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Blu-ray-Besprechung - Amer - Die dunkle Seite deiner Träume

Story:
Als kleines Kind entwendet Ana (Cassandra Forêt) ihrem gerade verstorbenen und im Haus aufgebahrten Großvater (Bernard Marbaix) dessen Taschenuhr, worauf sie sich in einem bizarren Albtraum wiederfindet. Nicht nur der plötzlich wiederauferstandene Großvater stellt ihr fortan nach, sondern auch die trauernde, verschleierte Graziella (Delphine Brual). Als sich Ana (Charlotte Eugène Guibeaud) in der Pubertät befindet, nutzt sie einen Spaziergang mit ihrer Mutter (Bianca Maria D'Amato) ins Dorf dazu, ihre weiblichen Reize gegenüber einer Gruppe von männlichen Motorradfahrern auszuspielen. Ihre Mutter unterbricht Anas sexuelle Phantasien aber mit einer schallenden Ohrfeige. Als Erwachsene kehrt Ana (Marie Bos) in das verlassene Anwesen ihrer Eltern zurück, wird dort jedoch immer wieder aus dem Hinterhalt von einem mysteriösen Mann mit schwarzen Handschuhen und einem Rasiermesser attackiert. Handelt es sich dabei etwa um ihren zuvor in Anspruch genommenen zwielichtig erscheinenden Taxifahrer (Harry Cleven)?

Meinung zum Film:
„Amer – Die dunkle Seite deiner Träume“ wurde von den beiden Filmemachern Hélène Cattet und Bruno Forzani konzipiert und umgesetzt, die bisher nur im Kurzfilmbereich aktiv waren. Vier dieser Werke finden sich auch im Bonusbereich der Blu-ray. Es handelt sich hier um eine belgisch-französische Produktion aus dem Jahr 2009, die komplett im französischen Département Alpes-Maritimes am Mittelmeer, das von der Côte d’Azur bis ins alpine Hinterland verläuft, gedreht wurde. Die Innenaufnahmen entstanden in einer alten Villa beinahe im Zentrum von Menton. Der Film entwickelte sich schnell zu einem Festival-Liebling, gewann dort auch einige Preise, z.B. beim "Montréal Festival of New Cinema", und lief u.a. auch in Deutschland beim Fantasy Filmfest 2010. „Amer“ zitiert dabei Einflüsse italienischer Gialli, die in ihrer Ausprägung durch Genre-Größen wie Dario Argento („Suspiria“ / „Tenebrae – Der kalte Hauch des Todes“), Mario Bava („Blutige Seide“), Lucio Fulci („Don't Torture a Duckling“) oder Sergio Martino („Der Schwanz des Skorpions“ / „Der Killer von Wien“) ihre Blütezeit in den 60er-, vor allem aber in den 70er-Jahren erlebten. Der Giallo orientierte sich ursprünglich an Groschenromanen, mit begriffsbildendem gelben Einband, aber auch an den Verfilmungen der Kriminalromane eines Edgar Wallace. In diesen Thrillern dominierten neben klassischen, kriminologischen Whodunit-Motiven auch Themen wie Sex und Gewalt oder Fragen nach den individuellen Wahrnehmungsebenen, irgendwo zwischen Realität und Phantasie oder irgendwelchen Traumwelten. Visuell und stilistisch waren diese Werke stets besonders ästhetisch, ausdrucksstark und modern. Spektakuläre Kamerafahrten, pointierte Montage-Technik und einprägsame Kameraeinstellungen, aus teils ungewöhnlicher Perspektive, garantierten optische Leckerbissen, die vor allem in den hervorgehobenen Mord-Sequenzen zelebriert wurden.

