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Blu-ray-Besprechung - Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen.

Story:
Der Fußballer Thomas Broich stieg mit Wacker Burghausen 2002 in die 2. Bundesliga auf. Es war der Beginn einer äußerst vielversprechenden Karriere als Profi für den damals 21-Jährigen. Folgerichtig spielte sich Broich in der 2. Bundesliga ins Blickfeld vieler Klubs aus der ersten Etage des deutschen Fußballs. Im Januar 2004 wechselte Broich zu Borussia Mönchengladbach in die 1. Liga, überzeugte sportlich und sorgte auch abseits des Platzes als unangepasster, eher intellektueller Fußballer, Spitzname „Mozart“, und neuer Liebling der Medien immer wieder für Schlagzeilen. In der deutschen U-21-Nationalmannschaft sorgte Broich ebenfalls für Furore und wurde in einem Zug mit seinen damaligen Mannschaftskameraden wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Lukas Podolski genannt. Zwei Berufungen ins „Team 2006“, das Perspektivteam für die WM im eigenen Land, waren weitere Stationen einer geradezu märchenhaft anmutenden Karriere. Aber bei Borussia Mönchengladbach lief es unter dem neuen Trainer Dick Advocaat für Broich nach einer Verletzung nicht mehr rund. Auch ein Wechsel zum 1.FC Köln im Juni 2006 brachte keine wirkliche Verbesserung, zumal sein Verhältnis zu Kulttrainer Christoph Daum sich mehr als angespannt darstellte. Für Broich ging es stetig bergab und auch für die Nationalmannschaft war der einstige Hoffnungsträger längst kein Thema mehr. Broich verlor zunehmend die Lust bzw. den Spaß am Fußball und wies zunehmend Symptome von Depressionen auf. Ein kurzes, missglücktes Intermezzo beim 1. FC Nürnberg führte schließlich im Jahr 2010 zu einem Wechsel nach Australien in die dortige A-League zu den Brisbane Roar. Broich blühte psychisch und spielerisch wieder auf, wurde zum zweitbesten Profi der Liga gekürt und gewann mit seinem Team am 13. März 2011 schließlich den nationalen Titel, weitab vom immensen Druck des deutschen Profifußballs. Am 26. November 2011 errang sein Team zudem noch den Fabelrekord von 36 Spielen ohne Niederlage.

Meinung zum Film:
„Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen.“ ist eine Langzeitdokumentation über den Profifußballer Thomas Broich und seinen beruflichen Werdegang, aber auch ein Portrait der unangepassten Persönlichkeit hinter diesem Leistungssportler und eine kritische Hinterfragung der typischen Mechanismen des „Haifischbeckens“ bzw. der Leistungsgesellschaft „Fußball-Bundesliga“. Die Dokumentation beleuchtet dabei einen Zeitraum vom Dezember 2003 bis zum März 2011. Sie wirkt aber aufgrund aktueller Fälle aus diesem Bereich, wie dem des Trainers Ralf Rangnick (Burnout-Syndrom), des Schiedsrichters Babak Rafati (Depression/Suizid-Versuch, oder von Spielern wie Robert Enke (Depression/Suizid), Markus Miller (Mentale Erschöpfung) und Mike Wunderlich (Burnout-Syndrom) noch weitaus aktueller. Erdacht und konzipiert wurde der Film von Dokumentarfilmer Aljoscha Pause („Die Michael Jäger Story – Vom Hooligan zum Serienstar“), einem Kenner der Materie, der u.a. auch als Kommentator von „LIGA total!“ aktiv ist. Für seine beiden Dokumentationen „Das große Tabu – Homosexualität und Fußball“ (2008) und „Tabubruch – Der neue Weg von Homosexualität im Fußball“ (2009) wurde Pause im Jahr 2010 sogar in der Rubrik „Information & Kultur/Spezial“ mit dem Adolf Grimme-Preis ausgezeichnet. Sein achtjähriges Langzeitprojekt „Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen.“ feierte am 25. März 2011 als Eröffnungsfilm des 8. Internationalen Fußballfilmfestivals „11mm“ in Berlin seine Weltpremiere und war ab dem 28. Juli 2011 auch regulär in deutschen Kinos zu sehen. Die staatliche Deutsche Film- und Medienbewertung zeichnete dem Film mit dem „Prädikat: Besonders Wertvoll“ aus. Auch von offizieller Seite erfuhr das Werk große Wertschätzung und wurde u.a. von der DFB-Kulturstiftung gefördert.

„Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen.“ beginnt zwar chronologisch, also mit dem Aufstieg von Wacker Burghausen in die 2. Bundesliga, streut aber immer wieder aktuelle Sequenzen von Thomas Broich ein, wie dieser gegenwärtig sein Leben in Australien gestaltet. Aus seiner eher entspannten, neuen Position äußert sich Broich dann in Bild und Ton auch durchaus selbstkritisch zu seinem Werdegang und nimmt direkt rückblickend Bezug auf die Stationen seiner Karriere. Zusätzlich präsentiert der Film aber auch immer wieder authentische, zeitgenössische Äußerungen von Thomas Broich, die aus insgesamt ca. 40 Treffen mit Aljoscha Pause während dieser acht Jahre resultierten. Auch Weggefährten von Broich, wie Mitspieler oder Trainer, kommen zu Wort und natürlich gibt es auch Ausschnitte aus wichtigen Spielen zu sehen, oder beispielsweise auch Broichs Auftritt beim „Aktuellen Sportstudio“ mit Johannes B. Kerner. Die Kamera ist dabei immer sehr dicht am Menschen Broich mit all seinen Hoffnungen und Ängsten. Sie hinterfragt aber teilweise auch durchaus kritisch das von Broich selbst genährte Image vom intellektuellen Außenseiter innerhalb einer proletarisch geprägten Sportart. Trotzdem wirkt die Montage stets durchaus zielführend, denn wirkliche Kritiker von Thomas Broich kommen eigentlich kaum zu Wort, oder wurden zumindest nicht direkt zu Interviewterminen zum Thema eingeladen, sondern werden nur als kurze Archivmaterial-Sequenzen eingespielt. Diese Herangehensweise, auch mit einem starken Schwerpunkt auf rückwirkenden Einschätzungen von Broich zu seiner eigenen Person, wirkt zwar nicht unbedingt manipulativ, bemüht sich aber schon stark um einen „runden Gesamteindruck“ und lässt beim Zuschauer eigentlich letztendlich keine zwei Meinungen über die Filminhalte zu.

Solche Bedenken hinsichtlich der Intentionsvermittlung mal beiseite geschoben, ist der Film aber definitiv auch über seine Laufzeit von deutlich mehr als zwei Stunden durchaus sehr unterhaltsam, phasenweise tiefgründig, und auch durchaus informativ ausgefallen. Handwerklich ist der Film sehr pointiert geschnitten und wirkt trotz des unterschiedlichen Materials, aus dem die Dokumentation zusammengesetzt wurde, auch zu jeder Zeit äußerst homogen und harmonisch. Die Frage, wie kritisch nun eigentlich eine Langzeitdokumentation ausgefallen sein kann, die im Grunde von allen Leistungs- bzw. Verantwortungsträgern des Millionengeschäfts Fußball-Bundesliga gelobt, oder sogar gefördert wird, muss allerdings trotzdem erlaubt sein. Und gerade hier geht Aljoscha Pause eigentlich einen Mittelweg, der zwar nicht unkritisch wirkt, der aber sicherlich auch nicht als Blaupause zur Beurteilung anderer „Problemfälle“, mit Sebastian Deisler (Depressionen bereits mit 23 Jahren und Karriereende mit gerademal 27 Jahren) als einem der bekanntesten Vertreter, herangezogen werden kann. Denn Thomas Broich als menschliches, personalisiertes Subjekt, dessen charakterliche Besonderheiten immer wieder betont werden, ist eben ein ganz spezieller Einzelfall, nicht verallgemeinbar und zudem hinsichtlich seiner Persönlichkeitsstruktur eigentlich schon von Anfang an unvereinbar mit dem knallharten Tagesgeschäft Bundesliga gewesen. Das mag als Fazit durchaus zutreffend sein und wird auch im Filmverlauf anscheinend objektiv belegt, gerade im Hinblick auf mögliche oder wünschenswerte Korrekturen der gegenwärtigen Zustände wirkt diese Einsicht allerdings auch relativ enttäuschend.

