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DVD-Besprechung - Angst essen Seele auf

Story:
Die Witwe Emmi (Brigitte Mira) ist eine einsame und inzwischen nicht mehr junge Frau, die zwar Kinder, aber nur wenig vom Leben selbst hat. Sie lernt in einer Kneipe, in der sich Ausländer treffen, den jungen marokkanischen Gastarbeiter Ali (El Hedi Ben Salem) kennen. Sie verlieben sich Hals über Kopf und heiraten, aber Emmi stößt dabei auf sehr viel Widerstand, sowohl in ihrer eigenen Familie, als auch in ihrer Nachbarschaft und in ihrem Beruf als Putzfrau. Werden die Beiden alle Hindernisse überstehen?

Meinung zum Film:
Es war in der damaligen Zeit ein Skandal sondergleichen. Brigitte Mira, Liebling aller Deutschen, eine der "3 Damen vom Grill", spielte eine Rolle, die ihr niemand zugetraut hätte, und bei der eigentlich niemand gedacht hätte, dass sie sie ausfüllen könnte. Und das aus vielerlei Gründen. Zum einen war sie in den Jahren zuvor nur noch auf humorvolle Rollen vor allem im Fernsehen abonniert, zum anderen hatte sie nur noch eine Art Rolle, die sie als ältere Frau ausfüllen konnte: Die der liebenden Mutter und Großmutter, die als Heimchen am Herd stand, was natürlich auch Teil der damaligen Zeit war, in der das Rollenverständnis der Frau noch sehr stark durch Vorkriegsmuster geprägt war. Dass eine Frau auch in den Siebzigern frei denken und fühlen konnte, das wurde maximal der jungen Generation zugestanden. Frauen oberhalb der 40 oder 50 waren immer noch gefangen in einer Welt, die nicht akzeptieren wollte, dass diese Menschen immer noch Gefühle, Leidenschaften und Erwartungen an das Leben hatten. Es ist dieser Ausnahmeschauspielerin als hoch anzurechnen, dass sie eine Rolle annahm, die diese Grenzen bewusst ad acta legte.

Rainer Werner Fassbinder ("Der Stadtstreicher"), ein Workaholic der deutschen Filmszene, der neben seiner Regiearbeit auch noch Drehbücher schrieb, produzierte und selbst in seinen und anderen Filmen auftrat, gelang mit "Angst essen Seele auf" eine bewegende Analyse der Gesellschaft, die sich mit vielen Gastarbeitern auseinandersetzen musste. Es ist eine eigenartige Ambivalenz aus Vorurteilen und Ablehnung, sowie Akzeptanz und Notwendigkeit entstanden, wie sie in den siebziger Jahren sicher sehr häufig vorkam. Gerade einmal 30 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg war die zum Ende des Krieges junge Generation im Alter der Hauptperson Emmi und sah sich einer rapide verändernden Welt gegenüber. Die in der Jugend eingetrichterten Regeln galten zwar schon lange nicht mehr, aber Ausländer lösten Ängste aus. Ängste, dass diese das süße Leben beenden könnten. Dies soll nur ein Erklärungsversuch sein, keine Entschuldigung für einen Fremdenhass, der sich in Fassbinders Film widerspiegelt. Doch das ist nur die Oberfläche. Fassbinder versteckte noch viel mehr in seinem Film.

Kurz unter der Oberfläche ist sicher ein großes Stück Gesellschaftskritik verborgen, die jeder Zuschauer schnell erkennen kann. Und dann, wenn man weiter vordringt in die Tiefen des Films, dann wird man noch etwas vorfinden. Es ist ein innerer Konflikt vorhanden zwischen den beiden Hauptpersonen, der anfangs vom Zuschauer auf die leichte Schulter genommen wird. Denn eigentlich scheint es nur einen Konflikt auf Seiten der von Brigitte Mira gespielten Frau zu geben. Sie versucht ihre innere Leere zu überwinden und verliebt sich in den vielleicht falschen Mann, denn nun wird ihre innere Leere auch noch äußerlich ausgefüllt, brechen ihr doch alle vermeintlichen Freundschaften und Bekanntschaften weg. Doch es wird auch irgendwann klar, dass Fassbinder lang nicht nur diesen Konflikt betrachten will. Er sucht auch die Seele des Gastarbeiters zu ergründen und das gelingt ihm unwiderstehlich. Davon einmal abgesehen ist der Film auch noch ein visuelles Meisterwerk. Stilsicher und - was auffällt - ohne Musik, gelingt es Fassbinder auf beeindruckende Weise den Zuschauer zu verzaubern.

Digitale Aufarbeitung:
Ein grüner Streifen ist am linken Bildrand zu sehen. Aber ansonsten ist das Bild gut übertragen worden. Die Farben, die Fassbinder gewählt hat, sind sehr kräftig und werden auch ebenso dargestellt. Der Kontrast wurde gut gewählt. Der Sound liegt nur in Mono vor und auch nur in Deutsch.

Neben dem Trailer und einer Fotogalerie findet sich auch eine Biografie von Rainer Werner Fassbinder. Lieselotte Eder, die Mutter von Rainer Werner Fassbinder, wird außerdem in einem kurzen Statement zum Film gezeigt. Das Zusatzmaterial ist für die Zeit, die seitdem vergangen ist, als dieser Film im Kino lief, angemessen.

Fazit:
"Angst essen Seele auf" ist ein stilsicherer Film, der im zeitlichen Kontext der siebziger Jahre gesehen werden muss. So oder so, ist er ein Meisterwerk des deutschsprachigen Films, das jeder einmal gesehen haben sollte.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,33:1
1,33:1
89:15 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine Untertitel vorhanden.
Bonusmaterial:
  • Trailer
  • Fotogalerie
  • Biografie Rainer Werner Fassbinder
  • Statement: Lieselotte Eder  
Angst essen Seele auf - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Angst essen Seele auf
Angst essen Seele auf

Bild unseres Mitarbeiters Bernd Glasstetter
Vorurteile und Liebe


Autor der Besprechung:
Bernd Glasstetter

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 1974
Regie:
Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch:
Rainer Werner Fassbinder
Darsteller:
Barbara Valentin, Brigitte Mira, El Hedi Ben Salem, Irm Hermann, Marquard Bohm, Peter Gauhe, Rainer Werner Fassbinder, Walter Sedlmayr

Label Deutschland :
Arthaus
Verkaufsstart Deutschland :
19.01.2007