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Blu-ray-Besprechung - Auschwitz

Story:
Ist der Holocaust bereits größtenteils in Vergessenheit geraten? Diese Ansicht vertritt zumindest Regisseur Uwe Boll, unter anderem basierend auf Interviews, die er mit Schülern geführt hat. Aus diesem Grund entschloss er sich, einen Film zu drehen, der die Konzentrationslager so zeigt, wie sie wirklich waren. Seine "Auschwitz"-Dokumentation wird dabei von den Schüler-Interviews sowie Archivaufnahmen aus der Kriegszeit ergänzt.

Meinung zum Film:
Dr. phil. Uwe Boll ist sicherlich das enfant terrible der deutschen Filmindustrie ... wenn nicht sogar der weltweiten. Kaum ein Regisseur wurde mit derart vielen Antipreisen ausgezeichnet und eigens für Dr. Uwe wurde 2009 die Goldene Himbeere für das schlechteste bisherige Lebenswerk wieder herausgekramt, die seit 1987 niemand mehr erhalten hatte. Von Boll stammen vor allem berühmt-berüchtigte Videospielverfilmungen wie "Far Cry", "Alone in the Dark" oder "Postal" und erst kürzlich setzte er die Lebensgeschichte von Max Schmeling in den filmischen Sand. So ist es auch kein Wunder, dass der Aufschrei im cineastischen Lager groß war, als Boll verkündete, einen "Auschwitz"-Film drehen zu wollen, denn es wurde schon befürchtet, das Dritte Reich würde zu Geld machendem Kunstblut-Trash verwurstet.

Ganz so schlimm ist "Auschwitz" dann allerdings doch nicht geraten, der Film versteht sich nämlich primär als Dokumentation. Boll hatte den Eindruck, dass sich die Geschichte auch heute noch ständig wiederholt und sich 70 Jahre nach dem Holocaust niemand mehr für ihn interessiert. Um das zu untermauern, ging er in eine Schule und interviewte dort Schüler darüber, was sie denn von der Zeit des Zweiten Weltkriegs wissen. Das Ergebnis ist in "Auschwitz" zu sehen, der laut Boll ein Film sein soll, der das damalige Geschehen genau so zeigt, wie es tatsächlich war, ohne dabei vereinzelte Helden oder Überlebende hervorzuheben, wie es in vielen anderen Holocaust-Filmen wie "Schindlers Liste" oder "Der Pianist" getan wird. An diesem Punkt fangen allerdings die Probleme an. Der von Boll in einer 30-minütigen Spielszene dargestellte "wirklich wahre Holocaust" wird seinem eigenen Anspruch nicht so wirklich gerecht. Die gesamte Szene, die auf Requisiten und Locations aus Bolls kurz zuvor entstandenem "Bloodrayne: The Third Reich" zurückgreift, wirkt genauso wenig realistisch wie die beinahe identische Anfangssequenz eben jenes Films. Auch hier sind wieder viel zu bequeme Deportationszüge zu sehen, in denen sämtliche Mitfahrenden eine enorme Bewegungsfreiheit zu haben scheinen, statt eng eingepfercht zu sein, wie es damals wirklich war. Gleiches gilt für die gleich dreimal hintereinander eingebauten Gasdusch-Sequenzen, die die enormen Qualen, die mit dem Ersticken an Zyklon B verbunden sind, gerade mal im Ansatz erahnen lassen. Für ein höchst realistisches Werk, wie von Boll beabsichtigt, sind das schon erstaunlich viele historische und wissenschaftliche Ungenauigkeiten.

Ein weiteres Problem sind die unglaubliche Aggressivität und die Selbstüberzeugung, mit denen Boll dem Zuschauer seinen Film "ans Herz legt". Nicht nur in der kurzen persönlichen Einführung und dem Schlusswort von Boll, die sowohl auf Deutsch als auch in voller Inbrunst vorgetragenem reichlich falschen Englisch vorliegen, könnte der Eindruck entstehen, dass Dr. Boll, der schon gegen Kritiker in den Boxring stieg, eventuell eine Aggressionstherapie vertragen könnte. "Alle bisherigen Filme über den Holocaust waren Mist, deshalb bin ich nötig, um den wahren Holocaust zu zeigen", in etwa solch ein Eindruck ist es, der dem Zuschauer von Boll vermittelt wird. Bliebe allerdings die Frage, warum er nicht Taten sprechen lässt und stattdessen vierzig Minuten lang Schüler mit ihrer Unwissenheit vorführt, was eher zu Stefan Raabs "TV total" gepasst hätte. Die ersten zehn Minuten des Films sind Bolls Einführung und Schülerinterviews. Es folgen 30 Minuten Spielszenen und dann weitere 30 Minuten Interviews, in die ein paar alte Aufnahmen aus KZs und von Hitler eingemischt wurden. Ein wirklicher informativer Mehrwert lässt sich leider nicht erkennen, wenn Boll zeigt, dass ein Großteil der Schüler, mit denen er sich von aggressiv auflauernd bis herablassend unterhält, keine wirkliche Ahnung davon hat, was damals passiert ist. Und auch, dass er irgendwann einen findet, der sich doch auskennt, worauf dieser dann zehn Minuten sein Wissen ausbreiten darf, statt es selbst zu visualisieren, wirkt reichlich seltsam. Am Ende bleibt die Frage, ob es tatsächlich Bolls Intention war, den wirklichen Holocaust zu zeigen, oder ob er nicht doch eher einfach Personen in ihrer Unwissenheit zum Thema bloßstellen wollte. Ein tatsächlicher bildungstechnischer Mehrwert ist leider nicht erkennbar und die eigentliche Zielgruppe des Films bleibt nebulös. Vermutlich wollte Boll einen edukativen Film für den Geschichtsunterricht produzieren. Aufgrund des bildungstechnisch wenig wertvollen Inhalts, nicht zuletzt im Hinblick auf die ungenau inszenierten Spielszenen, wird "Auschwitz" aber wohl zukünftig nur in wenigen Klassenzimmern vorzufinden sein. Der Ansatz war sicherlich löblich, aber Boll bleibt hier bei der Umsetzung leider seiner bisherigen Linie treu.