Digitale Aufarbeitung:
Die Bewertung der Bildqualität im vorliegenden Fall ist wahrlich nicht einfach. So verwendet die Dokumentation nicht nur Archivmaterial der unterschiedlichsten qualitativen Ausprägungen, sondern differiert auch beim nativen Material für die Dokumentation qualitativ deutlich. So sehen neuere Sequenzen des Films teilweise deutlich besser aus als die ersten Interviews und Bilder aus dem Jahr 2003. Qualitativ am besten sind aber sicherlich die immer wieder einmontierten aktuellen Bilder aus Broichs neuer Wahlheimat Australien. Wirkliches HD-Feeling kommt aber eigentlich nie auf. Insgesamt kann das Bild für eine Dokumentation im Blu-ray-Bereich gemittelt zwar immer noch als durchschnittlich bezeichnet werden, eine wirklich Notwendigkeit statt zur DVD zu der Blu-ray-Version zu greifen gibt es aber eigentlich nicht. Die deutsche Tonspur unterstreicht das noch, denn sie liegt auch lediglich im Format Dolby Digital 2.0 vor. Auf dem Papier klingt das sicherlich enttäuschend, aufgrund der Machart der Dokumentation stellt diese technische Einschränkung aber kein wirkliches Problem dar, denn eine einwandfreie Verständlichkeit ist zu jeder Zeit gegeben und auch die zurückhaltende Musikuntermalung integriert sich harmonisch in den Mix.

Auf der Blu-ray befindet sich lediglich ein viel zu kurzes, ziemlich enttäuschendes Making Of (9:32), das lediglich ein paar Kommentare des Regisseurs und des Hauptdarstellers und ansonsten vor allem Bilder von der Filmpremiere enthält. Wirkliche Hintergründe zur Produktion und Entstehungsgeschichte, oder gar Informationen wie es eigentlich zum Kontakt zwischen Thomas Broich und Aljoscha Pause gekommen ist und wie sich die beiden handelseinig wurden, fehlen hingegen komplett. Ansonsten enthält die BD lediglich das nichtssagende, englischsprachige Fox Sports Feature (3:34), eine Art Kurzportrait zu Thomas Broich, und sechs Trailer zur Dokumentation. Der Blu-ray liegt ein achtseitiges Faltblatt bei, das aber lediglich einen kurzen Filmüberblick, einige Pressestimmen sowie Kurzkommentare von (Ex-)Profis, Trainern und Weggefährten von Broich aus der Fußball-Bundesliga zum Film enthält. Die Veröffentlichung besitzt kein Wendecover obwohl die Rückseite des Covers bedruckt ist, wenn auch sehr unspektakulär.

Fazit:
„Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen.“ ist eine interessante Langzeitdokumentation über den Menschen und Profifußballer Thomas Broich, seinen beruflichen Werdegang und sein vermeintliches Scheitern an den Ansprüchen eines knallharten Millionengeschäfts. Bei allem handwerklichen Geschick des Dokumentarfilmers Aljoscha Pause, und der zugleich unterhaltsamen und informativen Machart des Films, fehlt es letztendlich aber doch etwas an ableitbaren Einblicken ins Fußballgeschäft bzw. an Schlussfolgerungsmöglichkeiten zu anderen am Profigeschäft „zerbrochenen“ Fußballern. Die wirklich ganz kritischen Töne, im Stil eines „Nestbeschmutzers“, sind hier im Übrigen ebenfalls nicht zu finden. Technisch macht die vorliegende Blu-ray bei allen materialbedingten Qualitätsschwankungen einen zufriedenstellenden Eindruck, wirkt aber im Vergleich zur DVD-Fassung technisch nicht wirklich zwingend notwendig.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 0 - ohne Altersbeschrae~nkung
1,78:1
1,78:1
135:03 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine
Bonusmaterial:
  • Achtseitiger Einleger
  • Making Of
  • Fox Sports Feature
  • Kino-Trailer
Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen. - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen.
Tom meets Zizou - Kein Sommermärchen.

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Interessante Langzeitdokumentation, die allerdings insgesamt "angepasster" wirkt als der in ihr selbst "Portraitierte"


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 2011
Regie:
Aljoscha Pause
Darsteller:
Thomas Broich, Christoph Daum, Holger Fach, Berti Vogts, Michael Oenning, Horst Köppel, Udo Lattek, Johannes B. Kerner

Label Deutschland :
mindjazz pictures
Verkaufsstart Deutschland :
25.11.2011