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DVD-Besprechung - 1885 - Sturm auf Afrika
Story:
Am 15. November 1884 begann in Berlin unter Leitung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck die Westafrika-Konferenz, auch bekannt als sogenannte „Kongo-Konferenz“. Der Teilnehmerkreis umfasste die bedeutendsten Diplomaten, Juristen und Geographen aus vierzehn westlichen Staaten, vornehmlich Europa, darunter als wichtigste Nationen Frankreich, England, Deutschland, Spanien, Portugal und Belgien, aber auch Vertreter aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Konferenz verhandelte drei Monate lang über die Zukunft Afrikas und besiegelte das traurige Schicksal dieses Kontinents mit ihrer Schlussakte am 26. Februar 1885. Diese „Kongo-Akte“ war der Grundstein für die endgültige Aufteilung Afrikas unter den europäischen Kolonialreichen und zeichnete sich vor allem durch ihre völlig willkürlichen, aus machtpolitischen Erwägungen und diplomatischen Zugeständnissen gespeisten Grenzziehungen aus, die bis heute für zahlreiche bewaffnete Konflikte und Bürgerkriege in Afrika verantwortlich zeichnen.
Meinung zum Film:
„1885 - Der Sturm auf Afrika“ ist ein französisch-deutsch-belgisches Dokumentarspiel von Joël Calmettes („Das kurze, mutige Leben des Herschel Grünspan“) aus dem Jahr 2010, an dessen Produktion unter anderem ARTE France, der rbb (Rundfunk Berlin-Brandenburg) und TV 5 Monde beteiligt waren. Am 1. März 2011 erfolgte die deutsche TV-Premiere des Titels bei ARTE. Der Film besteht zu einem großen Teil aus Spielsequenzen, die die Westafrika-Konferenz mit Schauspielern rekonstruieren, wobei als Quelle unveröffentlichtes Archivmaterial, z.B. zeitgenössische Protokolle der Diplomaten, und aktuelle Erkenntnisse der Kolonialismusforschung, einbezogen wurden. Ergänzt wird dieser Filmteil durch Experteninterviews mit internationalen Geisteswissenschaftlern diverser Universitäten, wobei - anders als bei der Konferenz selbst - hier auch afrikanische Vertreter zu Wort kommen. Zusätzlich werden die Geschehnisse durch eine Erzählerin weiterführend kommentiert.
Heutige Konflikte in und zwischen afrikanischen Staaten resultieren zu weiten Teilen aus der europäischen Kolonialpolitik. Insofern ist der vorliegende Themenkomplex nicht nur ein wichtiges Instrument der Ursachenforschung, sondern auch ein Bekenntnis zur Verantwortlichkeit der europäischen Machthaber. Ein Kontinent wird zwischen fremden Mächten aufgeteilt, die Leidtragenden, also die afrikanische Bevölkerung, sind aber nicht anwesend und haben auch keine Stimme. Vor Ort sind dagegen hochrangige Vertreter der europäischen Machtzentren, die nie einen Fuß auf diesen Kontinent gesetzt haben und ihr Halbwissen aus dubiosen Quellen beziehen, gerade hinsichtlich der ethnologischen Einschätzung der Ureinwohner, die als der „weißen Rasse“ unterlegen betrachtet wurden. Nicht genug also, dass der Kontinent aus wirtschaftlichen Erwägungen (Bodenschätze, neue Absatzmärkte) zugunsten der Europäer ausgebeutet wird, nein diese Maßnahmen tragen auch noch eine „zivilisatorische“ Handschrift des Gutmenschentums. In der Betonung dieser perfiden Handlungsweise der westlichen Mächte liegt sicherlich eine besondere Stärke dieses Dokumentarspiels, das auch ansonsten durch visuelle Fokussierung des Kartenmaterials, Vorstellung der Teilnehmer, die Expertenmeinungen und den erläuternden Kommentar sehr bemüht darum ist, dem Zuschauer anschaulich, aber keineswegs verkürzt, die wichtigsten Ergebnisse und Auswirkungen dieser Konferenz vor Augen zu führen.