Cattet und Forzani haben es sich mit „Amer“ nun zur Aufgabe gemacht, gerade die visuellen Welten des Giallo aus seinen Thriller-Konventionen zu entkoppeln und daraus eine besondere, psychedelisch anmutende Bildsprache der Sinnlichkeit zu begründen, die hier allerdings auch wieder im besonderen Kontext von Sex und Gewalt entfaltet wird. Da der Film dabei auch fast komplett auf Sprache verzichtet, obwohl akustische Reize hier eine sehr große Rolle spielen und dem Bild meist gleichwertig gegenüberstehen, wodurch diese visuellen Reize weiter unterfüttert werden, wirken die Geschehnisse auf dem Bildschirm häufig sehr experimentell und auch alles andere als massentauglich. Handwerklich gibt sich „Amer“ erwartungsgemäß entsprechend sehr verspielt und konzentriert sich vor allem auf die Vermittlung von Stimmung und Emotionen. Das erreicht das Werk durch massiven Farbfiltereinsatz, bei dem neben Gelb auch die Grundtöne Blau, Rot und Grün dominieren und eine entsprechend intensive Farbgebung bewerkstelligen. Weiterhin beinhaltet der Film zahlreiche Zooms und Close-Ups, vor allem von Augen-, Gesichts- und Körperpartien. Die Bildkomposition wirkt grundsätzlich erst einmal keineswegs wie reiner Selbstzweck oder eine Fingerübung der Verantwortlichen, sondern sehr durchdacht, und sie wurde auch zuvor geprobt und „einstudiert“, wie im Interview innerhalb des beigefügten Booklets zu lesen ist. Wie bereits aus der obigen Inhaltsangabe ersichtlich ist, füllt die eigentliche „Handlung“ des Films hingegen kaum einen Bierdeckel und wirkt als potentielle Vorlage für sich betrachtet erst einmal überhaupt nicht richtig zu Ende gedacht, sondern vielmehr so, als wären einfach nur drei Szenen aus einem Film herausgegriffen und bezüglich ihres Kontextes entkleidet worden. Grob gesprochen, erlebt der Zuschauer zunächst im ersten Drittel des Films eine Art Schauermär aus der kindlichen Perspektive von Ana, in der ihre Phantasie sehr rege auf die Konfrontation mit einem verstorbenen Familienmitglied und die Kulisse der unheimlichen elterlichen Villa reagiert. Somit vermischen sich hier Realität und Phantasie zu einem traumatisierenden Albtraum für Ana, die zudem auch noch Zeuge des leidenschaftlichen elterlichen Geschlechtsverkehrs wird.

