 |
DVD-Besprechung - Der Freie Wille
Story:
Der Serienvergewaltiger Theo Stöhr (Jürgen Vogel) wird nach neun Jahren als geheilt aus dem Maßregelvollzug entlassen. Die Entlassung sieht er als seine Chance zu einem Neuanfang und kommt zunächst, zusammen mit anderen "Ehemaligen", in der WG des Sozialarbeiters Sascha (André Hennicke) in Mülheim an der Ruhr unter. Er findet zwar schnell eine Anstellung als Drucker, die Suche nach Zuneigung und Kontakten verläuft jedoch ungleich schwieriger. Schließlich begegnet er Nettie (Sabine Timoteo), die gerade erst von ihrem psychisch kranken Vater losgekommen ist. Es kommt zu einer vorsichtigen gegenseitigen Annäherung, die jedoch von Theos Hintergrund überschattet wird.
Meinung zum Film:
"Der freie Wille" erlebte seine Weltpremiere auf der Berlinale am 13. Februar 2006. Der deutsche Kinostart erfolgte am 24. August des gleichen Jahres. Bei der Berlinale wurde Jürgen Vogel ("Das Leben ist eine Baustelle") für seine herausragende künstlerische Gesamtleistung als Hauptdarsteller, Co-Autor und Co-Produzent von "Der freie Wille" mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Bei dem Tribeca Film Festival in New York wurde er als bester Darsteller geehrt. Regisseur Matthias Glasner ("KDD - Kriminaldauerdienst") erhielt für den Film den Regiepreis der Gilde des deutschen Filmkunsttheaters. Der Film entstand u.a. in Koproduktion mit dem WDR und ARTE und wurde von der Filmstiftung NRW gefördert.
"Der freie Wille" ist ein schonungsloser Film, nicht nur in seiner Thematik und der Art der Darstellung, sondern auch gegenüber dem Publikum. Bereits im Prolog kommt es zu einer äußerst brutalen und erschreckend realistisch anmutenden Vergewaltigungssequenz einer jungen Frau durch Theo Stöhr. Der Einstieg ist absichtlich einschneidend gewählt, da Theos Vergangenheit als Serienvergewaltiger den gesamten Film überlagert. Sascha verdeutlicht ihm schon sehr früh in einem Gespräch, dass das Leben in der WG als Vorgeschmack der Freiheit die eine Sache, das Leben außerhalb der WG jedoch etwas ganz anderes sei. So wird denn auch die Eingangs-, bzw. Ausgangstür des Hauses von den Bewohnern als "Tor zur Hölle" bezeichnet. Theo lässt sich jedoch zunächst nicht entmutigen und bekräftigt beim Vorstellungsgespräch in der Druckerei seinen Willen, zu beweisen, dass es möglich ist ein normales, gesundes Leben zu führen, auch wenn man falsch angefangen ist. Seine ersten Kontaktversuche zu Frauen, und somit seine Suche nach Zuneigung verlaufen jedoch äußerst niederschmetternd für Theo. Um sich abzulenken, aber auch um die Illusion von Selbstbeherrschung und Kontrolle aufrecht zu erhalten, die Theos wieder aufsteigender Selbsthass und seine Ängste zu untergraben beginnen, durchläuft Theo ein umfangreiches körperliches Ertüchtigungsprogramm und nutzt den Kampfsport als Ventil für seine Frustration und seine Aggressionen. Nach einem Discobesuch attestiert sich Theo selbst jedoch in tiefster Verzweiflung, "Es geht nicht, es funktioniert einfach nicht!".
