 |
DVD-Besprechung - Lärm & Wut
Story:
Bruno (Vincent Gasperitsch) zieht mit 14 Jahren in die Betonwüste eines Pariser Problemvorortes, ist dort aber weitgehend auf sich gestellt, da seine Mutter rund um die Uhr arbeiten muss. Schon bald lernt er dort den gleichaltrigen Jean-Roger (François Négret) kennen, der ebenfalls seine Klasse besucht, und ständig nur damit beschäftigt zu sein scheint, im Rahmen von Grenzerfahrungen sämtliche gesellschaftlichen Konventionen zu sprengen. Diesem negativen Einfluß steht Brunos junge Lehrerin gegenüber, die Bruno Nachhilfe gibt und versucht charakterbildend auf ihn einzuwirken. Brunos Einsamkeit und Wunsch nach Geborgenheit manifestieren sich währenddessen immer wieder in der Traumgestalt einer dunkelhaarigen Frau mit einem Falken.
Meinung zum Film:
„Lärm & Wut“ ist der zehnte Drop-Out des ambitionierten Labels Bildstörung und gleichzeitig der zweite Kinofilm des französischen Regisseurs Jean-Claude Brisseau („Weiße Hochzeit“), der hier auch als Drehbuchautor fungierte. In dieser zweiten Funktion ließ er sich zwar weniger von seiner eigenen Biographie inspirieren, persönliche Milieuerfahrungen als Lehrer in direkter Nachbarschaft zu den als Banlieues bezeichneten Pariser Vororten, bzw. den sozialen Brennpunkten rund um Paris. Der Film wurde 1988 mit einem kleinen Budget von umgerechnet rund 450000 Euro an den entsprechenden, zeitgenössischen Drehorten realisiert. Der Film wurde zwar 1988 auf dem Cannes Film Festival mit dem Jugendpreis ausgezeichnet, provozierte dort aber auch aufgrund seiner ungeschönten Darstellung einen Skandal.
„Lärm & Wut“ ist eine sehr unkonventionelle Verbindung aus Sozialdrama, schwarzem Humor, Poesie und phantastischen Elementen in Form von Brunos Tagträumereien, die sich aber teilweise real zu manifestieren scheinen. Dabei konzentriert sich Brisseau inhaltlich auf die Darstellung des trost- und perspektivlosen Alltags zweier ausgewählter, sehr gegensätzlicher Jugendlicher in einem sozialen Brennpunkt. Die Darstellung des Films ist dabei in vielerlei Hinsicht sehr gewöhnungsbedürftig. So wirkt Bruno von Anfang an innerhalb seiner Umgebung seltsam unbeteiligt und emotionslos, kein Wunder dass ihm seine eigene Traumwelt daher als ständige Verheißung erscheint. Hingegen ist Jean-Roger von Anfang eine grenzwertige Figur, scheinbar ohne wirkliche Wertvorstellungen und Vorbilder. Wie(so) nun ausgerechnet diese beiden Charaktere zueinander finden, kann der Film leider nicht wirklich verständlich machen. Warum nun ausgerechnet die Gewaltdarstellung des Films seinerzeit als provokant galt, ist ebenfalls nicht ohne weiteres nachvollziehbar, denn Brisseau schlachtet diese Szenen niemals explizit mit der Kamera aus. Viel provokanter wirkt hingegen die unmittelbare Art und Weise, in der die Jugendlichen hier Gewalt ausüben. Es scheinen keinerlei moralische Schranken für ein Zögern in diesen Situationen zu existieren. Die Übergänge vom harmlosen Schüler zu jugendlicher Schwerstkriminalität sind vielmehr völlig fließend und die Gewaltspirale beschleunigt sich offensichtlich ungebremst von Tierquälerei, über Vergewaltigung bis hin zum Mord
