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DVD-Besprechung - Schlacht um Algier

Story:
Der sogenannte „Algerienkrieg“ fand in den Jahren von 1954 bis 1962 statt. Faktisch war Algerien nach dem 2. Weltkrieg immer noch eine Kolonie Frankreichs und deren native Bewohner im Hinblick auf ihre Bürgerrechte deutlichen Benachteiligungen unterworfen. Deshalb beginnt die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN („Front de Libération Nationale“) 1954 ihren gewaltsamen Kampf für die Unabhängigkeit Algeriens. Die Kriegsführung beider Seiten, sowohl die der französischen, als auch die der algerischen, zeichnete sich im weiteren Verlauf des Konflikts durch große Grausamkeit und unnachgiebige Härte aus, wobei die französische Regierung überhaupt erst im Jahr 1999 den Kriegscharakter des Konflikts eingestand. Der Konflikt endete schließlich im Juli 1962 mit dem Sieg der FLN und der Unabhängigkeit Algeriens.

Meinung zum Film:
„Schlacht um Algier“ entstand gerademal rund vier Jahre nach Ende des Algerienkrieges und das auch noch an Originalschauplätzen des Konflikts. Produzent Yacef Saadi war im Rahmen dieses Konflikts selbst einer der Anführer der FLN in Algier. Im Film übernahm er die Rolle von Djafar, dem Planer des Generalstabs der Organisation, und spielte sich damit quasi selbst. Der algero-italienische Film beruht letztendlich auf seinen Memoiren „Souvenirs de la Bataille d'Alger“ aus dieser Zeit, die bereits im Jahr 1962 veröffentlicht wurden. Er wurde selbst dreimal zum Tode verurteilt, letztendlich aber begnadigt, und schrieb sie in seiner Zeit im Gefängnis. Der Italiener Gillo Pontecorvo („Queimada - Insel des Schreckens“) adaptierte gemeinsam mit Franco Solinas („Der unsichtbare Aufstand“) die Vorlage und führte auch die Regie. Er realisierte den Film größtenteils mit Laiendarstellern. Die Produktion wurde bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 1966 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und ein Jahr später für drei Oscars, u.a. als bester fremdsprachiger Film, nominiert. In Frankreich war der Film bis 1971 verboten, seine dortige, offizielle Kinopremiere erfuhr das Werk gar erst im Jahr 2004, nach seiner Wiederaufführung beim Festival in Cannes.

„Schlacht um Algier“ ist der Tradition des italienischen Neorealismus verpflichtet und präsentiert sich dementsprechend nicht nur sehr realitätsnah, sondern geradezu pseudo-dokumentarisch. Die realen, zeitgenössischen Lebensbedingungen und sozialen Verhältnisse treten in den Vordergrund, den „klassischen Helden“ gibt es hier nicht, vielmehr dominiert eine faktenbasierte Chronologie der historischen Geschehnisse über die Einzelschicksale prägender Persönlichkeiten. Optisch spiegelt die bewusst ausgewählte, körnige Schwarz-Weiß-Optik den Charakter zeitgenössischer Wochenschauberichte. Emotionen beim Zuschauer werden bei dieser eher sachlichen, neutralen Betrachtung der Handlungsweisen beider Seiten vor allem durch die sehr effektive Musikuntermalung von Pontecorvo und des damals noch am Beginn seiner großen Karriere stehenden Altmeisters Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod“) hervorgerufen.

Anders als Mark Robsons „Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ oder „Intimate Enemies“ von Florent Emilio Siri konzentriert sich der Film auf die Kämpfe in der namensgebenden Hauptstadt Algeriens und nicht auf den Guerillakampf in den ländlichen, gebirgigen Wüstenregionen Algeriens. Dadurch rücken auch die zivilen Opfer der Attacken beider Seiten noch stärker in den Vordergrund. Auch wenn der Film nicht eindeutig Stellung bezieht, Grausamkeiten beider Seiten thematisiert und z.B. auch dem französischen Oberbefehlshaber, mittels seiner Vergangenheit in der Rèsistance, große Vielschichtigkeit zugesteht, ist „Schlacht um Algier“ als deutliche Kolonialismuskritik zu verstehen. Zudem wirkt der Film heute aktueller denn je, da die Konfliktführung beider Seiten und die französischen Folterverhöre zahlreiche Parallelen zu Bushs sogenanntem „Krieg gegen den Terror“ („War on Terror“) aufweisen.