Seine Selbstbeherrschung bekommt im weiteren Verlauf des Films zunehmende Risse und er verfällt in längst vergessen geglaubte Verhaltensmuster. Er stellt Frauen nach, wird gegenüber ihnen aggressiv und ein Rückfall scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Einen gewissen sozialen Halt bedeutet für Theo jedoch seine sich vertiefende Beziehung zu Nettie, auch wenn diese denkbar wenig vielversprechend beginnt. Nettie ist, ebenso wie Theo, dessen Rolle sehr unkommunikativ angelegt ist, zunächst sehr einsilbig, Annäherungsversuche quittiert sie direkt mit großer Aggressivität. Männer sind für sie aufgrund der Erfahrungen mit ihrem "klammernden", psychisch kranken Vater ein einengendes Element, das es abzuwehren gilt. Auch wenn sich beide näher kommen und versuchen eine Beziehung ohne Zwänge und äußeren Druck zu führen, scheint ein Scheitern jedoch vorgezeichnet. "Der freie Wille" bereitet dem Zuschauer einen sehr unmittelbaren Einstieg in die Welt von Theo, die Kamera ist, beinahe halbdokumentarisch immer sehr nah am Geschehen und das vollkommen unreflektiert. Der Film will keine zwangsläufig zu einfache Antwort auf die Problematik des psychisch kranken Triebtäters geben. Vielmehr konzentriert er sich auf die möglichst authentische Darstellung der Geschehnisse. Der Zuschauer kann jedoch nie in die Köpfe der Hauptakteure hineinsehen und ihre Motivationen und Beweggründe offenkundig ablesen.
Digitale Aufarbeitung:
Die Bildqualität ist bis auf ein leichtes, nicht störendes Bildrauschen als gut zu bezeichnen. Die deutsche Tonspur weiß insgesamt ebenfalls zu überzeugen, ist aber in wenigen Dialogsequenzen deutlich zu leise ausgefallen.
Auf der ersten DVD befinden sich ein Teaser und der Trailer zum Film, sowie ein Audiokommentar von Regisseur Matthias Glasner und Hauptdarsteller Jürgen Vogel. Der Audiokommentar ist dabei durchgehend interessant, sehr detailliert und informativ geraten und absolut vorbildlich. Auf der zweiten DVD befinden sich sehr ausführliche Interviews mit Matthias Glasner, Jürgen Vogel, Simone Timoteo mit einer Gesamtlaufzeit von über 100 Minuten. Als einziger kleiner Kritikpunkt sind ein paar Wiederholungen gegenüber dem Audiokommentar anzumerken. Weiterhin bietet die zweite DVD geschnittene Szenen mit einer Laufzeit von rund 40 Minuten, Filmographien, Fotogalerien in Form von Szenenfotos und Produktionsfotos, sowie Auszeichnungen des Films.
Fazit:
"Der freie Wille" ist ein sehr finsteres, aufwühlendes Drama, das gerade dadurch Wirkung erzielt, dass es sich einfachen Deutungsmustern schlichtweg entzieht. Der Zuschauer ist so nah wie nur möglich am Geschehen, wird jedoch nicht an die Hand genommen und in eine bestimmte Richtung geführt. Der Film überzeugt außerdem mit seiner äußerst tristen Bildsprache und herausragenden Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Die Extras der Special Edition können sowohl quantitativ als auch qualitativ voll überzeugen.
Technische Daten:
|
FSK-Freigabe:
|
Bildformat:
|
Laufzeit:
|
|
|
1,78:1
|
163:49 Minuten
|
|
Sprachen / Tonformate:
|
Deutsch Dolby Digital 5.1 |
|
Untertitel:
|
|
Deutsch, Englisch |
|
Bonusmaterial:
|
- Audiokommentar von Regisseur Matthias Glasner und Hauptdarsteller Jürgen Vogel
- Interviews mit Matthias Glasner, Jürgen Vogel und Sabine Timoteo
- Geschnittene Szenen mit Audiokommentar des Regisseurs
- Filmographien von Matthias Glasner, Jürgen Vogel und Sabine Timoteo
- Fotogalerien
- Auszeichnungen
- Trailer/Teaser
|
|  |
Der Freie Wille
Der Freie Wille
Ein kontroverser Film mit Tiefgang, der sich einer einfachen Deutung entzieht!
Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr
Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 2006 Regie: Matthias Glasner Drehbuch: Matthias Glasner, Jürgen Vogel, Judith Angerbauer Darsteller: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, André Hennicke, Manfred Zapatka, Judith Engel, Anna Brass
Label :
Arthaus
Verkaufsstart : 18.05.2007
|