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DVD-Besprechung - Zeichen der Zeit - Beobachtungen aus der Bundesrepublik 1956-1973 - Die Filme der Stuttgarter Schule

Story:
Im Jahr 1954 schlossen die sechs westdeutschen Sender einen Fernsehvertrag und begannen mit der Ausstrahlung eines gemeinsamen Programms. Dies war die Geburtsstunde der ARD (Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands). Einer der beteiligten Sender, der Süddeutsche Rundfunk (SDR) mit Sitz in Stuttgart, gründete unter Heinz Huber eine eigene Dokumentarfilmabteilung und rekrutierte zu diesem Zweck eine Handvoll „Junger Wilder“, wie die „Spiegel“-Redakteure Wilhelm Bittorf, Peter Dreessen und Dieter Ertel. Dieses neuformierte Team von Dokumentarfilmern folgte einer liberal-progressiven Ausrichtung und verpflichtete sich mit ihrer neuen Reihe „Zeichen der Zeit“, in klarer Abgrenzung zum heroisierenden Stil der Nazis und ihrer Wochenschauen, zu einer kritischen und entlarvenden Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland. Aufgrund ihrer gemeinsamen Geisteshaltung, der hohen Qualitätsansprüche und ihrer zu dieser Zeit revolutionären Methodik sowie besonderen Techniken wie der „entfesselten Kamera“, die Bilder für sich selbst sprechen lassen wollte, wurde diese Gruppe später mit dem Etikett „Stuttgarter Schule“ zusammengefasst. Ihre Arbeiten waren für den modernen Dokumentarfilm bis heute stilprägend und richtungsweisend.

Meinung zum Film:
In Zusammenarbeit mit dem „Haus des Dokumentarfilms“, ebenfalls in Stuttgart beheimatet, würdigt absolut MEDIEN die Arbeit der Dokumentarfilmabteilung des SDR mit einer eigenen Edition. „Zeichen der Zeit – Beobachtungen aus der Bundesrepublik 1956–1973 – Die Filme der Stuttgarter Schule“, so der Titel, versammelt sechzehn Dokumentarfilme aus der Reihe „Zeichen der Zeit“ mit einer Gesamtlaufzeit von über 740 Minuten, die im Zeitraum von 1956 bis 1973 entstanden. Der Inhalt der Zusammenstellung gliedert sich dabei grob in die Themengebiete „Politik“ (DVD 1), „Sport“ (DVD 2), „Frauen“ (DVD 3), „Militarismus“ (DVD 4) sowie „Arbeit und Kultur“ (DVD 5). Im Einzelnen handelt es sich hier um die Produktionen „Die Vergessenen“ (1956), „Der Polizeistaatsbesuch“ (1967), „Die ausgezeichneten Deutschen“ (1973), „Tortur De France“ (1960), „Die Borussen kommen“ (1964), „Die Misswahl“ (1963), „Die unzufriedenen Frauen“ (1963), „Eine Hochzeit“ (1969), „Wegnahme eines Kindes“ (1971), „Die deutsche Bundeswehr“ (1956), „Schützenfest in Bahnhofsnähe“ (1961), „Eine Einberufung“ (1970), „Ödenwaldstetten“ (1964), „Der Untergang der Graf Bismarck“ (1967), „Kunst und Ketchup“ (1966) und „Fernsehfieber“ (1963).

