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DVD-Besprechung - Micmacs - Uns gehört Paris!

Story:
Bazil (Dany Boon) wird früh zu einem Waisenkind, als sein Vater in Marokko das Opfer einer Landmine wird. 30 Jahre später wird er selbst das Opfer einer Schießerei und behält als Andenken eine Kugel im Kopf zurück, weshalb ihm jederzeit die Sicherungen rausfliegen können. Obdach- und mittellos landet er schließlich bei der schrägen Gauklerfamilie von Placard (Jean-Pierre Marielle). Hier leben u.a. auch die Schlangenfrau La Môme Caoutchouc (Julie Ferrier), der größtenteils aus Metall bestehende Kanonenmann Fracasse (Dominique Pinon), und der sich ständig nur in Sprichworten äußernde Remington (Omar Sy). Mit ihrer Hilfe plant Bazil die Rache an den beiden für sein Elend verantwortlichen Waffenfabrikanten Nicolas Thibault de Fenouillet (André Dussollier) und François Marconi (Nicolas Marié), die er auf phantasievolle Weise gegeneinander ausspielt, wobei es jedem Familienmitglied möglich ist, seine besonderen Talente bei der Durchführung einzubringen.

Meinung zum Film:
Der französische Regisseur Jean-Pierre Jeunet („Delicatessen“) steht für visuell ungewöhnliche und ebenso beeindruckende Filme voller phantastischer Einfälle, die von äußerst skurrilen Charakteren bevölkert werden. Mit „Micmacs – Uns gehört Paris!“ versuchte sich Jeunet an einer für seine Verhältnisse vergleichsweise einfach zugänglichen und von einer relativ heiteren Stimmung durchzogenen Komödie, vor dem ernsten Hintergrund des skrupellosen, internationalen Waffenhandels. Zumindest bei der Optik ging Jeunet allerdings erneut keine Kompromisse ein und realisierte ein Panoptikum visueller Spielereien mit großer Liebe zum Detail, Kleinkunstdarbietungen schräger Charaktere vor einer insgesamt als märchenhaft-phantastisch interpretierten Kulisse von Paris. Die Hauptrollen bestreiten dabei viele bekannte, einheimische Darsteller wie Dany Boon („Willkommen bei den Sch'tis“), Dominique Pinon („Alien – Die Wiedergeburt“), André Dussollier („36 – Tödliche Rivalen“), oder Nicolas Marié („39,90“).

„Micmacs – Uns gehört Paris“ fair zu bewerten, ist kein einfaches Unterfangen, denn hier wurde einerseits von Jeunet auf künstlerischer Seite mit viel Liebe zum Detail sowie Einfallsreichtum gearbeitet und ein phantastisch-märchenhafter, visueller Gegenentwurf zum modernen Paris entworfen. Andererseits entfaltet sich innerhalb dieses Panoramas eine inhaltlich äußerst simpel erscheinende Hommage an Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“, deren komödiantische Ausrichtung dem Ernst des Themas, illegale Waffenexporte in die Dritte Welt, zuwiderläuft und teilweise eher so wirkt, als wäre hier ein Festival der Kleinkunst filmisch begleitet worden. Denn die besonderen Fähigkeiten der teils grotesk angelegten Charaktere umfassen ein breites Spektrum künstlerischer Talente wie beispielsweise Pantomime, Aktionskunst und Akrobatik. Und diese werden nun im Film, im Rahmen der Aktionen gegen die beiden Waffenschieber, auf sehr kreative Weise realisiert bzw. kombiniert. Leider mangelt es der eigentlichen Geschichte aber erheblich an Dynamik, überraschenden Wendungen, einer differenzierteren Darstellung und einer durchgehend fesselnden Dramaturgie.  

Die eigentliche Konfrontation einer Gruppe schräger Außenseiter mit den durchaus realistisch anmutenden Waffenhändlern erschwert sogar teilweise den Einstieg in die comichafte Phantasiewelt, da der über die Optik und Charaktere hinausgehende Humor sich doch eher durch Pointenlosigkeit nebst Klamaukhaftigkeit auszeichnet und auch aus einer x-beliebigen, seichten Mainstreamproduktion entsprungen sein könnte. Das ist umso schmerzlicher, da der Film handwerklich in Sachen Schnitttechnik, Kameraeinstellungen, Szenenbilder sowie der homogenen Einbindung von Musik und Soundeffekten nahe am Rande der Perfektion wandelt und es auch in vielen Szenen immer wieder kleine, liebevoll eingearbeitete Details zu entdecken gibt. Die inhaltliche Naivität können aber all diese Stärken leider nicht überdecken. Zudem wirken einige Storyelemente, wie beispielsweise die sich anbahnende Romanze zwischen Bazil und der Schlangenfrau, halbherzig und ohne emotionales Gespür für die Situation integriert.