Diese Darstellungsweise stößt allerdings auch den Zuschauer vor den Kopf und erschwert den Zugang zu seinen kindlichen Hauptfiguren, da es schwer ist, die Entwicklung bzw. Sozialisation der Figuren nachzuvollziehen, wenn bereits nur noch deren fataler Endpunkt präsentiert wird. Dabei wirkt die sehr schnörkellose und erfrischende Erzählweise des Films keineswegs verkopft, sondern sogar sehr zugänglich für eher dem Unterhaltungsfilm verhaftete Interessenten. In den Bereich solcher massentauglicher Zugeständnisse fällt sicherlich auch der gewöhnungsbedürftige, mehr oder weniger schwarze Humor des Films, der sich vor allem in der karikaturhaft überzeichneten Figur von Jean-Rogers Vater Marcel (Bruno Cremer) niederschlägt. Bei aller Poetik des Films, im Sinne tiefergehender Gefühle und Sehnsüchte der Jugendlichen, wirken aber auch die Traumsequenzen, als eine Art Realitätsflucht, übertrieben artifiziell und berauben den Film, in Einheit mit dem übertriebenen Humor, auch wieder in gewisser Weise seines sozialkritischen Ansatzes. Die Darsteller machen jedoch durch die Bank einen sehr guten Eindruck und gerade die Problemjugendlichen wirken erstaunlich authentisch. Auch dramaturgisch verzettelt sich der Film, trotz der Vielzahl unterschiedlicher Ingredenzien, keineswegs und steuert mit tragischer Konsequenz zielsicher seinem Finale entgegen.
Digitale Aufarbeitung:
Die DVD präsentiert den Film im originalen Vollbildformat, was eventuell den einen oder anderen neuzeitlichen 16:9-Fanatiker nicht unbedingt begeistern dürfte. Die Bildqualität dieser Veröffentlichung ist aber über jeden Zweifel erhaben und ist für einen über 20 Jahre alten, schmal budgetierten Film sehr überzeugend ausgefallen. Die Bildschärfe bewegt sich auf einem guten Niveau, lediglich bei Details, wie z.B. Nahaufnahmen von Gesichtern, hätten die Konturen etwas feiner herausgearbeitet werden können. Die Farbgebung macht einen kräftigen, natürlichen Eindruck, die Kompression arbeitet tadellos, Bildfehler oder Verschmutzungen sind hingegen nicht auszumachen. Eine gewisse Körnung ist vorhanden, dient aber eher dem Charakter des Films. Die Kontrastwerte hinterlassen auch in sehr dunklen Sequenzen noch einen ausgewogenen Eindruck. Auf der DVD befinden sich sowohl die deutsche Tonspur, als auch die französische Originaltonspur, die beide mit guter Verständlichkeit und einem harmonisch abgemischten Klangbild überzeugen. Zudem offeriert die Veröffentlichung deutsche Untertitel, erstens angepasst für 16:9- und zweitens angepasst für 4:3-Fernseher.
