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DVD-Besprechung - Grenzfälle - Es geschah übermorgen

Story:
Yan Thomas (Pierre Vaneck) und Barbara Andersen (Elga Andersen) sind Agenten des BIPS ("Bureau International de Prevention Scientifique") bzw. eingedeutscht Mitarbeiter des IISW ("Internationales Institut zum Schutz der Wissenschaften"). Das Ziel dieser internationalen Organisation ist es, dafür zu sorgen, dass revolutionäre Entwicklungen auf dem Sektor der Wissenschaften nicht in die falschen Hände geraten oder zu kriminellen Machenschaften, vor allem gegen die westliche Wertegemeinschaft, missbraucht werden. Die Agenten des IISW besitzen dabei besondere Vollmachten und sind fast überall auf der Welt tätig.

Meinung zum Film:
"Grenzfälle - Es geschah übermorgen" ist eine 13-teilige deutsch-französische TV-Serie, deren erste sechs Folgen im Jahr 1971 entstanden, während drei Jahre später, also 1974, sieben weitere Folgen in einer zweiten Staffel nachgeschoben wurden. Die vorliegende Veröffentlichung enthält alle diese Folgen, mit deutlich schwankenden Laufzeiten von jeweils 48 bis hin zu 55 Minuten, in hochwertiger deutscher Synchronfassung der "Berliner Synchron", heute "BSG", auf vier DVDs. Das ergibt insgesamt eine Laufzeit von rund 667 Minuten und somit über elf Stunden nostalgische Unterhaltung in Serie. In Deutschland wurde die Reihe relativ zeitnah, genauer vom Oktober 1973 bis zum April 1974, als einzelne und somit 13-teilige Staffel als Erstaufführung im ZDF ausgestrahlt. In den Hauptrollen agieren der Franzose Pierre Vaneck ("Brennt Paris?") und die Deutsche Elga Andersen ("Le Mans"), gebürtig eigentlich Helga Hymen, beide mittlerweile verstorben, unter der Regie von Claude Boissol ("Kommissar Moulin") und Victor Vicas ("Zwei unter Millionen") nach Drehbuchvorlagen von Jacques Bergier, Jean Sacha ("Othello") und Henri Viard ("Die gelbe Karawane").

"Grenzfälle - Es geschah übermorgen" wird vom Hersteller Pidax film als Vorläufer von "Akte X" beworben und auch eine Internetrecherche ergibt viele Treffer im Mystery- oder auch Fantasygenre. Diese Einordnung ist allerdings nach Betrachtung der Serie eher irreführend bis nicht haltbar. Zunächst sind Yan Thomas und Barbara Andersen sowohl inhaltlich als auch stilistisch John Steed und Emma Peel aus "Mit Schirm, Charme und Melone" deutlich näher als den Kollegen Scully und Mulder aus "Akte X". Der Auftrag von Thomas und Andersen ist es, den Missbrauch revolutionärer neuartiger Erfindungen zu unterbinden und daraus resultierende Gefahren gegen die westliche Welt zu eliminieren. Das umfasst beispielsweise geheimdienstliche oder militärische Entwicklungen, Auswirkungen für das Weltwirtschaftssystem, die globale Kommunikation oder das internationale Verkehrswesen. Das einzige "Mysterium" der Serie ist dabei die Frage nach dem Ursprung der Phänomene, deren Auftreten die Einschaltung des IISW auf den Plan ruft. Es gibt jedoch in jeder Folge eine wissenschaftliche Erklärung für die merkwürdigen Vorgänge, die auch meist schon recht früh angedeutet wird und keineswegs zunächst mit irgendwelchen paranormalen Phänomen in Verbindung gebracht wird. Lediglich die innerhalb der Serie teilweise vorausgesetzte Wirksamkeit der Telepathie zwischen Menschen besitzt einen Mystery- oder Fantasyeinschlag. Eigentlich handelt es sich bei der Reihe jedoch um eine kriminologischen Verfahren folgende Agentenserie mit deutlichem Science-Fiction-Einschlag in Bezug auf die verwendeten Technologien.

