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DVD-Besprechung - Der Dritte Grad

Story:
Georgis (Ugo Tognazzi) ist eigentlich lediglich der Leiter eines kleinen Reisebüros gerät jedoch scheinbar zufällig in die Fänge der mächtigen, einheimischen Geheimpolizei. Ohne konkrete Anklage, einen Haftbefehl oder ähnliche juristisch-formale Hindernisse wird er an einen Verhörspezialisten (Michel Piccoli) und dessen Wasserträger (Mario Adorf) überstellt. Gemeinsam sollen die drei sich auf die 300 Kilometer lange Autofahrt zur Zentrale machen, wo Georgis durch eine Gegenüberstellung als Terrorist enttarnt werden soll. Die Reise verläuft jedoch alles andere als reibungslos, die Rollenverteilungen verwischen und zwischen dem Verdächtigen sowie dem Vollstreckungsbeamten entwickelt sich sogar eine Art kameradschaftlicher Beziehung.

Meinung zum Film:
„Der Dritte Grad“ ist eine internationale, genauer deutsch-französisch-italienische Koproduktion und entstand unter der Regie des deutschen Autorenfilmers Peter Fleischmann („Die Hamburger Krankheit“) aus dem Jahr 1975. Der Film orientiert sich an dem Roman „Der Fehler“ des griechischen Autors Antonis Samarakis aus dem Jahr 1965, der darin seine Erfahrungen im aktiven Widerstand zur Zeit des 2. Weltkriegs schildert, ist aber dementsprechend keine buchstabengetreue Adaption. Vielmehr spielt der Film offensichtlich auf die Zustände in der bis 1974 bestehenden, also erst kurz zuvor zusammengebrochenen griechischen Militärdiktatur an. Obwohl der Film nicht explizit in Griechenland verortet wird, wurde nicht nur in der Umgebung von Athen gedreht, sondern auch entsprechende geographische, schriftsprachliche und populationstechnische Merkmale sind nicht zu übersehen. Entsprechend den Zuwendungen der internationalen Geldgeber wurden die drei Hauptrollen mit dem Deutschen Mario Adorf („Die Blechtrommel“), dem Franzosen Michel Piccoli („Berühre nicht die weisse Frau“) und dem eher auf komische Rollen abonnierten Italiener Ugo Tognazzi („Ein Käfig voller Narren“) besetzt, während in den Nebenrollen auf einheimische, also griechische Darsteller gesetzt wurde.

„Der Dritte Grad“ ist auf dem Papier ein Politthriller, jedoch in seiner Ausführung alles andere als leicht verdauliche Massenware, allerdings auch kein tiefschürfendes, politisches Statement wie z.B. die Werke eines Constantin Costa-Gavras („Z“). Mit der Betonung des weitgehend fiktiven Charakters beraubt sich das Werk einer gewissen gesellschaftlichen Sprengkraft, meint jedoch mit vermeintlich universell gültigen Aussagen zur Ideologie totalitärer Regime, bzw. der Arbeitsweise ihrer Geheimdienste, einen gewissen Ausgleich zu betreiben. Über den Erfolg dieser Maßnahme könnte sicherlich vortrefflich gestritten werden, was Fleischmann aber in der Tat vortrefflich gelingt, ist die verdichtete Darstellung eines allgegenwärtigen Überwachungsstaates und das zugehörige Heraufbeschwören einer von Paranoia geschwängerten Atmosphäre. Hier ist eigentlich jeder verdächtig und alle werden überwacht, was für die staatlichen Überwachungsorgane ebenso gilt.