Digitale Aufarbeitung:
Die Bildschärfe der DVD macht einen sehr guten Eindruck und bietet auch viele Details. Die Kontrastwerte machen zudem durchgehend einen ausgewogenen Eindruck. Die Farbgebung wurde aber bewusst in erheblicher Weise durch Filter manipuliert. Der Film setzt auf eine sehr warme Farbgebung und hat einen durchgehenden Gelbstich. Das wirkt zwar alles andere als natürlich, verleiht dem Film aber einen sehr phantasievollen, künstlerisch-surrealistischen Look. Bildrauschen ist durchaus feststellbar, fällt aber nicht weiter ins Gewicht. Akustisch präsentiert sich der Film sehr überzeugend. Die Dialoge klingen bei allen Tonspuren gut verständlich, die Musikuntermalung wirkt sehr nuanciert sowie atmosphärisch und die Soundeffekte präsentieren sich sehr dynamisch, häufig räumlich und wenn nötig auch kraftvoll. Es gibt optionale, deutsche Untertitel, was auch die Betrachtung des Films im Originalton ermöglicht.  

Auf der DVD befindet sich zunächst der französische Audiokommentar des Regisseurs Jean-Pierre Jeunet, der deutsche Untertitel beinhaltet. Jeunet liefert hier einen interessanten und engagierten Vortrag, der zahlreiche interessante Hintergrundinformationen zum Film beinhaltet. Thematisch umschließen diese Erläuterungen u.a. Aspekte wie die Musikuntermalung, das Casting der Darsteller, die Drehorte, die Szenenbilder, oder Anleihen an große, filmische Vorbilder. Das ausführliche Making Of (47:21) ist eine Art Drehtagebuch und begleitet die Dreharbeiten zum Film anhand diverser herausgegriffener Szenen. Dabei fehlt ein begleitender Kommentar, die Gespräche/Diskussionen der Verantwortlichen und Darsteller werden aber deutsch untertitelt. Die Kamera ist sehr nah am Geschehen und bietet somit vielsagende Impressionen vom Set. Das Making Of endet mit einem Test-Screening und schließlich der Filmpremiere. Insgesamt ergänzen sich Audiokommentar und Making Of optimal. Zudem befinden sich auf der DVD noch eine mäßige Fotogalerie, vor allem mit Filmszenen, und der deutsche sowie französische Trailer.

Fazit:
„Micmacs – Uns gehört Paris!“ ist optisch ein echter Jeunet und entfaltet stilistisch ein phantastisch anmutendes Panorama der Surrealität in handwerklicher Vollendung. Leider wirkt die zugrundeliegende Geschichte wenig durchdacht, dramaturgisch unvollendet, erschreckend simpel ausgeformt und von eher pointenlosem Klamauk für kindliche Gemüter durchzogen, weshalb sich zwischen Form und Inhalt insgesamt eine fatale Diskrepanz eröffnet. Technisch ist die DVD sehr überzeugend ausgefallen und auch das sinnvoll abgestimmte Bonusmaterial stellt eine deutliche Aufwertung der Veröffentlichung dar.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
2,35:1
2,35:1
100:01 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Französisch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Audiokommentar von Regisseur Jean-Pierre Jeunet
  • Making Of
  • Fotogalerie
  • Deutscher und französischer Trailer
Micmacs - Uns gehört Paris! - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Micmacs - Uns gehört Paris!
Micmacs à tire-larigot

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Visuell, wie von Jeunet gewohnt, ein echter Leckerbissen, inhaltlich hingegen eine riesige Enttäuschung!


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Frankreich, 2009
Regie:
Jean-Pierre Jeunet
Drehbuch:
Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant
Darsteller:
Dany Boon, André Dussollier, Nicolas Marié, Julie Ferrier, Omar Sy, Dominique Pinon, Jean-Pierre Marielle

Label Deutschland :
Arthaus
Verkaufsstart Deutschland :
02.12.2010