Gerade in den ersten Folgen gibt sich die quasi ohne durchgängigen roten Faden verlaufende Serie aber trotzdem inhaltlich äußerst innovativ. So werden beispielsweise Diamanten durch ein pflanzliches Verfahren künstlich hergestellt und gefährden so die Weltwirtschaft. Und ein Highlight ist auch bereits die dritte Folge, "Der Tag hat 36 Stunden". Hier leidet beinahe ein komplettes Dorf unter einer Störung des zentralen Nervensystems, die den gesamten Stoffwechsel der Einheimischen massiv verlangsamt, sie regelrecht in Zeitlupe agieren lässt und beispielsweise menschliche Laute in Normalgeschwindigkeit für sie in ein unerträgliches hochfrequentes Geschrebbel verwandelt. Eine weitere große Stärke der Serie ist die perfekte Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern, die vor Spielfreude regelrecht sprühen und - gepaart mit dem subtilen Humor und den ironischen Anspielungen der Drehbücher - der Produktion einen ganz besonderen Charme verleihen, eben nicht ganz unähnlich der bereits erwähnten Serie, bei der im Titel noch ein Schirm und eine Melone hinzutreten. Die Erzählweise ist allerdings, trotz interessanter Plot-Twists, nach heutigen Sehgewohnheiten schon etwas gemächlich ausgefallen und hätte durchaus eine kleine Straffung vertragen können. Auch Actionsequenzen sind eher spärlich gesät, Yan agiert viel lieber mit Köpfchen und dem Charme der attraktiven Barbara kann kaum jemand widerstehen. Ein kleiner Bruch innerhalb der Serie ergibt sich aber etwa ab der neunten Folge, wenn die Figur der Barbara Andersen bis zur zwölften Folge in einer Nervenheilanstalt verschwindet und durch Christa Neumann (Eva Christian /"Die Frau in Weiß") ersetzt wird. Sie wirkt nämlich darstellerisch wie ein absoluter Fremdkörper innerhalb der Serie und erschwerend kommt noch hinzu, dass sich bestimmte Elemente zunehmend wiederholen, wie z.B. die regelmäßigen Entführungen von Yans Partnerinnen.

Digitale Aufarbeitung:
Selbst für eine fast 40 Jahre alte TV-Serie mit geringem Bekanntheitsgrad ist die Bildqualität der vorliegenden DVDs unterdurchschnittlich ausgefallen, was allerdings wohl der Materiallage geschuldet war, während eine aufwändige Restaurierung sich unter wirtschaftlichen Aspekten sicherlich nicht gerechnet hätte. Die Bildschärfe ist nicht besonders gut und wirkt häufiger weich, ist allerdings unter Berücksichtigung des Alters und mit etwas Wohlwollen gerade noch als lediglich knapp unterdurchschnittlich zu bezeichnen. Allerdings weist das Bild auch zahlreiche größere Mängel auf. Vor allem das allgegenwärtige Bildrauschen, in sehr starker Ausprägung, gepaart mit zahlreichen Verschmutzungen sowie auffälligen Bildfehlern bzw. Beschädigungen und Laufstreifen schmälern das Sehvergnügen. Auch die nicht gerade überragende Kompression leistet sich diverse Aussetzer, der Bildstand ist teilweise etwas unruhig und die Farbgebung wirkt eher blass und weist häufig einen deutlichen Rotstich auf. Auch die Kontrastwerte haben teilweise deutliche Probleme, Konturen eindeutig hervorzuheben, richtig problematisch wird es allerdings bei den zum Glück eher seltenen Nachtsequenzen. Scheinbar wurde hier beim Dreh völlig ungeeignetes Equipment genutzt und es ist kaum noch etwas zu erkennen. Die deutsche Tonspur spielt sich zwar erwartungsgemäß in der Front ab und beinhaltet auch ein paar kurze Tonaussetzer, klingt aber hinsichtlich der Dialoge erstaunlich klar und ist auch sehr ausgewogen abgemischt. Eine französische Tonspur ist nicht vorhanden.

Auf Bonusmaterial muss der Zuschauer leider verzichten.

Fazit:
"Grenzfälle - Es geschah übermorgen" ist eine ziemlich ungewöhnliche und für ihre Zeit inhaltlich äußerst innovative Agentenserie mit kriminologischen Ermittlungsmethoden und einem deutlichen Science-Fiction-Einschlag, allerdings mit Sicherheit kein Vorläufer von "Akte X". Neben intelligenten, einfallsreichen Drehbüchern lebt die Serie vor allem von einem perfekt eingespielten Gepann in der Hauptrolle und ihrem unterschwellig-charmanten Humor. Technisch sollten die Erwartungen an die vorliegende Veröffentlichung allerdings deutlich zurückgeschraubt werden und Bonusmaterial gibt es leider gar keines.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,33:1
1,33:1
13 Folgen à ca. 48-55 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine
Bonusmaterial:
  • -
Grenzfälle - Es geschah übermorgen - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Es geschah übermorgen
Aux frontières du possible

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Innovative und charmante Agentenserie mit Krimieinschlag und Science-Fiction-Komponente


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Frankreich / Deutschland, 1971 / 1974
Regie:
Claude Boissol, Victor Vicas
Drehbuch:
Jacques Bergier, Henri Viard, Jean Sacha
Darsteller:
Pierre Vaneck, Elga Andersen, Jean-François Rémi, Eva Christian, Yvette Montier, Roger Rudel, Jerry Brouer, Liliane Patrick

Label Deutschland :
Pidax film
Verkaufsstart Deutschland :
02.09.2011