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Blu-ray-Besprechung - The Ledge - Am Abgrund

Story:
Noch bevor Polizist Hollis Lucetti (Terrence Howard) zum Schauplatz eines Suizidversuchs gerufen wird, erfährt er beim Arzt von seiner angeborenen Zeugungsunfähigkeit und ihm wird bewusst, dass die beiden Kinder aus seiner Ehe mit Angela (Jacqueline Flemming) nicht von ihm gezeugt worden sein können. Am Tatort angekommen trifft Lucetti auf den jungen Hotelmanager Gavin Nichols (Charlie Hunnam), der ankündigt, sich Punkt zwölf Uhr vom Dach eines Hochhauses stürzen zu wollen. Selbst durch die neugewonnenen Erkenntnisse in seinem Glauben zutiefst erschüttert, versucht Lucetti dennoch, Gavin mit aller Macht von seinem Vorhaben abzubringen ...

Meinung zum Film:
Regisseur und Drehbuchautor Matthew Chapman („Black Water Transit“) nimmt sich in „The Ledge – Am Abgrund“ mit der Frage nach dem individuellen Glauben eines Menschen eines komplexen, philosophischen, und noch immer sehr aktuellen Themas an. Er geht dabei zwar nicht so weit wie Friedrich Nietzsche, der konstatierte, Gott sei im Bewusstsein des Menschen tot, stellt aber dennoch Fragen mit ähnlichem Tenor: Wie definiert sich Glaube? Durch Wissenschaft und Beweise? Durch spirituelle Hingabe? Hilft göttlicher Glaube bei der Bewältigung des täglichen Lebens? Wie stark beeinflusst der Glaube einen Menschen in dessen Handeln? Wo endet ergebener Glaube und wo beginnt Fanatismus? Über die gesamte Handlung des Films hinweg präsentiert Chapman zum Thema verschiedene Sichtweisen, die in Form von philosophisch anmutenden Wortgefechten zwischen den verschiedenen Protagonisten daherkommen. Die Absicht, eine möglichst differenzierte Bandbreite an möglichen Antworten geben zu können, führt dabei aber leider zu einem sehr schablonenhaft gezeichneten Dramatis personae: Da gibt es den fanatisch gläubigen Christen und dessen hörige Frau, den HIV-infizierten Homosexuellen, der zudem auch noch die Fraktion des Judentums repräsentiert, den desillusionierten Polizisten, und nicht zuletzt den verhärmten Atheisten, der wegen eines schweren, persönlichen Schicksalsschlages erst vor einigen Jahren dem Glauben entsagte. Selbst dem Islam wird eine klischeehafte Rolle zuteil, mit einem fast nebensächlich eingeworfenen Bezug auf die Ereignisse vom 11. September.

Die Schauspieler liefern trotz aller Schablonenhaftigkeit der Charaktere eine solide Leistung ab. Allen voran Liv Tyler („Herr der Ringe") in der Rolle von Shana Harris, die herrlich die zerbrechliche Erscheinung ihrer Person zu inszenieren weiß, und auch Patrick Wilson („Insidious“) als deren Ehemann Joe, dem nicht zuletzt durch die schattenerzeugende Dauerbeleuchtung von unten die Rolle des Fundamentalisten sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben wurde. Charlie Hunnam („Hooligans“) überzeugt leider nur teilweise. Die Rolle des bei allen beliebten, selbstlosen Hotelmanagers in einem wettbewerbsorientierten Amerika ist per se schon unglaubwürdig. Zu Beginn des Films gleicht Hunnam auf dem Dach des Hochhauses zudem eher einem Mann, der gelangweilt auf den Bus wartet, als jemandem, der entschlossen ist, in Kürze in den Tod zu springen. Überhaupt wirkt es so, als habe Regisseur und Drehbuchautor Chapman beim Schreiben von Gavins Figur grundsätzlich daneben gegriffen. So richtet der überzeugte Atheist in einer Szene betende Worte direkt an Gott – auch wenn diese nur dem Trost einer Angestellten dienen sollen, die gerade ihren Mann verloren hat. Dies ist nicht stringent und auch nicht bis zum Ende konsequent durchgedacht. Außerdem wirken einige Dialoge zu konstruiert, nur dem Zweck dienend, auch noch dem letzten Zuschauer klarzumachen, um was es Chapman bei seinem Film geht, was dann teilweise die Grenze der Lächerlichkeit erreicht. So wird Gavin in einer Szene von einer Hotelangestellten nach seiner philosophischen Meinung zur göttlichen Bedeutung eines Dildos(!) befragt, weil er schließlich ja mal Lehrer an einer Schule war. Ganz und gar nicht brillieren kann Terrence Howard („Fighting“), weil seine Figur des Polizisten lediglich wie Beiwerk zur Handlung wirkt und zudem gravierende Schwächen des Plots offenbart.