Der bekannteste Vertreter dieser Edition ist sicherlich „Der Polizeistaatsbesuch“, der sich mit dem sehr umstrittenen und von massiven Studentenprotesten begleiteten Staatsbesuch des Schahs von Persien, Mohammad Reza Pahlavi, in der BRD beschäftigt. Die begleitenden Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten sowie die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg gelten als entscheidende Auslöser für die Radikalisierung der damaligen Studentenbewegung und Wegbereiter für die Gründung der „Rote Armee Fraktion“ (RAF). Die enthaltenen, äußerst prägnanten Bilder, beispielsweise in Form der unter den Augen der Polizei friedliche Demonstranten attackierenden „Prügelperser“, werden auch heute immer noch gerne in filmischen Auseinandersetzungen mit dem Thema verwendet. An diesem Beispiel sind auch bereits einige Stilmittel der „Stuttgarter Schule“ sehr gut erkennbar. Die Kommentierung der Ereignisse zeichnet sich durch eine sehr feine Ironie, gut dosierten Sarkasmus, aber in der visuellen Darstellung auch sehr harte Kontraste aus. Letztere werden durch die Montagetechnik besonders gut hervorgehoben. So wird in dieser Dokumentation einerseits der völlig abgeschirmte Staatsbesuch geschildert, bei dem keine Kosten und Mühen gescheut wurden, und sich kein Würdenträger zu schade war, dem mehr als umstrittenen Monarchen seine Aufwartung zu machen. Im Kontrast dazu wird andererseits gezeigt, wie sich die Studenten in Protestveranstaltungen mit der unterdrückten iranischen Bevölkerung solidarisieren und sich dem Staatsgast extrem respektlos, z.B. mit Hilfe von Karikaturen des Schahs in Maskenform, entgegenstellen. Dazu gesellen sich dann die berühmten Sequenzen, in denen die äußerst unglückliche Rolle der Polizei betont wird, die sich im Grunde gegen die eigene, mit demokratisch legitimierten Mitteln protestierende Bevölkerung wendet, um einen autoritären Herrscher vermeintlich zu schützen.

Die Zusammenstellung ist aber nicht nur thematisch breit gefächert, sondern auch in der Darstellung keineswegs einheitlich. So zeichnen sich beispielsweise diverse Arbeiten von Elmar Hügler, wie z.B. „Eine Einberufung“, dadurch aus, dass hier die Bilder bzw. die Stimmen der Betroffenen/Beteiligten völlig für sich sprechen und auf eine Kommentierung, abgesehen von kurzen Texteinblendungen, komplett verzichtet wird. Die Kamera ist hier stets hautnah am Geschehen und liefert eine sehr lebendige Chronik der Geschehnisse. Neben nach wie vor aktuellen Werken und regelrechten minutiösen Studien bestimmter gesellschaftlicher Phänomene enthält die Edition auch in historischer Rückschau lehrreiches wie auch teilweise amüsantes Quellmaterial. So erlebt der geneigte Zuschauer in „Die Borussen kommen“ die Tücken des Halbprofitums in der Fußballbundesliga, während ein einsamer Rufer im Walde die baldige Professionalisierung des heutzutage milliardenschweren Geschäfts mit dem runden Leder proklamiert. In „Schützenfest in Bahnhofsnähe“ darf der Zuschauer hingegen einem hochprozentigen Schützenfest beiwohnen, in dessen Verlauf auch einige nicht mehr ganz nüchterne Vereinsvorstände eindrucksvoll und im ungeschönten O-Ton verdeutlichen dürfen, dass nicht jeder aus der Zeit des Nationalsozialismus und des verlorenen 2. Weltkriegs irgendwelche weiterführenden Lehren gezogen hat. Nicht jede der enthaltenen Produktionen mag gleich gut gealtert sein, ein tiefergehender Informations- und Unterhaltungswert und eine gehörige Portion Gesellschafts- bzw. Zeitkritik kann jedoch keinem der enthaltenen Werke abgesprochen werden. Und gerade dieser Spagat zwischen Information, kritischer Grundhaltung, satirischer Distanz und unterhaltsamer Aufbereitung ist in der heutigen Zeit im Dokumentarfilmsektor leider viel zu selten zu finden.

Digitale Aufarbeitung:
Die auf den DVDs befindlichen TV-Produktionen stammen aus den Jahren 1956 bis 1973, liegen wenig überraschend durch die Bank im originalen Vollbildformat vor und sind, bis auf „Die ausgezeichneten Deutschen“ aus dem Jahr 1973, alle noch in Schwarz-Weiß gehalten. Die Bildqualität schwankt von Film zu Film, es dürfen aber letztlich technisch keine Wunder erwartet werden, zumal sogar die neuesten Vertreter innerhalb der Box mittlerweile beinahe 40 Jahre alt sind. Die Bildschärfe ist unter diesen Vorzeichen insgesamt als zufriedenstellend zu bezeichnen, ein deutliches Rauschen sowie zahlreiche Verschmutzungen und leichtere Beschädigungen der Vorlage müssen allerdings in Kauf genommen werden. Auch die nicht immer optimale Kompression sorgt für gewisse Unruhen. Die frontlastigen deutschen Dolby-Digital-2.0-Tonspuren bieten insgesamt eine gute Verständlichkeit, weisen aber erwartungsgemäß altersbedingt durchaus auch mal geringere Beeinträchtigungen in Form von leichtem Brummen oder Rauschen sowie teilweise etwas blechernen, hallenden Klang auf.

