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Blu-ray-Besprechung - Mr. Nice - Sie werden ihn mögen

Story:
Der Waliser Howard Marks (Rhys Ifans) wächst in eher einfachen Verhältnissen auf, schafft es aufgrund seiner Intelligenz, gepaart mit großem Fleiß, aber schließlich sogar auf die Elite-Universität nach Oxford. Dort kommt er allerdings auch erstmals mit Drogen in Kontakt und genießt seine ersten Joints. Marks legt zwar noch einen ausgezeichneten Abschluss hin und wird Lehrer, seine Vorliebe für Drogen wird ihn aber zeitlebens prägen und so vollführt er bald seine erste Kurierfahrt. Einige Jahre später ist Marks selbst eine ganz große Nummer im weltweiten Drogenhandel. Seine Ware bezieht er aus Pakistan oder Afghanistan und schleust sie zunächst mit Hilfe des IRA-Manns Jim McCann (David Thewlis) über Irland nach England ein. Später erobert er aber auch den ungleich größeren Markt in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Meinung zum Film:
„Mr. Nice“ basiert auf der gleichnamigen Autobiografie des ehemaligen Drogenschmugglers Howard Marks, die 1996 erschien und sich über eine Million Mal verkaufte. Zu seinen „besten Zeiten“, in den 70er- und 80er-Jahren, organisierte Marks angeblich bis zu 10% des weltweiten Haschisch-Geschäfts. Bekannt wurde er aber vor allem auch durch einige aufsehenerregende Gerichtsprozesse, in denen Marks ausgiebig über seine Kontakte zu IRA, MI6, Mafia und anderen im Verborgenen agierenden Gruppierungen berichtete. Gegenwärtig tourt Marks mit einer One-Man-Show durch Europa, wo er unter massivem Drogeneinfluss Anekdoten aus seinem Leben zum Besten gibt, und engagiert sich außerdem für die Legalisierung der seiner Meinung nach „wohltuenden Kräuter“. Das Drehbuch zum Film stammt von Bernard Rose, der auch die Regie übernahm und deutschen Zuschauern wohl vor allem durch seinen Horror-Schocker „Candyman's Fluch“ aus dem Jahr 1992 nachhaltig in Erinnerung geblieben sein dürfte. In den Hauptrollen agieren der Waliser Rhys Ifans („Radio Rock Revolution“), Chloë Sevigny („Boys Don't Cry“) und David Thewlis („Veronika beschließt zu sterben“).

„Mr. Nice“ ist ein Biopic bzw. eine Filmbiografie, die gerade im Metier des Drogenhandels immer wieder gerne als Blaupause für eine typische Rise-and-Fall-Erzählung genutzt wird. „Mr. Nice“ ist jedoch keiner dieser typischen glamourösen, stylischen, mit Gewalt- und Drogenfantasien sowie coolen Typen und lockeren Sprüchen angereicherten Vertreter aus diesem filmischen Dunstkreis. Das mag auf den ersten Blick sachlich und nachvollziehbar wirken, vielleicht sogar pädagogisch wertvoll erscheinen, den Unterhaltungswert des Films senkt diese Maßnahme jedoch ins Bodenlose. Der filmische Howard Marks ist eine Figur ohne Ecken und Kanten und auch wenn er erst nach 78 Minuten unter seinem Decknamen „Mr. Nice“ agiert, „nice“ ist er eigentlich vom Anfang bis zum Ende der Produktion. Egal mit wem er verkehrt, mit pakistanischen Drogenkönigen, irischen Waffenhändlern oder auch gewieften Geheimdienstlern, irgendwie bleibt nie etwas an „Mr. Teflon“ kleben. Der Junge bzw. die Auftritte von Rhys Ifans wirken irgendwie einfach sympathisch. Seine Hintergründe und Motive bleiben dagegen weitgehend im Dunkeln, für ein Biopic gibt es hier erstaunlich wenig handfeste Informationen zu entdecken und in dieses Bild passt auch die sprunghafte Erzählweise, die aber unverständlicherweise auf die Einblendung wichtiger Details, wie z.B. zeitlicher Rahmendaten, komplett verzichtet. Nun könnte der Gedanke aufkommen, die Figur des Howard Marks würde hier zum Mythos erhoben und eventuell doch unangemessen verherrlicht, immerhin war der Mann ja ein Drogenschmuggler ziemlichen Kalibers. Das kann so allerdings auch nicht gesagt werden, denn irgendwie beraubt Bernard Rose die Geschichte aller Anflüge von Freiheit, Anarchie und krimineller Energie und das nicht nur durch den bereits erwähnten Verzicht auf Gewaltspitzen, exzessive Lasterhaftigkeit oder visualisiertes Schwelgen im Luxus.

