Splashpages  Home Movies  Rezensionen  Rezension  Wer wenn nicht wir
Partner von Entertain Web
http://www.splashmovies.de/php/images/spacer.gif
The DescendantsLucky TroubleDas Todesspiel

In der Datenbank befinden sich derzeit 3.899 Rezensionen. Alle Rezensionen anzeigen...

DVD-Besprechung - Wer wenn nicht wir

Story:
Deutschland, Anfang der 60er Jahre: Der junge Autor Bernward Vesper (August Diehl) und Sohn des Nazi-Dichters Willi Vesper (Thomas Thieme) trifft in der Universität eine junge Frau, die sein Leben ändern soll, Gudrun Ensslin (Lena Lanzemis). Für die beiden beginnt eine bewegte Zeit, voller seelischer Schmerzen und Leidenschaft. Sie ziehen zusammen und gründen einen Verlag. Dieser beschäftigt sich anfangs vorrangig damit die Werke Willi Vespers neu aufzulegen. Mit der Zeit veröffentlicht er jedoch, gepackt von der revolutionären Stimmung im Land und auf der gesamten Welt, immer mehr linksextreme Texte und Übersetzungen aus dem Ausland. Doch das junge Paar merkt nicht, dass es immer mehr auseinander driftet. Während Bernward die Erkenntnisse mithilfe von Drogen zu erweitern versucht, sucht Gudrun nach anderen Wegen, sich selbst zu verwirklichen. Obwohl die beiden ein gemeinsames Kind bekommen, lassen sich die Dispute nicht mehr aus der Welt räumen. Als Gudrun dann den aggressiven Andreas Baader (Alexander Fehling) kennen lernt, verlässt sie den Weg der gewaltfreien Revolution und widmet sich dem bewaffneten Widerstand.

Meinung zum Film:
Der Film „Wer wenn nicht wir“ beruht auf dem Sachbuch „Vesper, Ensslin, Baader – Urszenen des deutschen Terrorismus“ von Gerd Koenen. Das Thema RAF ist kein Neuland für Regisseur Andres Veigel, der sich schon mit seiner Dokumentation „Black Box BRD“ mit diesem Stück neuerer deutscher Geschichte beschäftigte. Für sein Spielfilmdebüt „Wer wenn nicht wir“ bekam er den Alfred-Bauer-Preis verliehen. Doch ist es wirklich nötig noch einen Film über die RAF zu machen? Bietet das Thema dem Zuschauer eigentlich noch etwas Neues, Interessantes, etwas, was ihm noch nicht in irgendeinem Medium, sei es Film oder Printmedien, vorgekaut wurde? Veiel scheint genau dieser Meinung zu sein. Als Dokumentarfilmer beschäftigt er sich mit der Frage, warum eine Frau wie Ensslin, eine Pfarrerstochter aus gutem und verständnisvollem Hause, sich für den Weg der Gewalt entscheiden konnte, während Vesper, dessen Vater ein großer Nazi und glühender Hitlerverehrer war, seine Zuflucht eher in Drogen suchte. Da es Veiel um die Vorgeschichte und damit die Ursachen für die Gründung der RAF geht, muss er sich zwangsläufig mit den Hauptakteuren Baader, Ensslin und Vesper beschäftigen. Diese Konzentration auf bestimmte Personen ist auch die größte Stärke des Films.

Einige neue Aspekte hat der Film schon zu bieten. Das schwierige Verhältnis zwischen Bernward und seinem Vater, deren Verbindung, die selbst nach Willi Vespers Tod nicht abbricht, da sich sein Sohn dazu verpflichtet hat, in einer Zeit der linken Revolution die rechtsextremen Werke seines Vaters neu zu veröffentlichen, wird genaustens psychologisch unter die Lupe genommen. Dabei ist es eine Offenbarung für den Zuschauer, dass Gudrun Ensslin, Mitgründerin und Leitfigur der RAF der ersten Generation, gerade über diese Texte des nationalsozialistischen Dichters positive Rezensionen in rechtsextremen Zeitschriften veröffentlichte. Doch war Ensslin deshalb eine politisch wankelmütige Frau, oder wollte sie immer nur den jeweiligen Männern in ihrem Leben gefallen? Es ist jedoch unklar, ob der Zuschauer die Beweggründe eines Andreas Baaders versteht, wenn er erfährt, dass dieser von seiner Mutter über die politische Vergangenheit seines Vaters belogen wurde. Oder ob allein die Tatsache, dass Ensslin über die „frei Liebe“ stolpert, nicht damit zurecht kommt und sich deshalb in sich selbst zurück zieht, als Ursache für ihre Gewaltbereitschaft zu sehen ist. Hier liegt eine der größten Schwächen des Films, seine permanenten Andeutungen, die den Zuschauer zum nachdenken animieren sollen, jedoch eher verwirrend wirken.

