 |
Blu-ray-Besprechung - Johnny Mad Dog
Story:
Johnny Mad Dog (Christophe Minie) ist der Anführer einer kleinen Einheit Kindersoldaten in einem namenlosen afrikanischen Land im Bürgerkriegszustand, voller gewaltsamer ethnischer Konflikte. Seiner Meinung nach kämpft Johnny mit dieser Einheit im Auftrag der Rebellen gegen das unterdrückerische Regime und somit für die Bevölkerung. Auf ihrem Weg töten, vergewaltigen und plündern seine Kindersoldaten jedoch gnadenlos und hinterlassen nur Chaos und Zerstörung, während sie in Richtung der Hauptstadt des Landes marschieren. Zeitgleich kämpft die junge Laokole (Daisy Victoria Vandy) dort ums Überleben und versucht ihren angeschossenen Vater und gleichzeitig ihren kleinen Bruder zu retten. Die Wege der beiden kreuzen sich und das nicht nur einmal.
Meinung zum Film:
Die belgisch-französische Koproduktion „Johnny Mad Dog“ (2009) beruht auf der Romanvorlage "Johnny Chien Méchant" des kongolesischen Autors Emmanuel Dongala aus dem Jahr 2002. Der Film entstand unter schwierigen Drehbedingungen im westafrikanischen Staat Liberia, einem Land, das von jahrelangen Konflikten bzw. Bürgerkriegen geprägt wurde. Regisseur und Langfilmdebütant Jean-Stéphane Sauvaire („Carlitos Medellin“) besetzte die Rollen der Kindersoldaten mit Einheimischen. Diese waren ausgewiesene darstellerische Laien, hatten jedoch tatsächlich selbst entsprechende Biographien vorzuweisen. Im Hinblick auf die Thematik des Films verkörperten sie also entsprechend selbst unfreiwillig „Experten“. Zur Situation und Problematik der Kindersoldaten finden sich auf der Homepage von „terre des hommes“ zahlreiche weiterführende und fundierte, aber auch erschreckende Daten und Fakten.
„Johnny Mad Dog“ ist ohne Zweifel ein gut gemeinter Film, der sich auf mutige Art und Weise an ein brisantes gesellschaftliches Thema heranwagt. Leider gelingt es dem Film jedoch nie, aus diesem großen Potenzial wirklich Kapital zu schlagen. Das beginnt bereits mit der Perspektive der Erzählung. In erster Linie besteht der Film inhaltlich daraus, dass eine Gruppe von Kindersoldaten mordend und marodierend durch die Landschaft zieht. Parallel und zeitlich deutlich weniger umfangreich wird die zweite Handlungsebene der jungen Laokole aus der Opferperspektive abgehandelt. Während die Romanvorlage den Charakteren noch „ein Gesicht“ verlieh, ihr Innenleben und ihre Ziele sowie Träume thematisierte, macht der Film aus den Hauptprotagonisten, ebenso wie aus dem thematisierten namenlosen Konflikt, austauschbare Schablonen. Biographische Hintergründe, also der Weg in ihr jetziges Schicksal, rational fassbare Motive oder auch wirklich aussagekräftige Dialoge werden hier schlichtweg auf ein absolutes Minimum reduziert. Der Coveraufdruck „Uncut Edition“ wirkt gleich doppelt deplaziert, auch wenn der Film ursprünglich mit einer KJ angekündigt war. Zum einen wird dieses marktschreierische Element dem höheren Anspruch des Films nicht gerecht, zum anderen ist der Film in der Darstellung der Gewalt- bzw. Schandtaten erstaunlich zahm ausgefallen. Auf blutige Details wird verzichtet, die Kamera wendet sich häufig vom Geschehen ab und besonders explizite Grausamkeiten werden direkt komplett ausgespart. Nun kann den Verantwortlichen hier eine anti-exploitative Haltung zugestanden werden, andererseits fehlen hier aber auch „heilsame Schocks“, und die Frage muß erlaubt sein, ob es sinnvoll ist, in punkto grausamer Realität von den täglichen Nachrichtensendungen in den Schatten gestellt zu werden.
Der größte Vorwurf an den Film muss jedoch lauten, dass er einfach nicht an seinen Zuschauern interessiert ist. Es fehlt ein roter Faden, es fehlt eine wirklich durchgehende, lebendige Dramaturgie und es fehlen tiefer ausgearbeitete Figuren. In Anbetracht der verwendeten Darsteller und der Eindrücke aus dem Making Of wäre es wesentlich sinnvoller gewesen, einen personalisierten Dokumentarfilm über einige Kindersoldaten, deren Herkunft, ihre Rolle im Krieg und ihren weiteren Werdegang bzw. das Phänomen ihrer gesellschaftliche Ausgrenzung zu drehen. Was vor allem fehlt, ist eine Kontrastierung ihrer „Barbarei“ mit kindlichen Verhaltensmustern und die Subtilität bei dramaturgisch eigentlich wegweisenden Sequenzen, wie der Rekrutierung/Entführung eines neuen Soldaten, der dafür zuvor seinen eigenen Vater töten muss. Stattdessen versucht sich Sauvaire an verwackelten Handkameraaufnahmen als authentizitätssteigerndem Mittel und ergeht sich darin, immer wieder künstlerisch hochwertig angedachte Momente von Surrealität erzeugen zu wollen. Das gelingt ihm jedoch eher selten und am besten noch bezüglich des Aufzugs der Einheit selbst. Diese mutet nämlich mit ihrer bunten Kostümierung, ihren Brautkleidern, Engelsflügeln, etc. wie eine Mischung aus einem Karnevalszug und den Recken aus „Die Ritter der Kokosnuss“ an.