Ein weniger glückliches Händchen hatten die Macher dieser Produktion allerdings bei der Gestaltung der Spielszenen an sich. Das Auftreten der Darsteller wirkt steif und gekünstelt und gerade Bismarcks erster Auftritt fordert eher schallendes Gelächter heraus, denn dieser wandelt nicht nur wie ein Zombie durch den Konferenzsaal, sondern erweckt auch durch das viel zu dick aufgetragene Make-up bzw. seine Maske eher den Eindruck eines Untoten. Gerade die deutsche Synchronfassung, u.a. auch mit überzogener Betonung fremdsprachlicher Einfärbungen bzw. Dialekten „gesegnet“, erweist dem vorliegenden Titel in dieser Hinsicht auch eher einen Bärendienst, zumindest in den Spielszenen. Auch die eigentliche Inszenierung der Produktion wirkt teilweise etwas dröge und besonders der Sprung zu den Interviewpartnern reißt den Zuschauer leider immer wieder etwas aus der Materie heraus, eine entsprechende ersatzweise Ausweitung des Kommentars wäre hier sicherlich wünschenswerter gewesen. Inhaltlich hinterlässt das Geschacher um Freihandelszonen und Okkupationsbedingungen allerdings einen durchaus fundierten Eindruck und betont gerade im letzten Abschnitt die Scheinheiligkeit der versammelten Vertreter, besonders in Hinblick auf den angeblich einer breiten Zustimmung unterliegenden Wunsch nach der Abschaffung der Sklaverei, nur um diese dann unter dem zivileren Terminus „Zwangsarbeit“ aufs Neue zu erschaffen.
Digitale Aufarbeitung:
Das Dokumentarspiel aus dem Jahr 2010 verwendet lediglich aktuelle Spiel- und Interviewsequenzen und bietet dementsprechend eine gute Bildschärfe, ausgewogene Kontrastwerte und eine natürliche Farbgebung. Auch die Kompression arbeitet unauffällig auf relativ hohem Niveau. Lediglich das Bildrauschen ist für eine so neue Produktion relativ stark ausgefallen. Der französische Originalton fehlt und auf der DVD befindet sich lediglich die schon aufgrund der Aufmachung des Titels eher unspektakuläre, aber stets gut verständliche deutsche Synchronfassung in Dolby Digital 2.0. Die Experteninterviews liegen allerdings im Voice-over-Verfahren vor.
Auf der DVD befindet sich lediglich ein extrem kurzes, unkommentiertes Making Of (4:46) von den Dreharbeiten in Paris, das zudem auch keine gute Bildqualität bietet. Die Veröffentlichung besitzt kein Wendecover.
Fazit:
„1885 - Der Sturm auf Afrika“ ist ein hochinteressantes und fundiert vorgetragenes Dokumentarspiel, dessen Unterhaltungswert allerdings teilweise deutlich hinter seinem Informationswert zurückbleibt. Neben typischen Schwächen dieser Filmgattung, wie ihrem fragmentarischen, heterogenen Charakter, besitzt die Produktion im Bereich der Spielszenen inszenatorische Schwächen und präsentiert sich auch zu steif bzw. gekünstelt im Vortrag. Während die Bildqualität der DVD überzeugen kann, ist die Tatsache, dass fast ein halbes Jahr nach der TV-Premiere immer noch kein vernünftiges Bonusmaterial zusammengetragen werden konnte, eher eine Enttäuschung.
Technische Daten:
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FSK-Freigabe:
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Bildformat:
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Laufzeit:
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1,78:1
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84:24 Minuten
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Sprachen / Tonformate:
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Deutsch Dolby Digital 2.0 |
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Untertitel:
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Keine |
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Bonusmaterial:
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1885 - Der Sturm auf Afrika
Berlin 1885, la ruée sur l'Afrique
Imperialismus in Reinkultur!
Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr
Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Frankreich / Belgien / Deutschland, 2010 Regie: Joël Calmettes Drehbuch: Joël Calmettes Darsteller: Jacques Spiesser, Pierre-Loup Rajot, Carlo Brandt, Andreas Eckert, Dane Kennedy, James Newman, Helmut Bley, Achille M'Bembe, Isidore Ndaywel
Label :
Polyband
Verkaufsstart : 26.08.2011
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