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DVD-Besprechung - Die Hörige

Story:
Der Lateinlehrer eines schwedischen Gymnasiums (Stig Järrel) wird aufgrund seiner sadistischen und angsteinflössenden Lehrmethoden von den Schülern nur noch als "Caligula" bezeichnet. Der Schüler Jan-Erik Widgren (Alf Kjellin) gerät dabei besonders in den Fokus von "Caligula" und muss dementsprechend stark unter dessen Schikane leiden. Seine Freundin Bertha (Mai Zetterling) ist dieses Gefühl der Angst ebenfalls geläufig, denn sie wird regelmäßig von einem Sadisten gequält, deren Identität sie Jan-Erik gegenüber jedoch nicht preisgeben will. Während Jan-Erik aufgrund der nervlichen Belastung kurz vor dem Zusammenbruch steht, flieht Bertha in den Alkoholismus.

Meinung zum Film:
"Die Hörige" gilt als erster Film von Ingmar Bergman. Zwar führte Alf Sjöberg Regie, Ingmar Bergman war jedoch Regieassistent und verfasste das stark durch seine eigenen Schulerfahrungen beeinflusste Drehbuch. Der deutsche Titel ist dabei alles andere als treffend, im Original hieß der Film eigentlich "Hets" (Gluthitze), international lief er auch als "Torment" (Qual). 1946 wurde der Film beim ersten Cannes-Festival ausgezeichnet und lief 1947 auch bei den Filmfestspielen von Venedig. Erst 1967 kam der Film in die deutschen Kinos, zu dieser Zeit war Ingmar Bergman längst international berühmt.

Die Gymnasiasten bezeichnen ihren Lateinlehrer nur als "Caligula", nach dem Vorbild des gleichnamigen römischen Kaisers, der vor allem als wahnsinniger Gewaltherrscher bekannt wurde. Optisch ähnelt er dabei jedoch ziemlich stark dem Reichsführer-SS, Heinrich Himmler. Das war beabsichtigt, die antinationalsozialistische Tendenz des Films wurde jedoch durch Produktionsschnitte stark entschärft. Dadurch fallen Caligulas Sympathien für die NS-Ideologie, abgesehen von der Optik des Lehrers, kaum noch ins Gewicht. Der Film beginnt mit einer eindrucksvollen, geradezu albtraumhaften Verfolgungsjagd durch Eingangshalle, Treppenhaus und die endlosen Flure des Gymnasiums. Ein junger Schüler ist zu spät, und versucht sich an der Aufsichtsperson vorbei zur Morgenandacht zu schleichen, welche versucht ihn zu fassen. Als er schließlich gefasst wird, beginnt der Schüler zu weinen. Hier wird bereits die Stoßrichtung des Films deutlich. Die Schule ist ein Ort des Grauens und für ihre Schüler ein Gefängnis. Angst und Terror werden in der Gestalt des "Caligula" personifiziert. Dieser schreitet wie ein Wahnsinniger, mit verzerrtem Gesichtsausdruck und erhobenem Zeigestock durch den Klassenraum und ruft immer wieder, ohne Vorankündigung, und teilweise ohne sie anzuschauen, Schüler auf, um sie zu prüfen. Jeden kann es treffen und "Caligula" genießt es beim kleinsten Anzeichen von Schwäche immer weiter nachzubohren, um seinen Sadismus auszukosten und seine Schüler klein zu halten.

