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DVD-Besprechung - Der Mann mit der Narbe

Story:
John Muller (Paul Henreid) ist ein Gewohnheitsverbrecher, der direkt nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis schon wieder den nächsten Coup plant, einen Raubüberfall auf das illegale Spielcasino des Gangsterbosses Rocky Stansyck (Thomas Browne Henry). Doch trotz all seines vermeintlichen Planungsgenies misslingt die Aktion und ein Teil seiner Bande wird gefasst. Nach deren Verrat ist Muller seines Lebens nicht mehr sicher und wird von Stansycks Schergen gejagt. Bei seinem Versuch abzutauchen stößt er jedoch zufällig auf den Psychiater Dr. Bartok (Paul Henreid), der ihm bis aufs Haar zu gleichen scheint, abgesehen von einer großen Narbe auf seiner linken Wange. Ganz bewußt beginnt Muller eine Affäre mit seiner Sekretärin Evelyn Hahn (Joan Bennett).

Meinung zum Film:
„Der Mann mit der Narbe“ ist der achte Titel der „Film Noir Collection“ von Koch Media, deren letzte Titel, „Du und Ich“ und „Der General starb im Morgengrauen“, Anfang Dezember 2010 veröffentlicht wurden und somit also bereits fast ein Jahr zurückliegen. Der amerikanische Film stammt aus dem Jahr 1948 und entstand unter der Regie von Steve Sekely („Blumen des Schreckens“) nach einem Drehbuch von Daniel Fuchs („Gewagtes Alibi“), das wiederum auf einer Romanvorlage von Murray Forbes basierte. In den Hauptrollen spielen Paul Henreid („Casablanca“) und Joan Bennett („Gefährliche Begegnung“). Der Film gilt unter Genrefreunden als einer der besten Beiträge zum Film Noir, genießt darüber hinaus jedoch keinen besonders großen Bekanntheitsgrad.

John Muller ist ein klassischer Antiheld, er ist nicht nur ein Gewohnheitsgangster, sondern hinterlässt auch einen ziemlich arroganten und egoistischen Eindruck. Ihn treibt weniger die Gier nach schnödem Mammon an, sondern vielmehr die Lust am Risiko und der Zwang zur Selbstbestätigung seines vermeintlichen Genies. Dieser John Muller gerät jedoch in eine für das Genre schon klassische Ausgangssituation, sein großer Coup schlägt fehlt und er wird fortan von den eiskalten Killern eines Gangsterbosses gejagt und muss untertauchen. Doch der Arm von Rocky Stansyck reicht weit und so erwischt es seinen letzten verbliebenen Partner sogar noch in Mexiko. Muller sitzt in der Klemme. Da kommt ihm allerdings der Zufall in Form eines Doppelgängers zu Hilfe. Natürlich darf auch die Femme fatale in dieser Konstellation nicht fehlen, Evelyn Hahn ist jedoch keineswegs manipulativ, wenn auch zunächst eher unnahbar und mysteriös. Die anfangs charakterstarke Frau wird später zunehmend zu Wachs in Mullers Händen, der dabei wiederum sehr wohl niederen Motiven verpflichtet ist, nämlich dem blanken Kampf ums Überleben. Trotz alledem macht die Femme fatale ihrem Namen letztlich aber alle Ehre und wird Muller auf äußerst ironische Art und Weise doch noch zum Verhängnis.

Visuell beseelt Genre-Fachmann John Alton („Geheimring 99“) hinter der Kamera hier stylische, aber umso abgründigere Schwarz-Weiß-Welten effektiv zum Leben und auch die Hauptdarsteller, ein sehr wandelbarer Paul Henreid in einer Doppelrolle und Joan Bennett mit einem breiten Spektrum von Emotionen, hinterlassen einen sehr überzeugenden Eindruck und auch die Chemie zwischen beiden Charakteren wirkt weitgehend nachvollziehbar. Das dramaturgisch souveräne und intelligente Drehbuch streut schließlich in der 41. Minute einen ganz zentralen Plottwist ein, der alle bisherigen Ereignisse auf den Kopf stellt, allerdings auch ein sehr vorhersehbares Ende erwarten lässt. Doch gerade hier spielt Daniel Fuchs mit den Erwartungen der Zuschauer und hebt den Film mit viel Ironie auf eine deutlich bedeutungsschwangere inhaltliche Ebene. Nicht ein schwerwiegender Fehler von Muller wird zum zentralen Ausgangspunkt der Geschichte, sondern gerade dessen ausbleibende Wahrnehmung durch seine Umwelt. Das Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer erreicht somit einen absoluten Höhepunkt und mündet in einem Filmende voll bitterer Ironie, bei dem Mullers Ego gerade durch dessen Bestätigung eine letzte, vernichtende Streicheleinheit erhält.

