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DVD-Besprechung - Shahada

Story:
Drei junge Muslime, deren Leben aus den Fugen gekommen zu sein scheint, beginnen mit ihrem Glauben zu hadern. Da ist der junge Koch Sammi (Jeremias Acheampong), der durch die Nähe seines Kollegen bemerkt, dass er homosexuelle Neigungen hat. Dies führt nicht nur zu einem Identitäts-, sondern auch zu einem Glaubenskonflikt. Da ist die junge, westlich orientierte Türkin Maryam (Maryam Zaree), die ungewollt schwanger geworden ist und sich zu einem illegalen Schwangerschaftsabbruch entschlossen hat. Die daraus resultierenden Blutungen sieht sie als Strafe Gottes, von dessen Weg sie sich abgewandt hat und rebelliert nun gegen die tolerante Auslegung des Korans seitens ihres Vaters Vedat (Vedat Erincin). Da ist Ismail (Carlo Ljubek), ein junger türkischstämmiger Polizist, der vor Jahren bei einem Einsatz die junge schwanger Bosnierin Leyla (Marija Skaricic) angeschossen hat, die daraufhin ihr Kind verlor. Als er sie plötzlich wieder sieht, droht seine Familie an seinem wieder aufbrechendem Schuldbewusstsein zu zerbrechen. Und da ist der tolerante und liberale Imam Vedat, der sich auf der Flucht vor seiner Trauer in seine Moschee flüchtet, in der sich die Wege der drei Protagonisten immer wieder kreuzen.


Meinung zum Film:
Der Filmtitel„Shahada“ verweist auf die die erste Säule des Islams und stellt das Glaubensbekenntnis der Muslime dar: es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet. Doch wer bei diesen Insiderinformationen über den Islam denkt, es handelt sich hierbei um einen aufklärerischen Film über diese Religion, der täuscht sich gewaltig. Regisseur Burhan Qurbani („Illusion“) benutzt auf sehr pfiffige Art und Weise diese Religion, als einzige Verbindung zwischen den Protagonisten, dazu um den Zuschauer in die dunkle, Angst und Zweifel erfüllte Welt seiner Protagonisten ein zu führen, die rein gar nichts mythisches an sich hat.. Das Geniale dabei ist seine Vorgehensweise. Er unterteilt den Film, gleich einem Drama in fünf Akte und übertitelt diese mit den Säulen des Islams. So strukturiert und umgibt die Religion den Film als Gerüst, ohne selbst Handlungsträger zu sein und symbolisiert gleichzeitig die Art, wie seine Figuren der Religion begegnen- oberflächlich! Während sie nach außen hin gläubig sind, beschäftigt sie im Inneren die Frage nach sich selbst, sie suchen nach etwas, was sie erst erlangen werden, wenn sie tief in sich gegangen sind: Vergebung. Denn alle verfolgt eine tiefe Schuld, die sie sich selbst auferlegt haben. Doch wie kann einem Gott verzeihen, wenn man sich nicht selbst verzeiht? Das ist das wirkliche Thema des Films- Sühne findet man nur in sich selbst.

Es ist geradezu unfassbar, wie viele emotional überzeugende Schauspieler hier zu sehen sind. Carlo Ljubek („Die blaue Periode“) spielt den türkisch-stämmigen Polizisten, den seine Tat nicht mehr ruhen lässt. Er fühlt sich unwürdig vor Gott, findet keine innere Ruhe, kann keine Nähe mehr akzeptieren, noch nicht mal die seiner Familie. Diese Rolle verkörpert Ljubek ungemein authentisch. Die Angst in seinen Augen und die Verzweiflung in seinem Gesicht scheinen zu jeden Zeitpunkt real zu sein. Gleiches kann man von Maryam Zaree („Sunny Hill“) sagen, die in ihrer Rolle als zutiefst unglückliche Tochter Maryam des liberalen Imams Vedat mehr als überzeugt. Maryam findet keinen Zugang zu ihrem Vater, seit dieser sich vor Trauer um seine tote Frau in eine alles umgebende Resignation begeben hat. Die Tatsache, dass Maryam ihr Kind abgetrieben hat, verursacht bei ihr einen psychischen Zusammenbruch. Um ihren Schuldgefühlen zu entkommen, verdrängt sie die Tat, was zu Halluzinationen und eine fast krankhafte Angst vor dem Zorn Gottes führt. Letzteres bewegt sie dazu, eine fanatische Auslegung des Korans zu predigen und damit die direkte Konfrontation mit Vater zu suchen, den sie insgeheim für ihr Fehlverhalten verantwortlich macht. Auch über den Newcomer Jeremias Acheampong kann man nur Positives äußern. Durchaus glaubwürdig und zutiefst engagiert haucht er seiner Rolle Leben ein, lässt den Zuschauer teilhaben, an dessen emotionalem Zerwürfnis, zwischen dem eigenem Glauben und seiner sexuellen Neigung. Der türkische Schauspieler Vedat Erincin („Almanya-Willkommen in Deutschland“) ist trotz seiner langjährigen Erfahrung derjenige, der die blasseste Leistung in diesem Film liefert. Als utopisch toleranter Imam, der mit seiner Form der Auslegung des Islams den Jugendlichen in seiner Gemeinde halt geben will, und darüber die Verbindung zu seiner Tochter verliert, ist er ebenso einsam, wie alle anderen Protagonisten auch. Doch Erincin Darstellung kann nicht mit der Qualität seiner Schauspielkollegen mithalten. Er wirkt manchmal gerade zu emotionslos und hölzern und kann dadurch weniger überzeugen.