Digitale Aufarbeitung:
„Schlacht um Algier“ ist mittlerweile etwa 45 Jahre alt und die klassische Schwarz-Weiß-Optik wurde bereits damals bewusst grobkörnig gewählt. Die Schärfe bewegt sich aber trotzdem auf einem ordentlichen Niveau, auch wenn die Vorlage von diversen Verschmutzungen begleitet wird. Der Kontrast ist allerdings zu steil ausgefallen, das Bild wirkt häufig zu hell und neigt zu Überstrahlungen. Bei Nachtszenen oder wirklich dunklen Flächen gehen zudem im schwarzen Einerlei sehr viele Details verloren. Die Kompression arbeitet hingegen zuverlässig und unauffällig. Die deutsche Tonspur bietet eine gute Verständlichkeit, wird aber von einem deutlichen Rauschen begleitet. Die französische Tonspur stellt eine Mischung aus französischen und arabischen Sprachteilen dar und kann optional deutsch untertitelt werden. Sie bewegt sich qualitativ auf einem vergleichbaren Niveau zur deutschen Tonspur.  

Auf der DVD befinden sich ein Interview mit dem Produzenten Yacef Saadi (23:33) aus dem Jahr 2008 und ein Interview mit dem Regisseur Gillo Pontecorvo (18:10) aus dem Jahr 2003, beide inklusive deutscher Untertitel. Saadi erzählt eine Menge interessante Details zu seiner eigenen Biographie und zu seiner Zeit bei der FLN, außerdem zeichnet er die letztendliche Entstehung des Films nach. Pontecorvo konzentriert sich vor allem auf formale bzw. handwerkliche Besonderheiten des Films. Das beinhaltet Aspekte wie die dokumentarische Optik des Films, die Verwendung von Handkameras und Laiendarstellern, die Realisierung der Massenszenen oder die Entstehung der Filmmusik. Beide Features sind sehr interessant ausgefallen und liefern interessante Hintergründe zu der Produktion. Trotzdem wäre gerade bei diesem (film-)historisch bedeutsamen Werk ein ausführliches Booklet wünschenswert gewesen, da einiges an wissenswerten Details, wie z.B. die Rezeption des Films in Frankreich, so leider komplett auf der Strecke bleiben. Die Veröffentlichung wird in einem Schuber ohne FSK-Kennzeichnung ausgeliefert, während die darin enthaltene Amaray-Hülle selbst jedoch entsprechend gekennzeichnet ist und kein Wendecover besitzt.

Fazit:
„Schlacht um Algier“ war ein Kultfilm antikolonialistischer Bewegungen wurde aufgrund seiner realistischen Darstellung des urbanen Straßenkampfes andererseits aber auch ausgerechnet zum Lehrfilm so unterschiedlicher Organisationen wie der IRA und des Pentagons. Der Film hat gerade heutzutage im Angesicht des „Krieges gegen den Terror“ keineswegs an Aktualität verloren und schildert eher nüchtern-neutral die Grausamkeiten beider Konfliktparteien in formalistisch äußerst effektiver Weise, jedoch ohne dabei deren tiefgreifende Folgen für die Zivilisten zu marginalisieren. Technisch ist die Veröffentlichung zufriedenstellend ausgefallen und bietet auch interessantes Bonusmaterial, trotzdem hätte die vorliegende Produktion für eben jenes noch deutlich mehr Potential geboten.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 16
1,85:1
1,85:1
116:02 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Französisch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Interview mit dem Produzenten Yacef Saadi
  • Interview mit dem Regisseur Gillo Pontecorvo
Schlacht um Algier - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Schlacht um Algier
La Battaglia di Algeri

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Zeitloses, ungeschminktes Portrait des anti-kolonialistischen Widerstandskampfes im semi-dokumentarischen Stil


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Algerien / Italien, 1966
Regie:
Gillo Pontecorvo
Drehbuch:
Gillo Pontecorvo, Franco Solinas
Darsteller:
Brahim Hadjadj, Jean Martin, Yacef Saadi, Samia Kerbash, Ugo Paletti, Fusia El Kader, Brahim Haggiag, Tommaso Neri

Label Deutschland :
Pierrot Le Fou
Verkaufsstart Deutschland :
17.06.2011