Im zweiten Drittel des Films reduziert sich die Handlung darauf, dass die sich mittlerweile in der Pubertät befindliche Ana ihre weiblichen Reize entdeckt und diese auch gegenüber einer Schar männlicher Motorradfahrer auf laszive Art und Weise ausspielt. Als ihre Mutter davon Wind bekommt, endet Anas erotisches Abenteuer abrupt und gewaltsam. Der Schlussteil des Films orientiert sich hingegen auch inhaltlich am Giallo und präsentiert dem Zuschauer einen mysteriösen Gewalttäter mit den typischen schwarzen Lederhandschuhen und einem Rasiermesser. Anders als seine Vorbilder verschließt sich das Werk expliziten erotischen Schauwerten quasi komplett. Dafür kommt es hier jedoch zum Abschluss zu größeren Gewaltexzessen, die in ihrer Heftigkeit etwas deplaziert wirken und eher an aktuelle Folterfilme erinnern als an klassische Gialli. Das abrupte, eher unbefriedigende und viele Fragen offen lassende Ende passt auch nicht unbedingt zu einem Genre, das meistenteils eher mit zu einfachen und an den Haaren herbeigezogenen Auflösungen aufwarten konnte. Akustisch gibt es hingegen das eine oder andere Déjà-vu für Genrefreunde, da hier aus entsprechenden Werken klassische Soundtracks von Künstlern wie Bruno Nicolai, Ennio Morricone oder Stelvio Cipriani eingearbeitet wurden. Überhaupt geht bei „Amer“ aber die akustische Kulisse minutiös einher mit den visuellen Eindrücken. Beispielsweise werden schnelle Bildfolgen auch von entsprechend beschleunigter Atmung begleitet, die Wahrnehmung bestimmter Umweltgeräusche, wie z.B. aufheulender Motoren, gewinnt in bestimmten Situationen an Intensität oder Anas eigener Herzschlag übertönt andere Reize. Diese Herangehensweise liest sich sicherlich sehr durchdacht, künstlerisch engagiert und inszenatorisch einfallsreich, alleine die letztliche Wahrnehmung durch den Zuschauer trägt diesen Einflüssen nicht immer Rechnung. Gerade an einer strukturierten, logischen Handlung interessierte Zuschauer, die auch der menschlichen Kommunikation, nicht nur wie hier durch Körperhaltungen und Mimik bestritten, sondern eben auch in Form des gesprochenen Worts gesteigerten Wert beimessen, sind bei „Amer“ völlig an der falschen Adresse. Aber auch Liebhaber reiner Sinnesfreuden sollten hier nicht nur eine Spielwiese für Ästheten und Schöngeister erwarten. Abgesehen davon, dass viele Aufnahmen, beispielsweise von Anas wehenden Röcken, auf Dauer eher wie entfesselte „Altherrenfantasien“ anmuten, bildet die im Film (von Ana) durchgehend als gewalttätig, schmutzig und unkontrolliert-urwüchsig empfundene Sexualität der Männerwelt stets einen sehr harten Kontrast zu jeder Form von erotischer Spannung. Weiterhin mag hier handwerklich vieles richtig gemacht worden sein, die ständige Betonung dieser Dominanz der Form über den Inhalt führt jedoch auf Dauer zu argen Ermüdungserscheinungen beim Zuschauer und ist in dieser Ausprägung eher als Leitmotiv für Kurzfilme effektiv.

Digitale Aufarbeitung:
Die Bewertung der Bildqualität ist im vorliegenden Fall aufgrund zahlreicher verwendeter visueller Stilmittel und gerade im Bereich der Bildschärfe recht wechselhafter Werte gar nicht so einfach. So gibt es bei der vorliegenden BD Szenen, die eher etwas weich wirken (15:22). Dabei handelt es sich meistens um Sequenzen, die sich in dunkleren Bereichen abspielen oder bei denen Farbfilter eingesetzt wurden, was ziemlich häufig vorkommt. Hier hat aber auch der Kontrast häufiger etwas zu kämpfen und wirkt aufgrund nicht immer gut herausgearbeiteter Konturen teilweise etwas suboptimal. Ob das nun die Intention der Filmemacher war oder nicht, lässt sich bei diesem Film nicht immer eindeutig klären. Andere Szenen liefern zufriedenstellende (33:53) bis gute Werte (34:41). Gerade gegen Ende (zum Beispiel 50:27/50:40) zeigt der Film aber bei seinen zahlreichen Close-Ups viele feine Details, wobei wohl bewusst immer wieder Bewegungsunschärfen hinzutreten. Auffällig ist aber in jedem Fall das recht starke Bildrauschen, das den Film begleitet und Freunden eher weichgespülter bis wächserner HD-Optik sicher nicht gefallen wird. Die Farbgebung wirkt kräftig, wird aber, wie bereits erwähnt, von zahlreichen Farbfiltern beeinflusst, dominant sind hier die Farben Gelb, Rot, Grün und Blau. Die Vorlage weist zudem seltene kleinere Verschmutzungen auf. Die Kompression bewegt sich auf einem hohen Niveau und bietet keinen Anlass zur Klage. Die BD enthält die französische Originaltonspur und die deutsche Synchronfassung, beide im Format DTS-HD Master Audio 5.1, wahlweise auch mit deutschen Untertiteln. Das Klangbild der deutschen Tonspur wirkt sehr dynamisch und überzeugt zu jeder Zeit mit einer einwandfreien Verständlichkeit. Obwohl es nicht viele echte Actionszenen gibt, verteilen sich nicht nur die Musikuntermalung, sondern auch die Soundeffekte immer wieder sehr stimmungsvoll bzw. stimmungsfördernd im Raum.