Schnell wird dabei Jan-Erik Widgren zu seinem persönlichen "Liebling". Jan-Erik ist ein Idealist mit einem eher zart besaiteten Nervenkostüm und ist "Caligula" nicht gewachsen. Als der Klassenlehrer "Caligula" mit den ihm vorgebrachten Vorwürfen und Ängsten der Schüler konfrontiert wird deutlich, dass ihm seine Schüler als Menschen egal sind. Lehrer sein ist für ihn keine Berufung, sondern die Möglichkeit, anderen durch seine Autorität und Macht Angst einzuflössen. Er fühlt sich weder den Schülern noch den Lehrern verbunden, Mitgefühl kennt er nicht und er ist auch sozial völlig isoliert. Als Jan-Erik auch noch eine eher unglücklich verlaufende Liebesbeziehung mit Bertha beginnt, gerät er in der Schule, kurz vor den Abschlussprüfungen, die ihm bereits stark zusetzen, noch mehr ins Hintertreffen. Diese Hilflosigkeit und damit verbundene Angst kann "Caligula" förmlich riechen und stürzt sich wie eine Bestie begierig darauf. Schließlich mündet das ganze in den Zusammenbruch von Jan-Erik, der aber selbst in seinen Fieber-Phantasien noch vom Lateinlehrer gejagt wird. Leider verschenkt der Film einiges an Potential, in dem er von den Geschehnissen in der Schule zu sehr in die Liebesbeziehung von Jan-Erik und Bertha abdriftet und andererseits die Rolle von Jan-Eriks Elternhaus, nicht stärker in den Vordergrund stellt. Auch die Kritik am Schulsystem reibt sich daran auf, dass sowohl der Klassenlehrer, als auch der Direktor als verständnisvoll und fair charakterisiert werden, "Caligula" ist ein Einzeltäter, einen solchen Sadisten könnte es überall geben. Die kriminellen Aktivitäten Caligulas, der außerhalb der Schule Bertha nachstellt und sie bedroht, verstärken noch dessen Charakterisierung als krankhaftem Einzeltäter. Auch das Ende passt nicht ins Bild. Obwohl der Schüler Jan-Erik an "Caligula" zerbrochen ist, und dieser ungeschoren davonkommt, wird eine Aufbruchsstimmung signalisiert, die man anhand des Filmverlaufs nicht nachvollziehen kann.

Digitale Aufarbeitung:
Die Bildqualität geht größtenteils in Ordnung, immerhin ist der Film bereits mehr als 60 Jahre alt. Es gibt aber ein paar Verschmutzungen, Längsstreifen und die Schärfe ist an einigen Stellen auch nicht optimal. Außerdem begleitet den Film ein ständiges, deutlich wahrnehmbares Bildrauschen, das sich aber noch im erträglichen Bereich befindet. Die schwedische Tonspur hingegen ist klar verständlich und besitzt deutsche Zwangsuntertitel. Eine deutsche Tonspur gibt es nicht.

Auf der DVD befinden sich als Extra eine Biographie von Ingmar Bergman mit 14 Texttafeln, sowie Produktionsnotizen zum Film im Umfang von 15 Texttafeln.

Fazit:
"Die Hörige" überzeugt vor allem auf der psychologischen Ebene, bei dem ungleichen Duell von sadistischem Lehrer und verletzlichem Schüler, sowie in der Darstellung der immer größeren Last, die auf den Schultern des auf sich allein gestellten Jan-Erik liegt, und ihn schließlich niederwirft. Die Geschichte selbst wirkt aber nicht immer ausgegoren, schweift teilweise stark ab und nimmt sich immer wieder selbst stark zurück, was aber durch die exzellenten Leistungen der Darsteller ausgeglichen werden kann.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 16
1,33:1
1,33:1
96:55 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Schwedisch (mit Zwangs-
untertiteln
)

Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine Untertitel vorhanden.
Bonusmaterial:
  • Biographie von Ingmar Bergman
  • Produktionsnotizen
Die Hörige - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Die Hörige
Hets

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Die Schulzeit als Hölle auf Erden


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Schweden, 1944
Regie:
Alf Sjöberg
Drehbuch:
Ingmar Bergman
Darsteller:
Stig Järrel, Jan-Erik Widgren, Bertha Olsson, Olof Winnerstrand, Gösta Cederlund, Hugo Björne

Label Deutschland :
Arthaus
Verkaufsstart Deutschland :
15.12.2006