Digitale Aufarbeitung:
Die Blu-ray bietet grundsätzlich eine gute Bildschärfe, kräftige Farben und sehr ausgewogene Kontrastwerte. Großartige Plastizität ist allerdings nicht auffindbar und Aha-Effekte im Bezug auf HD-würdige Details sind eher die Ausnahme, beispielsweise wenn sich Nahaufnahmen von Gesichtern im Vordergrund manifestieren. Zudem liegen leichte Bewegungsunschärfen vor. Filmkorn ist nicht nur, aber gerade bei dunkleren Sequenzen durchaus erkennbar. Die Vorlage ist sehr sauber ausgefallen und auch die Kompression arbeitet auf hohem Niveau. Die BD besitzt lediglich eine englische Tonspur im DTS-HD-Master-Audio-5.1-Format. Auf eine deutsche Synchronisation wurde verzichtet. Optional gibt es aber deutsche Untertitel für den gesamten Film. Diese sind allerdings auch bitter nötig, denn die Kindersoldaten verwenden übelstes Slang-Englisch, das ohne Hilfsmittel kaum zu verstehen ist. Ansonsten wirkt die Abmischung ausgewogen und sehr kräftig. In den nicht gerade massiv auftretenden Actionsequenzen gibt es auch ordentlichen Raumklang, z.B. in Form von Kampfhandlungen nebst Schusswaffengebrauch.
Auf der BD befinden sich der Filmtrailer, eine Bildergalerie mit Filmszenen sowie Aufnahmen vom Set und ein deutsch untertiteltes Making Of (51:38). Dabei ist das Making Of deutlich interessanter ausgefallen als der Hauptfilm, da hier auch die ehemaligen Kindersoldaten ausführlicher zu Wort kommen und ihre persönlichen Erfahrungen thematisieren. Auch der Produzent und der Regisseur steuern einige Hintergrundinformationen bei und unterstreichen ihre ehrbaren Absichten bei der Realisierung des Films. Probleme bei den Dreharbeiten und die improvisierte schauspielerische Turbo-Ausbildung der Hauptdarsteller werden ebenfalls thematisiert. Auch ein Besuch der drei männlichen Hauptdarsteller bei der Vorpremiere in Frankreich wird filmisch begleitet. Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Einrichtung der “Johnny Mad Dog Foundation”, die sich um die Darsteller und weitere ehemalige Kindersoldaten bzw. deren Bildung und Ausbildung kümmern sollte. Allerdings gibt es mittlerweile auch Zweifel an deren Effektivität, wobei auch ihre Homepage wenig ergiebig erscheint. Die Veröffentlichung besitzt ein Wendecover.
Fazit:
„Johnny Mad Dog“ setzt sich mutig mit einem sehr brisanten und wichtigen Thema auseinander. Das filmische Umfeld und die Hauptdarsteller wirken dabei erstaunlich authentisch. Der namenlose Konflikt und die kaum näher ausgeführten Charaktere wirken jedoch völlig austauschbar und dramaturgisch und narrativ wurden die Zuschauer offensichtlich völlig vergessen, anders lässt sich das Fehlen einer wirklich durchdeklinierten Handlung nicht erklären. Technisch macht die vorliegende Blu-ray einen guten Eindruck. Auf eine deutsche Synchronisation muss zwar verzichtet werden und die Untertitel sind zur Verständlichkeit wirklich notwendig, das Making Of hinterlässt dafür aber einen äußerst interessanten Eindruck.
Technische Daten:
|
FSK-Freigabe:
|
Bildformat:
|
Laufzeit:
|
|
|
2,35:1
|
94:18 Minuten
|
|
Sprachen / Tonformate:
|
Englisch DTS-HD Master Audio 5.1 |
|
Untertitel:
|
|
Deutsch |
|
Bonusmaterial:
|
- Filmtrailer
- Making Of
- Bildergalerie
|
|  |
Johnny Mad Dog
Johnny Mad Dog
Gut gemeinter Film zu einem brisanten Thema, in der konkreten Umsetzung aber mit zahlreichen Schwächen
Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr
Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Belgien / Frankreich, 2009 Regie: Jean-Stéphane Sauvaire Drehbuch: Jean-Stéphane Sauvaire (basierend auf einem Roman von Emmanuel Dongala) Darsteller: Christophe Minie, Daisy Victoria Vandy, Dagbeth Tweh, Prince Doblah, Papa Jackson, Eric Cole, Barry Chernoh, Joseph Duo
Label :
Koch Media Entertainment
Verkaufsstart : 26.06.2011
|