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DVD-Besprechung - Der große Eisenbahnraub & Tumbleweeds

Story:
Der große Eisenbahnraub:
Erst soll der Bahnhof, dann der Geldtransport in einer Eisenbahn überfallen werden: Vier Banditen scheint alles so zu gelingen, wie sie es geplant hatten. Doch mit dem scharfsinnigen Sheriff (A.C. Abadie) und seinen Männern haben sie nicht gerechnet.

Tumbleweeds:
Ein großes Stück Viehland in Caldwell, Kansas, wird nun für Siedler freigegeben. Der Tagelöhner Don Carver (William S. Hart) hält nichts davon sich niederzulassen, bis er Miss Molly Lassiter (Barbara Bedford) kennenlernt. Auch sein Freund Kentucky Rose (Lucien Littlefield) hat sich in eine Siedlerin verliebt und deswegen auch für ein Grundstück angemeldet. Das ganze Land wird allerdings erst in einigen Tagen freigegeben und nur wenige Menschen wissen von dem begehrten Flecken Erde mit einer Wasserquelle. Einer davon ist Mollys Halbbruder Noll Lassiter (J. Gordon Russell), der für dieses Stück Land sogar über Leichen geht.

Meinung zum Film:
"Der große Eisenbahnraub & Tumbleweeds" greift wirklich tief in die Archive: "Der große Eisenbahnraub" von 1903 gilt als der erste Western überhaupt, der längere Film ist aber "Tumbleweeds" von 1925 mit William S. Hart. Beides sind Stummfilme, die englischen Zwischentitel wurden dabei mit Untertiteln versehen. "Der große Eisenbahnraub", der trotz des Titels der Veröffentlichung nur bei der Sonderausstattung steckt, ist einmal in einer restaurierten Fassung mit Musik und leicht farbstichigen Einfärbung und einmal in der stummen Originalfassung anwählbar. Der sehr atmosphärische Soundtrack zum knapp elfminütigen Western wurde zusätzlich mit einigen Soundeffekten versehen, etwa beim Kugelaustausch gegen Ende. Der schnelle Schnitt und die Montage vom Knacken des Tresors, vom Überwältigen des Lokführers und der Benachrichtigung der Ordnungshüter sorgt für eine Spannung, die bei einem so alten Film überrascht. Es gab zwar noch keine Zwischentitel, dafür wären sie auch überflüssig: Der kurze Film erklärt sich durch seine Handlung. Etwas ungewohnt wirkt die kurze Aufnahme des Banditen, der in der allerletzten Szene völlig zusammenhangslos auf die Kamera und so auf den Zuschauer schießt, was damals wohl in erster Linie ein Experiment war, wie realistisch die Zuschauer das Leinwandgeschehen einschätzen und wie sie reagieren, wenn dort auf sie geschossen wird.

"Tumbleweeds" beginnt ebenfalls etwas unkonventionell. William D. Hart erklärt vor dem Hauptfilm die Hintergründe der damaligen Ansiedlungen, was für die zeitgenössischen Zuschauer gegebenes Wissen war, und erläutert außerdem, dass "Tumbleweeds" sein letzter Film war, da er sich durch seine tollkühnen Stunts auf dem Pferd dauerhafte Verletzungen zuzog, die sich im Alter nur verschlimmerten. Harts anschauliche Beschreibungen zeigen auch seinen Schmerz, danach nicht mehr in der Lage gewesen zu sein, in Western spielen zu können. Der eigentliche Film zeigt, wie sich die herumtreibenden Tagelöhner Don Carver und Kentucky Rose mit Gelegenheitsjobs durch den Westen schlagen, ohne Wurzeln schlagen zu wollen. Doch die Rinderherden werden seltener und somit die Lebensgrundlagen der beiden erschwert. So müssen sich beide an den Gedanken gewöhnen, sich niederzulassen und vielleicht sogar eine Familie zu gründen. Kentucky Rose, an für sich nur der witzige Sidekick von Carver, trifft schnell Witwe Riley, welche sich vorher mit ihren Kindern alleine nach Caldwell durchschlug. Sofort zum Siedeln animiert, kann Sympathieträger Kentucky Rose die Emotionen zur sehr eigenständigen Mutter und ihrem Nachwuchs bilden, welche der eher zurückhaltende Held Carver verweigert.