Digitale Aufarbeitung:
Bildtechnisch gibt es an "Auschwitz" nicht viel auszusetzen. Der Film wurde offensichtlich mit günstigen HD-Kameras gedreht, was für einen etwas sterilen Look sorgt. Die Schärfe ist aber die meiste Zeit über gut und auch der Detailbereich ist in der Regel ganz ordentlich durchzeichnet. Rauschen oder analoge Defekte sind nicht auszumachen. Das gilt natürlich nicht für die hin und wieder eingebauten Archivaufnahmen. Der Ton liegt auf Deutsch in dts-HD Master Audio 2.0 sowie in Dolby Digital 2.0 vor und verzichtet genrebedingt auf Effekte. Die Dialoge sind dabei immer klar verständlich, allerdings, besonders bei Bolls "Einführung" und "Schlusswort", gelegentlich etwas asynchron zum Bild. Des Weiteren fällt das schlecht programmierte Discmenü negativ auf. Wird der Unterpunkt Sprachen geöffnet, wird die Dolby-Spur z.B. statt als "Deutsch" als "Hindi" aufgeführt und ragt über den seitlichen Menürand hinaus. Das hat zur Folge, dass selbst beim Schließen des Menüs weiterhin das "l 2.0" von "Dolby Digital 2.0" in der Bildmitte stehen bleibt und sich auch durch erneuten Menüaufruf nicht wieder entfernen lässt. Wer also nicht den gesamten Film über "l 2.0" mitten im Bild stehen haben möchte, ist ärgerlicherweise gezwungen die Disc erstmal herausnehmen und neu einzulegen.

Als Bonusmaterial gibt es drei Interviews mit Uwe Boll, in denen allerdings auch nichts Sinnvolleres zu erfahren ist als im Film selbst, zumal alle nur in englischer Sprache ohne deutsche Untertitel vorliegen. Deutlich informativer und insgesamt auch inhaltlich wertvoller als der komplette "Auschwitz"-Film ist dagegen die 53-minütige amerikanische Dokumentation über das KZ in Auschwitz ausgefallen. In dem alten Schwarzweiß-Film sind u.a. sämtliche Originalaufnahmen enthalten, die die russischen Truppen bei der Befreiung des KZs gedreht haben. Die Doku ist löblicherweise sogar deutsch untertitelt, wodurch Lehrer doch noch etwas in die Hand bekommen, was sie ihren Schülern zeigen können.

Fazit:
"Auschwitz" versteht sich selbst als realistische Darstellung des berüchtigten KZs, doch die tatsächliche Inszenierung der 30-minütigen Spielszene ist reichlich ungenau, sowohl in historischer als auch in wissenschaftlicher Hinsicht. Der Rest des Films besteht aus Interviews, in denen Schüler zeigen, wie viel oder wenig sie vom Holocaust wissen. Zwar ist die Idee zu diesem Werk durchaus löblich, aufgrund der Ungenauigkeiten und Bolls überzogen aggressiver Selbstinszenierung bleibt bei "Auschwitz" aber letztlich nicht wirklich viel bildungstechnisch Wertvolles übrig. Zumindest bietet die Blu-ray gute Bildqualität und zum Ausgleich für den schwachen Hauptfilm findet sich im Bonusmaterial noch eine recht alte, dafür aber den Tatsachen entsprechende Dokumentation über das KZ vor.


Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,78:1
1,78:1
70:56 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Deutsch
DTS-HD Master Audio 2.0
DTS-HD Master Audio 2.0
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Interviews
  • Auschwitz-Dokumentation
Auschwitz - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Auschwitz
Auschwitz

Bild unseres Mitarbeiters Jano Rohleder
Wenn sich Uwe Boll als Guido Knopp versucht ...


Autor der Besprechung:
Jano Rohleder

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland/Kanada, 2011
Regie:
Uwe Boll
Drehbuch:
Uwe Boll

Label Deutschland :
Savoy Film
Verkaufsstart Deutschland :
29.07.2011