Digitale Aufarbeitung:
Koch Media veröffentlicht den vorliegenden Titel nun erstmals in seiner restaurierten Fassung auf DVD und der über 60 Jahre alte Schwarz-Weiß-Film hinterlässt auch unter Berücksichtigung des hohen Alters einen wirklich überzeugenden Eindruck. Die Bildschärfe bewegt sich auf einem guten Level und die Kontrastwerte hinterlassen einen ausgewogenen Eindruck. Die Vorlage wirkz zudem einen erstaunlich sauber und die hochwertige Kompression gibt keinen Anlass zur Klage. Das Bild ist erwartungsgemäß mit einer stärkeren Körnung gesegnet, was bei einer solchen Produktion allerdings auch eher als charakteristisch bzw. zeitgenössisch gedeutet werden sollte. Die frontlastige deutsche Dolby-Digital-2.0-Tonspur klingt sehr klar und gut verständlich, lediglich minimale Verzerrungen sind feststellbar. Die englische Dolby-2.0-Tonspur klingt qualitativ ebenfalls gut, allerdings noch etwas verzerrter und leicht blechern. Auf der DVD befinden sich keinerlei Untertitel.

Die DVD wird wie die gesamte Reihe in einem Slim-Digipak ohne Schuber, einem sogenannten "Mediabook", ausgeliefert. Der darauf befindliche FSK-Aufkleber ist ablösbar. Das zwölfseitige Booklet von Thomas Willmann ist eingeklebt und befasst sich inhaltlich vor allem mit den wichtigsten Mitwirkenden der Produktion, den zentralen hier anzutreffenden Elementen des Film Noir und einer teilweisen Interpretation der inhaltlichen Ausrichtung und Tragweite des Films. Es sollte jedoch aufgrund massiver Spoiler auf keinen Fall vor der Betrachtung des Films gelesen werden. Auf der DVD befindet sich lediglich eine Bildergalerie mit seltenem Werbematerial wie Aushang- und Szenenfotos.

Fazit:
„Der Mann mit der Narbe“ ist kein berühmtes, allgegenwärtig rezipiertes Meisterwerk des Film Noir, jedoch ein kleiner, feiner Genrebeitrag der sich auch vor den Klassikern dieser filmischen Prägung keineswegs verstecken muss. Ein intelligentes, mit den Erwartungen der Zuschauer und den Konventionen menschlicher Wahrnehmungsmuster spielendes Drehbuch bürgt, in Verbindung mit den stark aufspielenden Hauptdarstellern und einer effektiven Visualisierung abgründiger Großstadtwelten, für spannende Unterhaltung, gewürzt mit einer gehörigen Portion bitterer Ironie. Technisch und bezüglich der Aufmachung kann die DVD-Veröffentlichung von Koch Media zudem voll überzeugen und stellt eine klare Kaufempfehlung für Freunde des Film Noir dar.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 16
1,33:1
1,33:1
79:27 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Englisch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine
Bonusmaterial:
  • 12-seitiges Booklet
  • Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Der Mann mit der Narbe - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Der Mann mit der Narbe
Hollow Triumph

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Die bittere Ironie des Schicksals!


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
USA, 1948
Regie:
Steve Sekely
Drehbuch:
Daniel Fuchs (nach einem Roman von Murray Forbes)
Darsteller:
Paul Henreid, Joan Bennett, Eduard Franz, Leslie Brooks, John Qualen, Mabel Paige, Herbert Rudley, Charles Arnt, Thomas Browne Henry

Label Deutschland :
Koch Media Entertainment
Verkaufsstart Deutschland :
25.11.2011