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DVD-Besprechung - Die zwei Leben des Daniel Shore

Story:
Daniel Shore (Nikolai Kinski) ist Amerikaner mit deutschen Wurzeln und studiert in Berlin. Bevor er seine Doktorarbeit in Angriff nimmt, beschließt er aber eine Auszeit zu nehmen, und kommt in der Villa seines Freundes Henry (Sean Gullette) in Tanger, Marokko unter. Dort verliebt er sich in die Einheimische Imane (Morjana Alaoui) und beide verleben glückliche Tage mit ihrem kleinen Sohn. Als ihr Sohn vor seinen Augen gewaltsam ums Leben kommt, kann Daniel dieses Trauma aber nicht verarbeiten, trennt sich von Imane und kehrt nach Deutschland zurück. Fortan lebt er im Haus seiner Großmutter in Stuttgart und versucht einen neuen Doktorvater, der seine Abschlussarbeit betreut, zu finden. Im Haus leben jedoch sehr merkwürdige Nachbarn und besonders der Bankangestellte Feige (Matthias Matschke) ist ihm nicht geheuer. Zunehmend überlappen sich für Daniel die Realität und seine Wahnvorstellungen, in denen auch Feige einem kleinen Jungen Gewalt antun möchte.

Meinung zum Film:
„Die zwei Leben des Daniel Shore“ ist das Langfilmdebüt des deutschen Regisseurs und Drehbuchschreibers Michael Dreher („Fair Trade“ → Siehe Bonusmaterial der DVD), das mit einem Budget von lediglich 1,2 Millionen Euro realisiert wurde und auch einen sehr begrenzten Kinostart erlebte, der jedoch lediglich armselige 1965 Zuschauer anlockte. Mit dieser Produktion gab auch Nikolai Kinski („Klimt“), der Sohn des großen Klaus Kinski („Aguirre, der Zorn Gottes“), sein Kinodebüt. Der Film enthält sowohl Szenen, die in Marokko gedreht wurden, als auch Passagen deutschen Ursprungs, wobei letztere, was die Laufzeit betrifft deutlich dominieren. Während in Marokko, bis auf Morjana Alaoui („Martyrs“) und Sean Gullette („Pi“), vor allem auf Laiendarsteller gesetzt wurde, wirken in der deutschen Hälfte zahlreiche bekannte Theaterdarsteller, wie Katharina Schüttler („Sophiiiie!“), Judith Engel („Der Freie Wille“) und Matthias Matschke („Meine schöne Bescherung“), mit.

„Die zwei Leben des Daniel Shore“ ist die Geschichte eines jungen Mannes, der in Marokko zunächst sein Glück findet, dort aber später ein schweres Trauma erleidet, in einen deutschen Alltag zurückkehrt, in dem er sich nicht mehr zurecht findet und sich von Wahnvorstellungen getrieben zunehmend zum Paranoiker entwickelt, bei dem Realität und Scheinwelt zunehmend zu einer einzigen Bewusstseinsebene verschmelzen. Für einen Debütfilm wirkt das vorliegende Werk handwerklich unglaublich ausgereift und, auch im Hinblick auf das Zusammenspiel der inhaltlichen und technischen Ebene, sehr durchdacht, wobei Drehers Kinoerstling aber trotzdem auch immer wieder die Verspieltheit eines Experimentalfilms in sich trägt. So zerfällt der Film nicht nur geographisch, sondern auch stilistisch in zwei Welten. In Marokko entwirft der Film ein Szenario exotischer Freiheit und unterstreicht diesen Anspruch mit einer sehr dynamischen Kameraführung voller Lebendigkeit. In Deutschland hingegen bezieht Daniel das wie ein altmodisches Herrenhaus anmutende Domizil seiner verstorbenen Großmutter. Hier dominieren ruhige Kamerafahrten und eine sehr stimmungsvolle, klassisch-orchestrale Musikkulisse das Geschehen. Optisch gemahnen diese handwerklichen Kniffe an die „Spukhausatmosphäre“ stimmungsvoller spanischer Gruselfilme wie „Fragile“ oder „Das Waisenhaus“.  

Das Umfeld selber, voller skuriller, unergründbarer Charaktere, die jedoch scheinbar alle etwas zu verbergen haben, entfaltet jedoch eine Stimmung von geradezu kafkaesken Ausmaßen. Verbunden mit dem Setting und Daniels eigener Situation werden hier vor allem Erinnerungen an Polanskis „Der Mieter“ wachgerufen. Leider fällt das Werk hinsichtlich seines narrativen Potentials allerdings deutlich ab, wobei Dreher hier auch auf inhaltlicher Ebene keineswegs ausgetretene Pfade beschreitet. Die Erzählstruktur ist äußerst komplex und damit leider auch häufig ähnlich unzugänglich, wie die Charaktere, allen voran Daniel, unnahbar erscheinen. Die Geschichte beginnt mit dem Ende des Marokko-Abenteuers und der Polizeiuntersuchung der Leiche des Jungen. Darauf folgt der in Deutschland spielende Teil des Films, der immer wieder durch Rückblenden unterbrochen bzw. überlagert wird, die die Geschehnisse in Marokko chronologisch bis zum Filmbeginn aufrollen. Gegen Ende verschmilzen beide Erzählebenen zunehmend und betonen eine Parallelität der Geschehnisse, die weitgehend nur noch in Daniels Kopf stattzufinden scheinen. Problematisch für den Zuschauer ist dabei jedoch nicht nur das offene Ende, das ins Nichts führt, sondern vor allem das niedrige Erzähltempo gepaart mit einer verschwindend geringen Anzahl wirklicher Ereignisse, die Unzugänglichkeit des Innenlebens der filmischen Hauptperson sowie die emotionslos geführten, spärlichen Dialoge des Films.

