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DVD-Besprechung - Der Erste Weltkrieg in Farbe

Story:
Der 1. Weltkrieg hatte seinen Ausgangspunkt in dem vermeintlich von serbischen Nationalisten geplanten, tödlichen Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz-Ferdinand und seine Frau in Sarajevo am 28. Juni 1914. Aufgrund der komplexen europäischen Bündnisverpflichtungen entfaltete sich eine nicht mehr aufzuhaltende Eigendynamik, die dafür sorgte, dass sich gegen Ende des Krieges 25 Staaten inklusive ihrer Kolonien im Kriegszustand befanden, die rund ¾ der Erdbevölkerung umfassten. Als der 1. Weltkrieg im November 1918 mit der militärischen Niederlage Deutschlands endete, waren dem Krieg nicht nur bestehende Gesellschaftsordnungen, wie z.B. in Russland, zum Opfer gefallen, sondern auch etwa neun Millionen Soldaten sowie sechs Millionen Zivilisten weltweit.

Meinung zum Film:
„Der Erste Weltkrieg in Farbe“, im Original „World War 1 in Colour“, ist eine sechsteilige, britische Dokumentationsreihe aus dem Jahr 2003, mit der Besonderheit, dass bestehendes Schwarz-Weiß-Filmmaterial computergestützt aufwendig nachcoloriert wurde. Konzeptionell sollte dieses Alleinstellungsmerkmal den mittlerweile mehr als 90 Jahre zurückliegenden Konflikt für gegenwärtige Generationen erfahrbarer machen, also quasi den alten Archivaufnahmen einen „realistischeren Anstrich“ verpassen. Neben den Archivaufnahmen dominieren Videokommentare wirklich schon sehr betagter Zeitzeugen, nämlich britischen Soldaten, sowie englischer (Militär-)Historiker das Bild. Weiterhin verlesen Sprecher zeitgenössische Tagebucheinträge, Zeitungsartikel und ähnliche Schriftquellen, wobei viele gesellschaftliche Schichten abgedeckt werden. Die sechsteilige Reihe wird auf 2 DVDs ausgeliefert und jede Episode besitzt eine Laufzeit von rund 48 Minuten.  

„Der Erste Weltkrieg in Farbe“ besitzt leider bereits konzeptionell eine Vielzahl von Schwächen. Zum einen „gesteht“ Produzent Philip Nugus selbst, dass das vorhandene Bildmaterial in eine Rahmenerzählung gepresst wurde, wie man es beispielsweise schon aus einigen Spiegel TV-Produktionen kennt. Somit bestimmt die vermeintlich spektakuläre Form, also die manipulierten Archivaufnahmen in Farbe, den Inhalt. An dieser Stelle tritt jedoch ein weiteres Problem hinzu. Offensichtlich war das verfügbare, nachcolorierte Archivmaterial im Umfang stark begrenzt, was sicherlich dem Kosten- und Zeitfaktor geschuldet ist. Somit kommt es, nicht nur durch inhaltliche Überschneidungen, zu ständigen Wiederholungen des gezeigten Filmmaterials, was sich sogar noch im Bonusmaterial fortsetzt. Ein weiteres Problem ist die stark eingeengte, weil vor allem britische und erst dann alliierte Perspektive, während z.B. die deutsche Sicht der Dinge gar keine Rolle spielt, was letztendlich zu einer alles andere als neutralen Aufwertung der britischen Position führt. Zudem sucht die Dokureihe einen Kompromiss zwischen emotionaler Erzählung und wissenschaftlicher Aufarbeitung der Geschehnisse, der letztendlich nur in eine sehr oberflächliche Darstellung der Ereignisse mündet und beispielsweise die gesellschaftliche und politische Dimension des Konflikts weitgehend ausblendet, ohne jedoch die eigentliche Kriegsführung in taktischer und strategischer Hinsicht fundiert zu analysieren. Peinlich ist auch, dass teilweise nichtmal grundlegende Aspekte dieses Krieges, wie beispielsweise der „Schlieffen-Plan“, erläutert werden.

Lobenswert ist in dieser Hinsicht lediglich die Nachzeichnung der Entbehrungen, denen ein einfacher Soldat an der Front unterworfen war. Leider kippt die Darstellung später immer stärker in Richtung einer verfehlten Heroisierung und erreicht den Gipfel dann in einer Beschreibung des Geschehens als eines alliierten Befreiungskrieges unter völliger Ausblendung machtpolitischer Erwägungen. Dadurch gerät auch die Diskrepanz zwischen einerseits revolutionärer, bzw. „moderner“ Kriegstechnik und andererseits teils völlig veralteter, strategischer Methodik (Materialschlachten, Stellungskrieg, Soldaten als Kanonenfutter) ein wenig aus dem Fokus. Unverständlich ist zudem die offenbar bewusste Ausblendung der wirklich schmutzigen Seite des 1. Weltkrieges, wie z.B. der erstmalige Einsatz von Giftgas, die zahlreichen Verstümmelungsopfer, oder das verstärkte Auftreten posttraumatischen Belastungsstörungen, z.B. in Form der sogenannten Kriegszitterer.

