 |
DVD-Besprechung - Abschaum - Höllenloch der Gewalt
Story:
Carlin (Ray Winstone) wird in eine der berüchtigsten, englischen Besserungsanstalten für Jugendliche eingewiesen. Hier herrscht ein brutaler Kampf ums Überleben. Neben der Schikane und Willkür der Aufseher sind die Insassen auch der Gewalt anderer Gefangener ausgesetzt. Die Starken überleben, die Schwachen gehen unter. Von der postulierten Besserung findet sich keine Spur, im Gegenteil. Carlin beschließt daher, sich selbst an die Spitze der Hackordnung zu setzen und zum "Daddy", zum Anführer seines Gefängnisabschnitts zu werden.
Meinung zum Film:
Regisseur Alan Clarke drehte bereits im Jahre 1977 den Fernsehfilm "Scum" für die BBC. Die BBC verwehrte dem Film nach der Durchsicht des Materials jedoch die Ausstrahlung. Die intensive, realistische und extrem kritische Zeichnung des zeitgenössischen, englischen Jugendstrafvollzugs wollte der Sender seinen Zuschauern nicht zumuten. Unbeeindruckt davon verarbeitete Alan Clarke zwei Jahre später den gleichen Stoff in einer noch schonungsloseren Form für das Kino. Diese Kinofassung liegt nun erstmals in deutscher Sprache auf DVD vor. Alan Clarke erregte später u.a. durch seinen kontroversen Skinheadfilm "Made in Britain", sowie den experimentellen Kurzfilm-Schocker "Elephant" einiges Aufsehen. Letzterer inspirierte später Gus van Sant bei seinem gleichnamigen, mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Film.
"Abschaum" besitzt einen realistischen, ungeschönten Erzählstil, der beinahe dokumentarisch anmutet. Bereits kurz nach der Ankunft in der Besserungsanstalt beginnt für Carlin und die anderen neuen Insassen der Anstaltsalltag, eine Mischung aus Schikane, militärischem Drill und harter körperlicher Arbeit. Das Motto lautet Strammstehen, marschieren und Schnauze halten. Ein Aufseher verdeutlicht den Insassen, dass sie aufgehört haben, als Individuum zu existieren, als er Carlin mitteilt "Eine Nummer, das ist alles, was Du bist". Die Hierarchie innerhalb der Anstalt beruht schlichtweg auf Gewalt. Es gilt das Recht des Stärkeren, die Schwachen gehen unter. Der psychische und physische Druck innerhalb einer Atmosphäre von Gewalttätigkeit und Furcht treibt die, die sich nicht anpassen können, bis in den Selbstmord. Carlin erkennt früh, dass er nur am oberen Ende der Nahrungskette die Chance hat, seine Zeit durchzustehen. Es gelingt ihm, dem alten "Daddy" seines Flügels und dessen Helfern eine Lektion zu erteilen. Er selbst steigt zum neuen "Daddy" auf und ist von nun an direkter Ansprechpartner des Führungspersonals. Statt solche Strukturen im Keim zu ersticken, werden sie von der Gefängnisleitung sogar noch gefördert. Der "Daddy" hilft den Aufsehern bei der Regulierung und Kontrolle der Gefangenen, dafür erhält er Vergünstigungen und kann seine eigenen Geschäfte im Knast führen. Eine weitere Hauptrolle im Film spielt "Archer", verkörpert von Mick Ford ("Lichtjahre entfernt"). Er ist der älteste und intelligenteste Häftling und das personifizierte schlechte Gewissen der Institution, die er längst durchschaut hat. Im Gespräch mit einem der Wärter meint Archer, dass das Strafsystem in dieser Form überhaupt nicht funktionieren könne, und dass er der Überzeugung sei, es würden dadurch mehr Verbrechen an Gefangenen verübt, als von Kriminellen an der Gesellschaft. Die Aufseher sind größtenteils Sadisten und brutale Schläger. Die Darstellung ist aber deutlich differenzierter, denn sie sind ein Produkt ihrer Umgebung. Auch von den Wächtern kann es sich keiner leisten Schwäche zu zeigen und sie müssen sich Respekt verschaffen. Archer vertritt daher die Meinung, der Strafvollzug würde nicht nur den Gefangenen, sondern auch den Aufsehern ihre Würde rauben. Die Folgen zeigt der Film gnadenlos auf. Die aufgestauten Aggressionen entladen sich in einer sich selbst verstärkenden Spirale der Gewalt. Sie äußern sich in Form von Rassismus, brutalen Schlägereien, Vergewaltigungen und Selbstverstümmelungen.
Entgegen des Namens "Besserungsanstalt", die auf Prävention und Wiedereingliederung abzielen würde, führen die Zustände vor Ort, im Gegenteil, zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von erneuter sozialer Abweichung, bzw. Verhaltensauffälligkeit. Die Disziplinierung der Gefangenen ist eine staatliche Machtdemonstration unter dem Deckmantel der sozialen Kontrolle. Das Motiv der Rache scheint zu dominieren. Die Gefangenen bekommen ihren Platz in der Gesellschaft demonstriert, sie sind aufgrund ihrer Taten "Abschaum". Diese soziale Markierung und Isolation gegenüber der Außenwelt, aber auch ihren Familien, verbunden mit der Zusammenführung von "kleinen Fischen" und "harten Jungs", befördert noch eine verstärkte Ausgrenzung, bzw. eine direkte Anbindung an kriminelle Milieus.
Digitale Aufarbeitung:
Bild und Ton können für einen fast 30 Jahre alten Film absolut überzeugen und sind daher als gelungen zu bezeichnen.
Als Extras gibt es lediglich zwei Trailer zum Film.
Fazit:
"Abschaum" gewährt einen ungeschminkten Blick auf den britischen Jugendstrafvollzug der 70er/80er Jahre. Die vorgebrachte Kritik bleibt aber keineswegs nur auf diesen Einzelfall beschränkt, sondern ist universeller Art. Der Film zeigt glaubwürdig gesellschaftliche Missstände auf. Es handelt sich um ein Werk, das an die Nieren geht, und das man bedenkenlos mit dem Prädikat "besonders wertvoll" versehen kann.
Technische Daten:
|
FSK-Freigabe:
|
Bildformat:
|
Laufzeit:
|
|
|
1,78:1
|
92:26 Minuten
|
|
Sprachen / Tonformate:
|
Deutsch Dolby Digital 2.0 | Englisch Dolby Digital 2.0 |
|
Untertitel:
|
|
Deutsch |
|
Bonusmaterial:
|
|
|
|  |
Abschaum - Höllenloch der Gewalt
Scum
Gelobt sei, was hart macht - Der Strafvollzug als unmenschliches Instrument der Erniedrigung
Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr
Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
UK, 1979 Regie: Alan Clarke Drehbuch: Roy Minton Darsteller: Ray Winstone, Mick Ford, Julian Firth, John Blundell, Phil Daniels, John Judd
Label :
I-On New Media
Verkaufsstart : 24.11.2006
|