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DVD-Besprechung - Anatema

Story:
Während des Kosovo-Krieges hat es sich Journalistin Emma (Lumnie Sopi) zur Aufgabe gemacht, ausländische Kollegen auf ihren Fahrten durch das zerstörte Land zu begleiten, damit diese die Gräueltaten der Serben an den Kosovo-Albanern mit eigenen Augen sehen und der Welt davon berichten können. Als alle Ausländer das Land verlassen, entschließt sie sich zu bleiben und zu ihrer Familie zurück zu kehren. Doch als Emma endlich ihre Angehörigen findet, werden die Flüchtlinge von serbischen Soldaten gefangen genommen und alle Frauen, auch Emma, vergewaltigt. Als sie kurz darauf erfährt, dass sie schwanger ist, ahnt sie noch nicht, dass ihr Leiden noch lange kein Ende gefunden hat.

Meinung zum Film:
Es ist geradezu ein Wink des Schicksals, dass der Film „Anatema-Albanien War“ ein Thema behandelt, dass gerade jetzt wieder Präsens in den Medien erlangt. Einer der größten Kriegsverbrecher des Massakers von Srebrenica Ratlo Mladic wurde in diesen Tagen gefangen genommen und wird aller Wahrscheinlichkeit dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert. Womit auch schon das entscheidende Thema des Films angesprochen ist: die ethnischen Säuberungen, die Massenvergewaltigungen und die anderen Verbrechen, die die serbischen Soldaten an der Bevölkerung des Kosovos verübt haben. Obwohl diese Kriegsverbrechen die grausamsten und schrecklichsten seit dem zweiten Weltkrieg darstellen und bei denen mehrere tausend Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Religion getötet wurden, und noch nicht ganz 20 Jahre her sind, existieren noch nicht allzu viele Filme über darüber. Dafür können mehrere Gründe existieren. Einer davon ist, dass Europa die Wunden, die dieser Krieg verursachte, noch nicht ganz überwunden hat und daher nicht die nötige Distanz für einen umfassenden und aufklärenden Film darüber drehen zu können besitzt. Zum anderen sind die Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen und viele der Straftaten noch nicht vollständig protokolliert. Es wird daher noch ein Weilchen dauern, bis sich jemand ausersehen fühlt, sich mit diesem Thema zu befassen.

Der Film wurde in Albanien und von dem relativ unerfahrenen albanischen Regisseur Agim Sopi („Kulla“) gedreht. Diese Tatsachen haben ihre Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist vor allem, dass das Leiden vom eigenen Volk erzählt wird – als Augenzeugenbericht so zu sagen. Außerdem könnte somit auch eine Aufarbeitung der Schrecken erreicht werden. Als Nachteil könnte bezeichnet werden, dass somit eine unabhängige Perspektive nicht möglich zu sein scheint und dem Zuschauer nur eine Seite der Medaille offenbart wird. Die Schauspielercrew besteht ebenfalls, bis auf wenige Ausnahmen, aus Kosovo-Albanern, was die Authentizität natürlich erhöht. Leider bildet der Film für viele der Mitwirkenden die erste Chance auf eine Rolle in einem Spielfilm. Diese Tatsache macht sich leider auch in der schauspielerischen Qualität bemerkbar. Lumnie Sopi, die die Rolle der Journalistin Emma verkörpert und in „Anatema“ ihr Filmdebüt gab, gelingt es nicht, die Vielschichtigkeit ihrer Figur glaubwürdig darzustellen. Ihre Bewegungen wirken größtenteils unnatürlich und ihre Dialoge klingen hölzern. Das gleiche kann man von ihrem Kollegen Blerim Gjoci in der Rolle des albanischen Kommandanten Shapti sagen, dessen schauspielerisches Talent ein wenig zu wünschen übrig lässt, da auch er es nicht schafft seiner Figur Menschlichkeit einzuhauchen. Insgesamt kann die schauspielerische Fehlbesetzung als einer der negativen Aspekte des Films gewertet werden.

Regisseur Sopi hat sein Thema, die Kriegsverbrechen in Srebrenica, noch ausgeweitet und versucht auch die Spätfolgen darzustellen. Damit wurde jedoch versucht, vier verschiedene, gleichstarke Handlungselemente in ein Gesamtkonzept zu pressen, was die Kapazität eines einzigen Films bei weitem überschritt. Aufgrund dieser Handlungsfülle konnte Sopi keinem der einzelnen Elemente richtig gerecht werden. Dies führte dazu, dass viele wichtige Details unter den Tisch gekehrt wurden, oder aber nur kurz, quasi in einem Nebensatz abgehandelt wurden. Allein die Massaker im Kosovo hätten vermutlich ausgereicht, um einen einzigen Film ausreichend Handlung zu verleihen. Doch dazu gesellten sich noch die Verbrechen, die besonders an den albanischen Frauen verübt wurden, die Schmähungen und Ächtungen der durch die Massenvergewaltigungen schwanger gewordenen Frauen, und die Vertuschung der Kriegsverbrechen durch die serbische Regierung nach Ende des Krieges. Durch das kurze Abhandeln dieser wichtigen Themen, kann beim Zuschauer keine Identifikation mit dem Leiden der Opfer entstehen. Auch bleibt keine Zeit um einen Überblick auf die Gesamtereignisse zu erlangen, so dass nur ein oberflächlicher Eindruck der Geschehnisse zurückbleibt. Bei der enormen Bedeutung des Themas ist diese Oberflächlichkeit zu bedauern, da es sich hierbei um die Bewältigung und die Aufklärung eines europäischen Krieges handelt, der vor allem das europäische Publikum interessieren dürfte.

Digitale Aufarbeitung:
Das Bild lässt zu keiner Zeit zu wünschen übrig. Die Farbqualität ist ausgeglichen und auch der Kontrast hält ein ausgewogenes Niveau. Die Dominanz von grau/braun Tönen ist dem künstlerischen Effekt des Films selbst zu zuschreiben. Der Ton klingt gleichmäßig aus allem Boxen. Auch der Mix zwischen Dialog, Hintergrundgeräusch und Musik ist gut gelungen.

Die DVD enthält leider keine Extras.

Fazit:
„Anatema-Albanien War“ ist ein wichtiger Film über die jüngsten Kriegsgeschehnisse in Europa. Leider gelingt es dem Regisseur nicht, sich auf ein Grundthema zu konzentrieren, sondern splittert seine Aufmerksamkeit auf zu viele Handlungselemente auf, was zu einer unbefriedigenden Oberflächlichkeit führt. Zudem hatten die Macher bei ihrer Wahl der Schauspielercrew kein glückliches Händchen, wodurch dem Zuschauer die nötigen Identifikationsmöglichkeiten genommen werden. Kurz gesagt: die Idee ist nicht nur gut, sondern auch wichtig, aber in der Umsetzung sind gravierende Fehler begangen worden, unter denen die Qualität des Films entschieden leidet.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 18
1,78:1
1,78:1
108:27 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Albanisch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • -
Anatema - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Anatema - Albanien War
Anatema

Bild unseres Mitarbeiters Yatiker Yildiz
Krieg ist grausam


Autor der Besprechung:
Yatiker Yildiz

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Albanien, 2006
Regie:
Agim Sopi
Drehbuch:
Agim Sopi
Darsteller:
Lumnie Sopi, Doug Barron, Blerim Gjoci, Enver Petrovic, Blerta Syla, Arta Mucaj, Cun Lajci, Rikard Ljarja, Kushtrim Sheremeti, Bislim Mucaj

Label Deutschland :
Infopictures
Verkaufsstart Deutschland :
12.05.2011