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DVD-Besprechung - Overlord

Story:
Der Engländer Thomas Beddows (Brian Stirner) ist einer von vielen jungen Männern, die während des Zweiten Weltkrieges zum vaterländischen Kriegsdienst eingezogen werden. Thomas wird unvermittelt ins Soldatenleben geworfen, reist fortan von Camp zu Camp, durchläuft die Grundausbildung und erhält diverse Spezialausbildungen und wird somit Schritt für Schritt ein Rädchen im Getriebe der gigantischen Operation Overlord, die Landung der Alliierten in der Normandie, besser bekannt als D-Day.

Meinung zum Film:
Im Rahmen ihres sehr speziellen und vielfältigen Programms veröffentlicht das ambitionierte Label Bildstörung mit "Overlord" erstmals einen Kriegsfilm. Das komplett in Schwarz-Weiß gedrehte, britische Werk entstand im Jahr 1975 unter der Federführung des Imperial War Museum in London. Daraus ergibt sich bereits eine Besonderheit des Films, die Kombination von historischem Archivmaterial, vornehmlich aus der Bibliothek des IWM, und nachgestellten Spielszenen, wobei die Originalaufnahmen beinahe ein Drittel des Films einnehmen. Die Spielszenen wurden somit stilistisch den zeitgenössischen Aufnahmen nachempfunden, um Brüche in der Wahrnehmung des Films zu vermeiden. Zu diesem Zweck wurden alte, unbeschichtete, deutsche Zeiss-Kameraobjektive verwendet. Das IWM fungierte auch als historischer Berater und stellte zudem den Kontakt zum britischen Verteidigungsministerium her, das die Produktion logistisch unterstützte. Trotz guter Kritiken und der Auszeichnung mit dem Silbernen Bären bei der Berlinale 1975 erreichte der Film jedoch nie ein großes Publikum. Erst der Dokumentarfilm "Z-Channel" aus dem Jahr 2004, der auch Szenen aus "Overlord" enthielt, weckte erneut das Interesse an diesem Film. Dieses manifestierte sich zunächst in einem Screening beim Telluride Filmfestival und mündete schließlich im Jahr 2007 in einer digital restaurierten, aufwändigen DVD-Premiere im Rahmen der amerikanischen Criterion Collection.  

"Overlord" besticht zunächst vor allem mit einem durchgängig sehr hohen Maß an Authentizität. Die Spielszenen und Originalaufnahmen verschmelzen nahezu perfekt zu einem homogenen Ganzen und sind lediglich durch logisch-inhaltliche Rückschlüsse, nicht aber durch handwerkliche Kriterien, auseinanderzuhalten. Die Mitarbeit des IWM und der britischen Streitkräfte verhelfen dem Film aber auch in den Spielszenen, und deren Ausstattung, zu einem historisch akkuraten Eindruck. Inhaltlich erreicht der Film gerade dadurch eine große Anschaulichkeit, dass Thomas im Grunde einen englischen Durchschnittsbürger dieser Zeit verkörpert. Seine eher spärlich ausgearbeitete Filmbiographie und die eher seltenen Dialoge unterstützen noch diesen vorherrschenden Stellvertretereindruck. Trotzdem stellt Thomas keine undurchschaubare Black Box dar, denn das Drehbuch entwirft auf Grundlage zeitgenössischer Tagebücher, Briefe und Postkarten von Soldaten typische Tagesabläufe und Denkmuster. Trotzdem bleibt Thomas Geschichte nur eine kleinere, persönliche Sicht auf die umfassend dargestellte Kriegschronik bis zum finalen D-Day.

"Overlord" ist jedoch im Grunde kein Antikriegsfilm. Das Werk zeigt den Alltag eines Wehrpflichtigen im Krieg und in den wenigen Ruhepausen des Krieges, kommt dabei durchaus zu der Ansicht, dass Krieg wenig erstrebenswert und voller Grausamkeiten ist, betont aber die Sinnhaftigkeit der Pflichterfüllung und stellt den eigenen Einsatz des Lebens keineswegs in Frage, auch wenn das Soldatenleben keineswegs heroisiert wird. Überlagert wird der Film von Thomas Vorahnungen seines bereits feststehenden Todes im Feld, den er auch innerlich akzeptiert, welche in Verbindung mit weiteren, leicht surreal angehauchten Traumsequenzen, die ein wenig an "Johnny zieht in den Krieg" erinnern, den Abstraktionsgrad des Films erhöhen und dadurch auch gängige Sehgewohnheiten ein wenig unterlaufen.

Digitale Aufarbeitung:
Als Vorlage stand Bildstörung das digital remasterte Criterion-Material zur Verfügung. Dementsprechend macht die Bildqualität einen wirklich überzeugenden Eindruck. So bewegt sich die Schärfe, bei aller gewollten Grobkörnigkeit des Bildes, auf einem wirklich guten Niveau und auch die qualitativ schwankenden Archivaufnahmen können das sehr positive Gesamtbild nicht beeinträchtigen. Leider müssen entsprechende Lobeshymnen für die deutsche Tonspur entfallen. Zwar zeichnet sich diese stets durch eine gute Verständlichkeit aus, die deutsche Synchronisation klingt aber stark nach Studio und dementsprechend künstlich. Auch die nicht immer ganz gute Abstimmung mit den Musiksequenzen sorgt hier für einen eher spröden Eindruck. Deshalb ist hier die natürlich wirkende, englische Originaltonspur die eindeutig bessere Wahl, zumal die DVD auch optionale, deutsche Untertitel beinhaltet.