Auf der ersten DVD befindet sich das Feature „Das Beste an der ARD sind ihre Anfänge“ (101:57) aus dem Jahr 1990 von Meinhard Prill („Soldaten hinter Stacheldraht“) und Alexander Kluge („Der Kandidat“). Dieser Dokumentarfilm beschäftigt sich ausführlich mit den Anfängen bzw. Ursprüngen der SDR-Dokumentarfilmabteilung, ihrer Struktur, aber auch mit ihrem Ende bzw. dem personellen Zerfall der Redaktion. Im Stil einer Werkschau werden hier alle wichtigen Produktionen der Reihe gewürdigt. Besonders interessant sind dabei die ausführlichen Kommentare der wichtigsten zu dieser Zeit noch lebenden Macher der Reihe. So ergeben sich auch interessante Hintergründe zur Machart und Intention dieser Produktionen. Aufgrund der teils recht umfangreichen Ausschnitte zu den einzelnen Filmen sollte dieses Feature allerdings erst nach Sichtung der einzelnen Dokumentationen betrachtet werden. Im Menü der zweiten DVD angeführtes Bonusmaterial, in unbekannter Ausformung, lag leider ebenso wenig vor wie das Manuskript der Diskussion über den Film "Die Bundeswehr" vom 8.11.1956 im PDF-Format im DVD-ROM-Bereich des vierten Datenträgers. Über die Verpackung und Aufmachung der Zusammenstellung können leider ebenfalls keine Aussagen getätigt werden da diese, analog zum beiliegenden 48-seitigen Booklet von Kay Hoffmann, auch nicht zur Besprechung vorlagen.

Fazit:
„Zeichen der Zeit – Beobachtungen aus der Bundesrepublik 1956–1973 – Die Filme der Stuttgarter Schule“ ist eine hochinteressante Zusammenstellung bzw. Werkschau der wichtigsten Arbeiten aus der Dokumentarfilmabteilung des SDR, die in diesem Sektor der Fernsehtätigkeit bis heute deutliche Spuren hinterlassen hat und zur damaligen Zeit den Dokumentarfilmsektor auf eine ganz neue Ebene erhob. Mit gleich sechzehn enthaltenen Produktionen aus der Reihe „Zeichen der Zeit“ und einer Gesamtlaufzeit von über 740 Minuten ist die Zusammenstellung zudem deutlich mehr als nur exemplarischer Natur und hebt die besonderen Arbeitsweisen und Stilmittel der „Stuttgarter Schule“ thematisch breit gefächert eindrucksvoll hervor. Technisch geben sich die einzelnen Dokumentarfilme zwar nicht unbedingt taufrisch, insgesamt werden die Werke aber in zufriedenstellender Form präsentiert und zudem mit umfangreichem Bonusmaterial ausgeliefert.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK INFO-Programm
1,33:1
1,33:1
741:07 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine
Bonusmaterial:
  • "Das Beste an der ARD sind ihre Anfänge" (1990) von Meinhard Prill und Alexander Kluge
  • Manuskript der Diskussion über den Film "Die Bundeswehr" vom 8.11.1956 (DVD-ROM)
  • 48-seitiges Booklet von Kay Hoffmann
Zeichen der Zeit - Beobachtungen aus der Bundesrepublik 1956-1973 - Die Filme der Stuttgarter Schule - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Zeichen der Zeit - Beobachtungen aus der Bundesrepublik 1956-1973 - Die Filme der Stuttgarter Schule
Zeichen der Zeit - Beobachtungen aus der Bundesrepublik 1956-1973 - Die Filme der Stuttgarter Schule

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Ein bedeutendes Kapitel Fernseh- bzw. Dokumentarfilmgeschichte in liebevoller Zusammenstellung, das bis heute nachwirkt


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 1956 - 1973
Regie:
Peter Dreessen, Roman Brodmann, Dieter Ertel, Wilhelm Bittorf, Elmar Hügler, Heinz Huber, Peter Nestler

Label Deutschland :
absolut MEDIEN
Verkaufsstart Deutschland :
28.10.2011