Als Tumbleweeds werden übrigens die vertrockneten Sträucher bezeichnet, welche in Western durch die Wüste geweht werden, das russische Gewächs Steppenläufer. Die nachträglich eingefügte Tonspur zu "Tumbleweeds" ist ungleich besser als die vom viel kürzeren "großen Eisenbahnraub", da sie außer der Musik auch Gesang und Atmosphäre bietet. So sind nicht nur die Menschenmengen in "Tumbleweeds" zu sehen, sondern sie sind auch zu hören, wie sie lachen und applaudieren, oder durcheinanderplappern und singen, sobald es der entsprechende Zwischentitel erlaubt. Die Zwischentitel sind häufig sehr schön mit Illustrationen ausgearbeitet, was sie perfekt in die Handlung einbringt und nicht unangenehm auffällig aussehen lässt. Der häufig entstehenden Langeweile beim Sehen eines spielfilmlangen Stummfilms wirkt die aufregende Jagd am Ende entgegen, abgeschlossen von einem leider zu kurzfristigen Happy End.

Digitale Aufarbeitung:
Natürlich hat "Der große Eisenbahnraub & Tumbleweeds" trotz guter Restauration noch kleinere Altersschwächen wie dunkle Vignetten bei schwierig ausgeleuchteten Szenen oder ein leichtes Pulsieren der Helligkeit. Das Bild bleibt so zwar insgesamt mittelmäßig, was aber beim über hundert Jahre altem Film "Der große Eisenbahnraub" schon eine gewaltige Leistung darstellt. Durch die zusätzliche Originalfassung ist noch klarer zu erkennen, wieviel Arbeit die Restauration kostete. Der hinzugefügte Ton ist rauschfrei und klar, gelegentliches Hallen passt jedoch problemlos zum gealterten Film.

"Der große Eisenbahnraub" ist zweimal unter der Sonderausstattung zu finden, einmal als restaurierte Fassung und zudem in der Originalfassung. Im Rückentext wird hingegen seltsamerweise "Der große Eisenbahnraub" als Hauptfilm angeführt und "Tumbleweeds" als Bonusfilm. Die DVD-Veröffentlichung besitzt ein Wendecover.

Fazit:
"Der große Eisenbahnraub & Tumbleweeds" bietet die richtige Kombination von Stummfilm-Western: Ein weniger geschichtsträchtiger Western ähnlicher Länge wie "Der große Eisenbahnraub"  hätte sich nicht gegen den langen, stimmungsvollen "Tumbleweeds" behaupten können und eine Veröffentlichung mit nur einem der beiden Filme wäre für den deutschsprachigen Kunden uninteressant gewesen. So lockt die DVD mit dem Kurzfilm-Klassiker, der schon aus dem Vorspann der Reihe "Western von gestern" bekannt ist, und überzeugt mit William S. Harts letztem Film. Die liebevolle Bild-Restauration und Ton-Zugabe tragen ihr Übriges dazu bei, dass Gegner von Stummfilmen hier dazu gebracht werden könnten ihre Einstellung zu überdenken.


Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,33:1
1,33:1
Der große Eisenbahnraub
11:15 Minuten

Tumbleweeds
79:17 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Englisch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Der große Eisenbahnraub (Originalfassung)
Der große Eisenbahnraub & Tumbleweeds - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Der große Eisenbahnraub & Tumbleweeds
The Great Train Robbery / Tumbleweeds

Bild unseres Mitarbeiters David Bühring
Ein Western muss nicht laut sein, um Spannung aufzubauen


Autor der Besprechung:
David Bühring

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
USA, 1903 / 1925
Regie:
Edwin S. Porter / King Baggot, William S. Hart
Drehbuch:
Scott Marble, Edwin S. Porter / C. Gardner Sullivan (nach einer Geschichte von Hal G. Evarts)
Darsteller:
A.C. Abadie, Gilbert M. Anderson, George Barnes, Justus D. Barnes, Walter Cameron, John Manus Dougherty Sr., Donald Gallaher, Frank Hanaway, Adam Charles Hayman / William S. Hart, Barbara Bedford, Lucien Littlefield, J. Gordon Russell, Richard Neill, Jack Murphy, James Gordon, Lillian Leighton

Label Deutschland :
Voulez Vous Film
Verkaufsstart Deutschland :
02.09.2011