Digitale Aufarbeitung:
Die DVD überzeugt mit einer wirklich guten Bildschärfe, die durch das leichte Rauschen kaum beeinträchtigt wird. Die Farbgebung des Films wirkt kräftig, wurde aber bewusst bearbeitet. Während in Marokko, analog zum Inhalt, warme Farbtöne dominieren, beherrschen in Deutschland kältere Ausformungen das Geschehen. Die Kompression bewegt sich auf einem hohen Niveau und die Kontrastwerte wirken zu jeder Zeit sehr ausgewogen. Die deutschen Tonspuren überzeugen mit einer durchgehend guten Verständlichkeit bei den Dialogen und einer sehr stimmungsvoll abgemischten Sound- und Musikkulisse. Zwar gibt es im Film keine Actionsequenzen, aber z.B. bei den druckvollen Discosound-Clubsequenzen in Marokko hat die deutsche Dolby-Digital-5.1-Tonspur die Nase deutlich vorn. Englische und französischsprachige Passagen werden fest deutsch untertitelt. Optional bietet der Film auch zusätzliche englische Untertitel, was aufgrund der eingebrannten, deutschen Untertitel allerdings teilweise zu unschönen, gedoppelten Untertiteln führt.  

Zunächst findet sich im Bonusmaterial der sehr gelungene Audiokommentar mit Regisseur Michael Dreher und dem Filmkritiker Rüdiger Suchsland. Suchsland agiert hier quasi als Interviewer bzw. Stichwortgeber, während Dreher sich zu den angeführten Punkten ausführlich äußert. Somit werden sehr viele interessante Hintergrundinformationen zum Film vermittelt. Der Audiokommentar ist insgesamt sehr unterhaltsam und mindestens genauso informativ ausgefallen und zeigt, wie ein solches Feature optimal gestaltet werden kann. Weiterhin befindet sich auf der DVD auch noch der Kurzfilm “Fair Trade” (14:46) mit Judith Engel und Barnaby Metschurat (“KDD - Kriminaldauerdienst”), der gleichzeitig Drehers Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) darstellt. Der Film spielt ebenfalls in Tanger/Marokko und offeriert lobenswerterweise auch optionale, englische Untertitel für Nicht-Muttersprachler. Dieser handwerklich sehr überzeugende und inhaltlich knackige Kurzfilm wurde verdientermaßen mit Auszeichnungen geradezu überhäuft. Dazu gehörten u.a. der First Steps Award und der Max Ophüls Preis, außerdem gab es eine Nominierung für den Studenten-Oscar. Das Making Of (15:01) zum Film kann zwar hinsichtlich seiner Informationsfülle nicht mit dem Audiokommentar mithalten, liefert aber beispielsweise prägnante Einblicke in die Entstehung des deutschen “Herrenhaus-Sets”, das keineswegs real existierte, sondern komplett in einer großen Halle konzipiert und erbaut wurde. Den Abschluss des Bonusmaterials bilden der deutsche Trailer, eine Fotogalerie mit Bildern vom Set und Filmszenen sowie das 28-seitige Presseheft. Dieses findet sich als PDF-Dokument im DVD-ROM-Bereich der Veröffentlichung und enthält neben ausführlichen Hintergrundinfos zu den Darstellern sowie der Filmcrew auch noch interessante Interviews mit Michael Dreher und Nikolai Kinski.

Fazit:
„Die zwei Leben des Daniel Shore“ ist ein handwerklich mehr als beeindruckendes Debüt, das in dieser Hinsicht große Finesse besitzt, eine kafkaeske Stimmung erzeugt und den Zuschauer selbst zum Paranoiker werden lässt. Allerdings hat der Film auf der erzählerischen Ebene nicht nur mit seinem teils experimentellen Charakter zu kämpfen, sondern bremst auch mit einer überkomplexen Erzählstruktur voller Rückblenden, ist auch aufgrund seiner Charaktere, von denen viele Hintergründe einfach verschwiegen werden, alles andere als leicht zugänglich und kann mit seinem offenen, wendungsarmen Finale nur bedingt überzeugen. Technisch ist die DVD voll gelungen und bietet extrem hochwertiges, geradezu vorbildliches Bonusmaterial.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
2,35:1
2,35:1
91:20 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Englisch
Bonusmaterial:
  • Audiokommentar von Michael Dreher und Filmkritiker Rüdiger Suchsland
  • Kurzfilm "Fair Trade"
  • Making Of
  • Deutscher Trailer
  • Fotogalerie
  • Presseheft (DVD-ROM)
Die zwei Leben des Daniel Shore - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Die zwei Leben des Daniel Shore
Die zwei Leben des Daniel Shore

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Ein mutiges und handwerklich beeindruckendes Kinodebüt, erzählerisch allerdings nicht gerade leicht zugänglich präsentiert


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 2009
Regie:
Michael Dreher
Drehbuch:
Michael Dreher
Darsteller:
Nikolai Kinski, Katharina Schüttler, Morjana Alaoui, Sean Gullette, Judith Engel, Matthias Matschke

Label Deutschland :
Arthaus
Verkaufsstart Deutschland :
18.11.2010