Den gesamten Film durchziehen leider immer wieder logische Fehler, die vielleicht einem Action-Feuerwerk wie „Iron Man“ verziehen werden könnten, aber eben nicht einem Film wie „The Ledge – Am Abgrund“, der sich selbst gar so ernst nehmen möchte. Wie kann es sein, dass ein psychisch labiler Polizeibeamter, dem zu jedem Zeitpunkt die Tränen quasi in den Augen anzusehen sind, alleine auf eine suizidgefährdete Zielperson angesetzt wird? Wo sind die Psychiater der Polizei? Wie glaubhaft ist es, einen selbstmordgefährdeten Mann sich selbst zu überlassen, nur um kurz ans Telefon zu gehen? Die Erzählweise des Films in Rückblenden legt nahe, dass die Geschichte um Shana und Joe Harris aus Gavins Sicht erzählt wird. Somit sind alle Szenen, die sich ausschließlich zwischen Joe und Shana ohne Gavins Beisein abspielen, eigentlich nicht logisch erklärbar. Das Ende des Films tröstet aber etwas über die Schnitzer des Plots hinweg und sichert dem Film zumindest eine Platzierung im qualitativen Mittelfeld. Ebenso mittelmäßig kommt leider auch die audiovisuelle Präsentation des Films daher, die den Titel nicht weiter aufzuwerten vermag.

Digitale Aufarbeitung:
Die Blu-ray verfügt über ein Bild, das qualitativ eher mit einer DVD zu vergleichen ist. Besondere Tiefenschärfe oder imposante Farben finden sich leider überhaupt nicht. Der schwache Kontrast lässt das Bild zudem oft blass und verwaschen erscheinen. Da Soundeffekte und Filmmusik nur sehr sparsam – fast gar nicht – verwendet werden, kann leider auch der Ton nicht sonderlich punkten, obwohl als DTS-HD-Spur sowohl in Deutsch als auch in Englisch auf der Disk vorhanden. Die Dialoge haben somit keine Schwierigkeiten, über die Soundkulisse und Musik hinweg stets hörbar zu bleiben. Die Blu-ray verfügt beim Hauptfilm lediglich über deutsche Untertitel.

Die englischsprachigen Interviews im Bonus-Bereich mit den beiden Akteuren Patrick Wilson und Charlie Hunnam, dem Regisseur Matthew Chapman sowie den Produzenten Mark Damon und Michael Mailer sind hingegen überhaupt nicht untertitelt und empfehlen sich daher nur für Zuschauer, die die englische Sprache sehr gut beherrschen. Das angebotene BD-Live-Feature erweist sich als einfacher Link zur Universum-Homepage ohne Zusammenhang zum Film. Zu guter Letzt findet sich auf der Disk auch noch der offizielle Film-Trailer.

Fazit:
„The Ledge – Am Abgrund“ ist ein Drama mit einigen Längen, stereotypen Charakteren und vereinzelten Logikfehlern, das sich selbst vielleicht ein wenig zu ernst nimmt. Das überraschende Ende stimmt aber zumindest halbwegs versöhnlich. Die Thematik bietet reichlich Stoff für Diskussionen, auch nachdem der Abspann längst abgelaufen ist. Der Film ist nicht der große Wurf, aber dennoch im Großen und Ganzen durchaus noch relativ sehenswert.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,78:1
1,78:1
100:47 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
DTS-HD  Master Audio 5.1
DTS-HD Master Audio 5.1
Englisch
DTS-HD  Master Audio 5.1
DTS-HD Master Audio 5.1
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • Interviews mit Cast & Crew
  • Trailer
  • BD-Live
The Ledge - Am Abgrund - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
The Ledge - Am Abgrund
The Ledge

Bild unseres Mitarbeiters Michael Gick
Mittelmäßiges Drama mit einigen Längen um die philosophische Frage des Glaubens


Autor der Besprechung:
Michael Gick

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
USA, 2011
Regie:
Matthew Chapman
Drehbuch:
Matthew Chapman
Darsteller:
Charlie Hunnam, Terrence Howard, Liv Tyler, Patrick Wilson, Jacqueline Flemming, Chris Gorham, Maxine Greco, Dean West, Tyler Humphrey

Label Deutschland :
Universum Film
Verkaufsstart Deutschland :
20.01.2012

Vertrieb Schweiz :
Impuls Home Entertainment
Verkaufsstart Schweiz :
20.01.2012