Nein, irgendwie geht Rose an die Geschichte heran wie ein verklemmter Spießer. So gibt es beispielsweise immer wieder familiäre Episoden mit Chloë Sevigny in einer ihrer wohl undankbarsten Rollen, als Ehefrau von Howard Marks. Sie ist zwar häufig zu sehen, hat aber wenig zu sagen. Was sie jedoch sagt, klingt massiv nach erhobenem Zeigefinger, allerdings ohne weitergehende handlungsrelevante Konsequenzen. Gerade als Mutter seines Kindes bzw. später seiner Kinder macht sie sich zurecht Sorgen um ihre gemeinsame Zukunft, was aber eben filmisch einfach viel zu sehr am Rande verläuft. Auch eine kurze Szene, in der Marks seinen Eltern nach der eigenen Verhaftung ins Gesicht lügt, alle kriminellen Vorwürfe seien völlig haltlos, entwickelt keinerlei erzählerische Durchschlagskraft, wirkt aber dafür eben einfach konservativ und spießig. In dieses Bild passt auch der karrieremäßige Niedergang von Marks gegen Ende des Films, der in der Haft dann auch noch mit einer Gürtelrose und Abzessen des Zahnfleisches auf die Tränendrüse drücken soll. Das Problem ist nur, dass das endgültige Filmende, also Marks weitere Karriere, oder auch spätere reale Interviews, ein eher völlig gegenteiliges Bild zeichnen, wonach sich Verbrechen eben doch durchaus lohnen kann. Handwerklich macht Rose einiges richtig, greift aber auch teilweise ordentlich daneben. So verläuft der Film in den ersten zehn Minuten in Schwarz-Weiß und der erwachsene Rhys Ifans spielt auch den jugendlichen Howard Marks. Das mag künstlerisch wertvoll klingen, funktioniert aber wirkungstechnisch ähnlich schlecht wie das Einkopieren des Hauptdarstellers in altes Stock-Footage-Material früherer zeitlicher Perioden. Die Atmosphäre der 70er- und 80er-Jahre in den eigentlichen Filmsequenzen wird hingegen äußerst überzeugend umgesetzt und schickt den Zuschauer auf eine stimmungsvolle Zeitreise. Schade nur, dass innerhalb dieses Rahmens nur so wenig Wert auf die Publikumsunterhaltung und Schauwerte gelegt wurde, denn „Mr. Nice“ wirkt insgesamt einfach nur dröge, episodisch und oberflächlich.

Digitale Aufarbeitung:
Die vorliegende Blu-ray liefert eine wirklich gute Bildschärfe, die auf allen Ebenen auch in der Detailzeichnung überzeugen kann und eine durchaus plastische Wirkung entfaltet. Der Nachteil besteht allerdings darin, dass gerade deshalb die Sequenzen, in denen Marks nachträglich in die Stock-Footage-Szenerie integriert wurde, umso deutlicher identifizierbar sind und somit handwerklich alles andere als gelungen wirken. Die Farbgebung wirkt sehr kräftig und die Farbpalette gibt sich angenehm dynamisch, was die zeitgenössische Einfärbung des Films sehr effektiv betont, die den Zuschauer somit direkt in die 70er- und 80er-Jahre hineinversetzt. Auch hinsichtlich der ausgewogenen Kontrastgestaltung und der unauffällig arbeitenden Kompression gibt es keinen Grund zur Klage. Bildrauschen ist durchaus auszumachen, hält sich aber in vertretbaren Grenzen. Die deutsche DTS-HD-Master-Audio-5.1-Tonspur überzeugt mit einer guten Verständlichkeit, einer ausgewogenen Abmischung und gibt sich auch durchaus dynamisch.

Auf der Blu-ray befinden sich neben dem deutschen und dem englischen Trailer gleich zwei Audiokommentare, leider jedoch beide ohne jegliche Untertitel. Der erste Audiokommentar stammt von dem realen Howard Marks höchstpersönlich und fällt erwartungsgemäß durchaus interessant aus, da er Hintergründe zu den geschilderten Ergebnissen aus erster Hand liefert. Allerdings klingt Marks Stimme ziemlich kratzig, wie durch jahrelangen Whiskey-Konsum „geschult“, was in Verbindung mit seinem Akzent, und aufgrund der sträflicherweise fehlenden Untertitel, die Verständlichkeit nicht immer optimal erscheinen lässt. Weiterhin wirkt die Kommentierung bezüglich des Umfangs doch teilweise etwas spärlich. Der Audiokommentar von Regisseur und Drehbuchautor Bernard Rose ist hingegen auch ohne Untertitel gut verständlich und liefert ebenfalls einige Hintergründe zum Film, leidet aber leider unter der extrem drögen bzw. leblosen Vortragsweise des Kommentators. Die Veröffentlichung besitzt ein Wendecover.

Fazit:
„Mr. Nice“ scheitert als Biopic bereits an fehlender Tiefgründigkeit, innerer Widersprüchlichkeit bei der Darstellung des „(Anti-)Helden“ und seiner episodenhaften Erzählweise ohne wirklich greifbare Höhe- und Tiefpunkte. Die Figur des Howard Marks wird für den Zuschauer irgendwie nie (be-)greifbar und Sympathicus Rhys Ifans scheint in seiner Darstellung irgendwie über den Dingen zu schweben, aber keineswegs rauschbedingt. Handwerklich gibt es Licht und Schatten, zumindest mit dem atmosphärischen Zeitgeist kann der Film allerdings durchaus punkten. Schade nur, dass der Unterhaltungswert aufgrund fehlender Schauwerte und innovativer Ideen komplett auf der Strecke bleibt.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
2,35:1
2,35:1
120:56 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
DTS-HD  Master Audio 5.1
DTS-HD Master Audio 5.1
Englisch
DTS-HD  Master Audio 5.1
DTS-HD Master Audio 5.1
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Audiokommentar mit Bernard Rose
  • Audiokommentar mit Howard Marks
  • Deutscher Trailer
  • Englischer Trailer
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Mr. Nice
Mr. Nice

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Den hier dargestellten Mr. Nice kann man durchaus mögen, der zugehörige Film enttäuscht jedoch auf ganzer Linie


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Großbritannien, 2010
Regie:
Bernard Rose
Drehbuch:
Bernard Rose
Darsteller:
Rhys Ifans, Chloë Sevigny, David Thewlis, Elsa Pataky, Andrew Tiernan, Omid Djalili, Jack Huston, Ania Sowinski

Label Deutschland :
Koch Media Entertainment
Verkaufsstart Deutschland :
25.11.2011