Das Bonusmaterial entspricht in weiten Teilen der UK-DVD, die ebenfalls im Jahr 2010 erschien, geht aber noch ein wenig darüber hinaus. Die Criterion-DVD besitzt aber immer noch teilweise exklusives Bonusmaterial. Die Extras der deutschen DVD sind komplett deutsch untertitelt. Sie umfassen Interviews mit dem Darsteller Nicholas Ball (11:23), mit Doug O'Neons (8:58) und dem Experten Roger Smither, zuständig für das Film- und Fotoarchiv des Imperial War Museum (15:57). Ball berichtet über seine Erfahrungen bei den Dreharbeiten, O`Neons berichtet über Arbeitsweise sowie Tricks des Kameramanns John Alcott ("The Shining") und Smither liefert Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Films und die Mitwirkung des IWM. Der experimentell anmutende Kurzfilm "A Test of Violence" (13:39) aus dem Jahr 1969 stammt ebenfalls von Stuart Cooper und setzt sich mit dem Werk des spanischen Künstlers Juan Genovès auseinander. Der Newsreel-Film "Cameramen at War" (14:06) ist ein britischer Propagandafilm über furchtlos ihr Leben riskierende Kriegsberichterstatter, während der kurze Clip "Germany Calling" (2:00) von 1941, der auch im Film teilweise zu sehen ist, Szenen aus Riefenstahls "Triumph des Willens" in humoristischer Absicht mit dem Song "The Lambeth Waltz" montiert. Das Feature "Briefe von der Front" (12:01) enthält gelesene Auszüge von Soldatentagebüchern, die Einfluß auf das Drehbuch hatten. Das eigentliche Highlight des Bonusmaterials ist allerdings der sehr detaillierte und informative Audiokommentar von Regisseur und Drehbuchautor Stuart Cooper, löblicherweise optional mit deutschen Untertiteln. Cooper nimmt hier sowohl zu handwerklichen als auch inhaltlichen Gesichtspunkten des Films ausführlich Stellung und gewährt umfassende Einblicke in die Entstehungsgeschichte von "Overlord". Der DVD liegt außerdem ein gelungenes, 36-seitiges Booklet bei. Dieses enthält abzüglich der Eigenwerbung auf 30 Seiten, die etwa zur Hälfte Fotos umfassen, zahlreiche Hintergrundinformationen zum Film sowie Passagen aus der Romanfassung von "Overlord". Die Veröffentlichung wird im Schuber, inklusive großem FSK-Flatschen ausgeliefert. Das enthaltene Keep Case besitzt jedoch ein beidseitig flatschenfreies Cover mit Filmszenen.

Fazit:
"Overlord" ist die mit hoher Authentizität ausgestattete Projektion eines umfassenden Kriegspanoramas mit leichtem Arthaus-Touch, die im Grunde im Rahmen einer größeren Kriegschronik die kleinere, persönlichere Geschichte eines Durchschnittsbürgers im Krieg thematisiert. Durch die handwerklich nahtlos zusammengefügten Spiel- und Archivszenen besitzt der Film ein Alleinstellungsmerkmal und fängt die Stimmung der Kriegszeit sehr gut ein, ohne dabei aber, auch aufgrund der kurzen Laufzeit, eine dominante, im Detail perfekt durchdeklinierte Handlung zu entfalten. Technisch ist die Veröffentlichung über jeden Zweifel erhaben und bietet sowohl qualitativ als auch quantitativ ansprechendes Bonusmaterial.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 16
1,66:1
1,66:1
78:58 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Englisch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Interview mit Schauspieler Nicholas Ball
  • Interview mit Kameramann Doug O`Neons
  • Interview mit Roger Smither vom Imperial War Museum
  • "A Test of Violence"
  • Newsreel-Film "Cameramen at War"
  • Propagandaclip "Germany Calling"
  • "Briefe von der Front"
  • Original Kinotrailer
  • Audiokommentar von Regisseur Stuart Cooper
  • 36-seitiges Booklet
Overlord - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Kennwort: Overlord
Overlord

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Die Wiederentdeckung eines eher ungewöhnlichen Kriegsfilms im Rahmen einer sehr hochwertigen DVD-Veröffentlichung


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Großbritannien, 1975
Regie:
Stuart Cooper
Drehbuch:
Christopher Hudson, Stuart Cooper
Darsteller:
Brian Stirner, Davyd Harries, Nicholas Ball, Julie Neesam, Sam Sewell, John Franklyn-Robbins

Label Deutschland :
Bildstoerung
Verkaufsstart Deutschland :
04.06.2010

Vertrieb Schweiz :
Al!ve
Verkaufsstart Schweiz :
04.06.2010