Im Zentrum des Films steht dabei die sich entwickelnde Beziehung der beiden Figuren von Piccoli, der hier eine eher introvertierte, pflichtbeflissene, phantasielose und leicht gehetzt wirkende Bemantenseele verkörpert, und Tognazzi, der hier erstaunlich ruhig, phasenweise naiv, später aber geradezu manipulativ das Opfer eines vermeintlichen, behördlichen Willkürakts mimt. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Täter und Opfer, während sich zwischen beiden Charakteren eine von unterschwelligem Misstrauen durchzogene Zweckgemeinschaft herausbildet. Die dabei gezeigten, hervorzuhebenden, darstellerischen Leistungen sind das zweite Argument für die Betrachtung des Films. Mario Adorf spielt hingegen eine eher undankbare, kleinere Rolle, die in ihrer extrovertiert-machohaften Art, ebenso wie die für sich genommen ansprechende Filmmusik von Altmeister Ennio Morricone („Es war einmal in Amerika“), eher in einen italienischen Polizeifilm dieser Zeit gepasst hätte. Das größte Problem des Films soll hier aber ebenfalls nicht unerwähnt bleiben und kann mit dramaturgischen Schwächen treffend umschrieben werden. Der Film, der sich zwischenzeitlich fast wie ein Road-Movie gebärdet, leistet sich einige inhaltliche Durchhänger und verzichtet quasi völlig auf jede Art von Spannungsaufbau. Dafür bietet der Film zwar zwei gewichtige Wendungen, diese sind jedoch leider für aufmerksame Zuschauer durchaus vorhersehbar und auch die eher philosophische Auflösung dürfte nicht jedermanns Sache darstellen.

Digitale Aufarbeitung:
Für einen rund 35 Jahre alten, ziemlich in Vergessenheit geratenen Nischenfilm macht die DVD technisch einen recht ordentlichen Eindruck. Zwar wird der Film von einem stärkeren Bildrauschen begleitet, weist leichte Verschmutzungen und seltene Defekte auf, Bildschärfe und Kontrastwerte hinterlassen aber einen überdurchschnittlichen Eindruck, auch wenn die Farben doch ein wenig ausgeblichen erscheinen. Die deutsche Dolby-Digital-2.0-Tonspur dieses eher ruhigen Films entpuppt sich zwar erwartungsgemäß nicht als effektstrotzendes Raumklangwunder, bietet aber eine stets gute Verständlichkeit sowie eine ausgewogene Abmischung. Glaubt man der imdb, wurde der Film ursprünglich in französischer Sprache abgedreht, diese Tonfassung ist jedoch nicht enthalten. Die ausländischen Darsteller wurden aber durch die Bank sehr professionell synchronisiert, während Mario Adorf selbstredend im Originalton zu hören ist.  

Das Bonusmaterial der Veröffentlichung enthält ein paar Werkfotos, also Bildmaterial von den Dreharbeiten. Im DVD-ROM-Bereich der DVD befindet sich außerdem das cartoonartige Schwarz-Weiß-Skizzenbuch von Jean-Claude Carrière (19 Seiten), diverse zeitgenössische Pressestimmen (5 Seiten), beide im PDF-Format, und außerdem ein gescannter Artikel aus der Welt am Sonntag vom 27. Juni 1976, im JPG-Format, in dem Fleischmann selbst über die Zusammenarbeit mit Stars einerseits und Laienschauspielern andererseits philosophiert. Unter dem Strich ist das weder von der Präsentation her wirklich überzeugend, noch inhaltlich besonders ergiebig.

Fazit:
„Der Dritte Grad“ ist ein recht ungewöhnlicher, ziemlich in Vergessenheit geratener Politthriller über totalitäre Polizeistaaten, der vor allem mit seinem starken Hauptdarstellerduo und einer geradezu greifbaren Atmosphäre von Paranoia und gegenseitiger Verdächtigung punkten kann. Leider besitzt der Film aber auch einige dramaturgische Schwächen, vernachlässigt den Spannungsaufbau und erlaubt sich einige inhaltliche Durchhänger. Technisch handelt es sich hier um eine solide, zufriedenstellende Veröffentlichung, das Bonusmaterial fällt jedoch enttäuschend übersichtlich und wenig ergiebig aus.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 16
1,66:1
1,66:1
106:22 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine
Bonusmaterial:
  • Werkfotos
  • Skizzenbuch von Jean-Claude Carrière 
  • Pressematerial
Der Dritte Grad - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Der Dritte Grad
Der Dritte Grad

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Ungewöhnlicher Politthriller über die Wirkungsweise eines totalitären Polizeistaates mit Höhen und Tiefen


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland / Frankreich / Italien, 1975
Regie:
Peter Fleischmann
Drehbuch:
Jean-Claude Carrière, Martin Walser, Peter Fleischmann (basierend auf einem Roman von Antonis Samarakis)
Darsteller:
Ugo Tognazzi, Michel Piccoli, Mario Adorf, Adriana Asti, Dimos Starenios, Thymios Karakatsanis, Costas Skifas, Nina Andoulinaki

Label Deutschland :
Arthaus
Verkaufsstart Deutschland :
20.01.2011