Digitale Aufarbeitung:
Das aktuelle Videomaterial, also die Zeitzeugenaussagen und Experteninterviews, befindet sich erwartungsgemäß sowohl optisch als auch akustisch auf ordentlichem TV-Niveau. Die per Computer aufwendig nachcolorierten Archivaufnahmen wirken erstaunlich natürlich und keineswegs künstlich bearbeitet und passen somit gut ins Geschehen. Dementsprechend sollte in diesen ausgewaschen wirkenden Sequenzen aber auch nicht die Farbbrillanz aktueller Produktionen erwartet werden. Zudem weisen die Archivaufnahmen weiterhin starke „Kampfspuren“ in Form von zahlreichen Verschmutzungen, diversen Beschädigungen und einer extremen Grobkörnigkeit auf, die nicht digital manipuliert wurden. Analog dazu wirken auch Bildschärfe und Kontrastwerte nicht auf der Höhe der Zeit. Weiterhin stellen sich zusätzlich zum unruhigen Bildstand auch noch jumpcutähnliche Effekte ein, da das Filmmaterial damals mit weniger Bildern pro Sekunde aufgezeichnet wurde und dementsprechend jetzt eine unfreiwillige Beschleunigung erfährt. Die neu hinzugefügten, allerdings auch sehr repetitiven Soundeffekte und Musiksequenzen wirken ziemlich kräftig, allerdings auf Dauer auch sehr nervtötend und pathetisch. Die deutschen Erzähler, bzw. Sprecher, wirken professionell. Im englischen Original gibt allerdings der bekannte, britische Shakespeare-Experte Kenneth Branagh („Henry V.“) den Erzähler. Das Ergebnis klingt noch deutlich emotionaler und poetischer, dramatisiert teilweise allerdings auch unnötig, was von den Machern der Reihe aber auch beabsichtigt war.  

Die beiden DVDs befinden sich in einem ansprechend gestalteten Digipak. Der zugehörige Schuber wird von einem nicht ablösbaren, grünen, völlig unpassend wirkenden FSK-Flatschen verunstaltet. Der Veröffentlichung liegt ein knapp gehaltenes, 12-seitiges Booklet bei. Dieses enthält lediglich einen kleinen Episodenguide sowie eine Zeittafel zu den wichtigsten historischen und militärischen Ereignissen des 1. Weltkriegs. Das weitere Bonusmaterial der Veröffentlichung befindet sich komplett auf der zweiten DVD. Das Feature „Strategien und Taktiken“ (51:16) liegt nur in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln vor, ist aber im Grunde mehr oder weniger eine zusätzliche Episode der Serie. Sie beschäftigt sich in sehr oberflächlicher Manier mit einigen neuartigen Truppentypen und militärischen Strategien, setzt dabei aber vor allem auf computeranimierte Sequenzen der Ereignisse, die heutzutage technisch ziemlich ärmlich wirken. Zudem wird auch hier ärgerlicherweise wieder bekanntes Bildmaterial der anderen Folgen recycelt. Das deutsch untertitelte Interview mit Regisseur Jonathan Martin und Produzent Philip Nugus (15:01) ist wenig tiefgründig ausgefallen, gewährt aber zumindest einen kleinen Einblick in die Konzeption der Reihe. Leider gibt es auch in diesem Interview fast keine Informationen zur Nachcolorierung, was sich für das Bonusmaterial nun wirklich mehr als angeboten hätte.

Fazit:
Insgesamt bietet die vorliegende Dokumentationsreihe leider keine besonders tiefschürfende Aufarbeitung der historischen Ereignisse und enttäuscht durch eine beinahe komplette Ausblendung der politisch-gesellschaftlichen Dimension des Konflikts, die einseitige Parteilichkeit, Heroisierungstendenzen sowie das Diktat der Form über den Inhalt. Positiv zu vermerken sind lediglich die technisch recht überzeugend nachcolorierten Archivaufnahmen, die sich aber leider ständig wiederholen, und die gewährten Einblicke in den Kriegsalltag des gemeinen Frontsoldaten. Das Bonusmaterial kann nicht wirklich überzeugen, besonders unverständlich sind die fehlenden Hintergrundinformationen zum Prozess der Nachcolorierung.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,78:1
1,78:1
6 Folgen à ca. 48 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Englisch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • 12-seitiges Booklet
  • "Strategien & Taktiken"
  • Interviews mit dem Regisseur Jonathan Martin und dem Produzenten Philip Nugus
Der Erste Weltkrieg in Farbe - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Der Erste Weltkrieg in Farbe
World War 1 in Colour

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Diese Dokureihe bringt zwar Farbe ins Spiel, bleibt aber inhaltlich erschreckend blass


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Großbritannien, 2003
Regie:
Jonathan Martin

Label Deutschland :
Polyband
Verkaufsstart Deutschland :
26.11.2010