„Die Fernbedienung in der Hand“ (27:26) aus dem Jahr 2006 zeigt Regisseur Brisseau bei der Kommentierung der Eingangssequenzen seines Films und ist deutsch untertitelt. Brisseau liefert hier neben Details zu den verwendeten Locations vor allem interessante Ansätze zur Interpretation des Filminhalts. „Der Fall und der Flug“ (25:35), ebenfalls aus dem Jahr 2006 und deutsch untertitelt, stellt ein Interview mit dem Regisseur dar. Leider ist dem Hersteller hier aber ein bedauerlicher Masteringfehler unterlaufen, denn nach 6:11 Minuten verabschiedet sich leider bereits die korrekte Untertitelspur. Diese springt dann leider auf die an dieser Stelle wenig hilfreiche Untertitelspur des nachfolgenden Making Of von Luc Ponette, "Brisseau Cinèaste" (39:07), aus dem Jahr 1988 um, so dass der Großteil des Interviewinhalts für Käufer ohne Französischkenntnisse leider unverständlich bleibt. Bei dem Making Of wurden die deutschen Untertitel wieder korrekt zugeordnet, allerdings wirken die vermittelten, unkommentierten Impressionen von den Dreharbeiten eher unspektakulär und bestehen vor allem aus Szenenbesprechungen mit den Darstellern nebst O-Tönen, ergänzt durch kurze Interviewschnipsel mit dem Regisseur. Insgesamt ist das Feature doch etwas enttäuschend ausgefallen, weniger weil es lediglich in VHS-Qualität vorliegt, sondern einerseits, weil sich der Informationsgehalt doch sehr in Grenzen hält, und andererseits wegen des doch sehr repetitiven Charakters der bereits aus dem Film bestens bekannten, vom Feature begleiteten Sequenzen. Auf der DVD befindet sich weiterhin der deutsche Trailer zum Film. Außerdem liegt der Veröffentlichung noch ein gelungenes, 24-seitiges Booklet bei. Dieses beschäftigt sich im Rahmen eines Beitrags von Dennis Vetter zunächst vor allem mit der Arbeitsweise und Intention Brisseaus. Darüber hinaus enthält die Beilage z.B. auch noch Passagen aus dem Presseheft zum Film und ein Interview mit Brisseau selbst. Das illustrierte Amaray mit der DVD befindet sich in einem erfreulicherweise flatschenfreien Schuber, da hier wie schon bei „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ intelligenterweise ein Umschlag mit identischem Motiv darum gelegt wurde, auf dem sich der FSK-Sticker befindet.
Anbieter Bildstörung hat bereits auf das Problem mit dem Masteringfehler beim Interview mit dem Regisseur reagiert und stellt eine fehlerbereinigte Version als Onlinevideo und zum Download unter folgender URL bereit: http://www.bildstoerung.tv/interview/
Fazit:
„Lärm & Wut“ war gerade zu seiner Entstehungszeit sozialkritisch brisant und Jean-Claude Brisseau brachte hier mit Sicherheit auch einen engagierten, fantasievollen und handwerklich überzeugenden Beitrag zum Thema Jugendgewalt hervor. Allerdings ist sein Werk auch, sowohl was die erzählerische Herangehensweise, als auch die künstlerische Darstellung betrifft, sehr gewöhnungsbedürftig ausgefallen und begegnet seinem sozialkritischen Anspruch, in Form der teils etwas deplaziert wirkenden Komik und der manchmal arg bemühten Traumsymbolik, nicht immer auf Augenhöhe. Technisch ist die DVD sehr überzeugend ausgefallen und bietet umfangreiches Bonusmaterial, etwas bedauerlich ist in dieser Hinsicht allerdings der angeführte Masteringfehler, worauf aber zumindest umgehend reagiert wurde.
Technische Daten:
|
FSK-Freigabe:
|
Bildformat:
|
Laufzeit:
|
|
|
1,33:1
|
90:24 Minuten
|
|
Sprachen / Tonformate:
|
Deutsch Dolby Digital 2.0 | Französisch Dolby Digital 2.0 |
|
Untertitel:
|
|
Deutsch |
|
Bonusmaterial:
|
- "Die Fernbedienung in der Hand"
- "Der Fall und der Flug"
- "Brusseau Cinèaste"
- Deutscher Trailer
- 24-seitiges Booklet
|
|  |
Lärm & Wut
De bruit et de fureur
Eine ungewöhnliche Produktion zum Thema Jugendkriminalität mit Höhen und Tiefen!
Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr
Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Frankreich, 1988 Regie: Jean-Claude Brisseau Drehbuch: Jean-Claude Brisseau Darsteller: Vincent Gasperitsch, François Négret, Bruno Cremer, Fabienne Babe, Lisa Heredia, Fejria Deliba, Thierry Helene, Sandrine Arnault
Label :
Bildstoerung
Verkaufsstart : 18.02.2011
|