Die Hauptrollen sind mit August Diehl („Die kommenden Tage“) als Bernward Vesper, Lena Lanzemis („Sonnenallee“) als Gudrun Ensslin und Alexander Fehling („Goethe!“) als Andreas Baader mehr als glaubwürdig besetzt. Alle drei Schauspieler schaffen es, das Drehbuch, dass aus der Feder von Andres Veiel stammt, gut umzusetzen und teilweise sogar Identifikationspotential für den Zuschauer zu bieten. Eine der interessantesten Szenen des Films ist, als Ensslin beschließt ihren Lebensgefährten Vesper und ihren gemeinsamen Sohn Felix zu verlassen. Während Bernward in einem Zimmer steht, bleibt Felix in dem anderen und Ensslin steht dazwischen. Die Verletzlichkeit der Figuren ist nie so deutlich zu spüren, wie in dieser Abschiedsszene und hinterher muss sich der Zuschauer die Frage stellen: Hätte sich die Geschichte anders entwickelt, wenn Bernward stark genug gewesen wäre, Gudrun zurück zu halten? Da der Film nur so vor Andeutungen sprüht, und der Zuschauer sich fast keiner Tatsache mehr sicher sein kann, streut Veiel realhistorische Bilder ein. Das umfasst thematisch den Besuch des Schahs, die Demonstrationen der Studenten, oder die Versammlungen in den Universitätssälen.  Es sind also sehr bekannte Szenen, die quasi zur Unterstützung der Authentizität dienen sollen. Doch gerade diese Bekanntheit schadet dem Film, denn sie zeigt, dass das Neue des Films leider nur marginal ausfällt und die meisten Inhalte schon lange bekannt sind.

Digitale Aufarbeitung:
Das Bild ist ausnehmend gut. Die Farben gestalten sich kräftig und natürlich und die Konturen sind scharf begrenzt. Der Kontrast hält ein ausgewogenes Niveau, was vor allem den vielen Nachtaufnahmen zu Gute kommt. Der Ton klingt gleichmäßig und klar aus allen Boxen. Auch der Mix zwischen der Filmmusik, Hintergrundgeräuschen und Dialogen ist gut gelungen.

Die DVD enthält eine Menge Extras. Neben dem Audiokommentar von Regisseur Andres Veiel und dem Produzenten Thomas Kufus, kann der Zuschauer auch auf den Originaltrailer zugreifen. In Interviews kommen die Schauspieler August Diehl, Lena Lanzemis, Alexander Fehling und der Regisseur Andres Veiel zu Wort. Sie äußern sich zum Thema des Films, den Dreharbeiten und der Zusammenarbeit mit den Kollegen. Geschnittene Szenen runden die Extras ab. Die filmpädagogischen Begleitmaterialien sind jedoch leider nur als PDF-Datei verfügbar.

Fazit:
„Wer wenn nicht wir“ möchte mehr sein, als er letztlich darstellt. Die Fokussierung auf die drei Hauptakteure steht dem Film nicht schlecht zu Gesicht, da es so möglich ist, deren psychologische Beweggründe näher zu beleuchten. Doch großen Nutzen kann der Zuschauer nicht daraus ziehen, denn ihm werden keine Tatsachen vorgeführt, sondern eine Ansammlung von Spekulationen über die Beweggründe der RAF-Gründer, deren Glaubwürdigkeit im Ermessen des Zuschauers liegt. Dadurch enttäuscht Veiel den Zuschauer und nimmt seinem Film das wichtigste überhaupt: Die Authentizität.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
2,35:1
2,35:1
120:46 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Audiokommentar mit Regisseur Andres Veiel und Produzent Thomas Kufus
  • Interviews mit Cast und Crew
  • Geschnittene Szenen
  • Originaltrailer
  • Filmpädagogische Begleitmaterialien
Wer wenn nicht wir - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Wer wenn nicht wir
Wer wenn nicht wir

Bild unseres Mitarbeiters Yatiker Yildiz
Die vermeintliche Geschichte hinter der RAF?


Autor der Besprechung:
Yatiker Yildiz

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 2011
Regie:
Andres Veiel
Drehbuch:
Andres Veiel
Darsteller:
August Diehl, Lena Lanzemis, Alexander Fehling, Thomas Thieme, Imogen Kogge, Michael Wittenborn, Susanne Lothar, Maria-Victoria Dragus, Vicky Krieps, Johannes Allmayer, Carmen-Maja Antoni, Joachim Paul Assböck, Peter Benedict, Lutz Blochberger, Sebastian Blomberg, Rainer Bock, Hark Bohm, Martin Butzke

Label Deutschland :
Senator Home Entertainment
Verkaufsstart Deutschland :
14.10.2011