Qurbani legt in seinem Film viel Wert auf Symbolik. Die ihm als Kulisse dienende Hauptstadt Berlin wirkt ebenso farblos und düster, wie die Gedanken seiner Protagonisten. Das Spiel mit dem Licht ist den auch eines der größten Stärken dieses Films. Es spiegelt die Aussichtslosigkeit wieder, den Zweifel, die tiefen Schuld, die alle Handelnden miteinander verbindet. Selbst am Tag herrscht nur Zwielicht und in den Räumen brennt, wenn überhaupt, nur der kalte Glanz der Neonlichter. Keine einzige Szene strahlt so etwas wie Wärme oder Geborgenheit aus. Die Räume in den Wohnungen sind spartanisch ausgestattet, persönliche Gegenstände sind kaum anzutreffen. Auch das Wetter benutzt Qurbani dazu, die düstere Stimmung zu untermalen. Wenn es mal nicht regnet, dann fallen auf einmal dicke Hagelkörner vom Himmel, oder ein scharfer, fast spürbar eisiger Wind weht über die Häuser hinweg. Die Schnitte sind abgehackt und rau und betonen die Abgeschlossenheit der Einzelepisoden. Es ist überhaupt als eine großartige Leistung Qurbanis zu sehen, dass die Episoden zwar in sich abgeschlossen sind, und doch ineinander greifen wie die Finger zweier Hände. Dadurch erkennt der Zuschauer nicht nur die Einsamkeit der Protagonisten, sondern auch eine der Botschaften, die Qurbani vermitteln möchte: kein Individuum steht für sich selbst, keine Lebensgeschichte funktioniert für sich allein, nur im Zusammenspiel ist menschenwürdige Existenz möglich. Letztlich kann man die Moral des Films in einem einzigen Satz zusammenfassen: niemand anderes als man selbst ist verantwortlich für die Taten, die man begeht- und erst recht nicht Gott. Qurbani hat es geschafft einen wahrlich eindruckvollen Film über den Weg des Individuums zu sich selbst zu machen, ohne dabei den moralischen Finger zu heben.


Digitale Aufarbeitung:

Die Tonqualität ist gut. Der Kontrast ist jedoch ein wenig zu tief, was es schwer macht, bei Nachtszenen Details deutlich zu erkennen. Der tiefe Kontrast könnte auch ein Grund dafür sein, dass die Farbqualität etwas zu wünschen übrig lässt, da die Farbskala sich zumeist im gräulich-blauen Bereich aufhält. Sonst weist das Bild jedoch keine negativen Aspekte auf. 

Als Extras bietet die DVD geschnittene Szenen, einen Kiontrailer und verschiedene Outtakes an.



Fazit:
„Shahada“ ist ein brillanter Episodenfilm über Schuld und Sühne, ohne dabei in Melodramatik auszubrechen oder den moralischen Zeigefinger zu schwingen. Ein Film, in dem Gott und Religion nur das Gerüst für eine tief schürfende Reise in das eigene Gewissen darstellt, an dessen Ende man Vergebung nur in sich selbst findet. Eine fantastische Schauspielercrew und ein innovativer und mutiger Regisseur machen diesen Film zu einem Meisterwerk seines Genres.


Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
2,35:1
2,35:1
88:17 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Untertitel:
Keine
Bonusmaterial:
  • Geschnittene Szenen
  • Kinotrailer
  • Outtakes
Shahada - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Shahada
Shahada

Bild unseres Mitarbeiters Yatiker Yildiz
Schuld und Sühne


Autor der Besprechung:
Yatiker Yildiz

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 2010
Regie:
Burhan Qurbani
Drehbuch:
Burhan Qurbani, Ole Giec
Darsteller:
Carlo Ljubek, Jeremias Acheampong, Maryam Zaree, Vedat Erincin, Sergej Moya

Label Deutschland :
Polyband
Verkaufsstart Deutschland :
24.02.2011