ulrich Tukur, Susanne Lothar, Mercedes Jadea Diaz, Josef Bierbichler, Burghart Klaußner

Label Deutschland :
X Edition

Vertrieb Schweiz :
Warner Home Video Switzerland