Die Veröffentlichung wird in einem ansprechenden Mediabook mit integriertem 15-seitigen Booklet ausgeliefert. Dieses enthält u.a. diverse Hintergrundinformationen zu den Machern des Films und ihren bisherigen Werken sowie ein Interview mit eben jenen. Der FSK-Flatschen auf dem Mediabook scheint wieder einmal ablösbar zu sein. Im Bonusmaterial finden sich die bisherigen Kurzfime der beiden Regisseure, genauer vier an der Zahl und in SD-Qualität. Es handelt sich dabei um "Catharsis" (3:02), "Chambre Jaune" (7:40), "L'Etrange Portrait De La Dame En Jaune" (5:36) und "La Fin De Notre Amour" (9:29). Untertitel dazu gibt es nicht, deren Notwendigkeit entfällt aber auch aufgrund fehlender Mono- oder Dialoge. Aber nicht nur diese „Sprachlosigkeit“, sondern auch zahlreiche inhaltliche und stilistische Elemente des Hauptfilms nehmen diese Frühwerke bereits vorweg, wirken dabei insgesamt jedoch ziemlich gewalttätig bzw. blutrünstig. Ansonsten befinden sich auf der BD noch der deutsche Trailer und der Originaltrailer.

Fazit:
„Amer“ bewegt sich innerhalb der Wahrnehmung einer Frau in drei verschiedenen Lebensphasen, die sich vor vor allem auf Gewalt, Sexualität und Tod fokussiert, wobei auf eine klar definierte Handlung und Dialoge weitgehend verzichtet wird, während das abrupte, gewöhnungsbedürftige Ende einige Zuschauer sicherlich zum Diskutieren anregt, den Großteil aber wahrscheinlich eher enttäuschen wird. Der Film bewegt sich gerade handwerklich eher im „Arthouse“-Milieu und besitzt visuell und akustisch sicherlich auch einige Schauwerte, trotz der formalen und inhaltlichen Zitierweise des „Giallo“ wird das Werk Freunde dieses Genres aber wahrscheinlich nicht durchgehend ansprechen. Technisch macht die vorliegende Blu-ray, trotz leicht wechselhafter Impressionen, einen guten Eindruck und auch das Bonusmaterial ist durchaus interessant ausgefallen, wird allerdings aufgrund eines fehlenden Audiokommentars und tiefergehender Interviews verbliebene offene Fragen nicht klären können.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 16
2,35:1
2,35:1
90:29 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
DTS-HD  Master Audio 5.1
DTS-HD Master Audio 5.1
Französisch
DTS-HD  Master Audio 5.1
DTS-HD Master Audio 5.1
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • 15-seitiges Booklet
  • Kurzfilm: "Catharsis"
  • Kurzfilm: "Chambre Jaune"
  • Kurzfilm: "L'Etrange Portrait De La Dame En Jaune"
  • Kurzfilm: "La Fin De Notre Amour"
  • Deutscher Trailer
  • Originaltrailer
Amer - Die dunkle Seite deiner Träume - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Amer - Die dunkle Seite deiner Träume
Amer

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Abseits des Mainstreams liegt die Welt von "Amer", die aber nicht jeder betreten möchte


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Belgien / Frankreich, 2009
Regie:
Hélène Cattet, Bruno Forzani
Drehbuch:
Hélène Cattet, Bruno Forzani
Darsteller:
Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibeaud, Marie Bos, Bianca Maria D'Amato, Harry Cleven, Delphine Brual, Jean-Michel Vovk, Bernard Marbaix

Label Deutschland :
Koch Media Entertainment
Verkaufsstart Deutschland :
02.03.2012