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DVD-Besprechung - Unser Krieg (DVD-Box)

Story:
"Unser Krieg" ist eine Sammlung privater Filmaufnahmen aus der Zeit von 1933-1955. Die Aufnahmen zeichnen die Zeit von der Machtergreifung Hitlers über den Ausbruch und Verlauf des 2. Weltkriegs und der Kapitulation, bis zum Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland und der Zeit des Wirtschaftswunders nach. Anders als bei offiziellen Aufnahmen oder Propaganda wird hier ein unzensierter und persönlicher Blick auf die täglichen Lebensumstände, Freuden und Nöte des kleinen Mannes ermöglicht.

Meinung zum Film:
Die Box "Unser Krieg" besteht aus drei eigenständigen Dokumentationen, die vom NDR in Zusammenarbeit mit ARTE produziert wurden. Auf der ersten DVD befindet sich die Dokumentation "Heimat Deutschland", die die Zeitspanne von 1933-1945 abdeckt. Auf der zweiten und dritten DVD befindet sich die 5-teilige Dokumentationsreihe "Der unbekannte Krieg", die sich mit der Zeit von 1936 bis 1945 auseinandersetzt und dies mit einer europäischen Perspektive. Auf der vierten DVD schließlich befindet sich die Dokumentation "Nachkriegsjahre". Sie umfasst die Zeit von 1944-1955. Alle Dokumentationen verwenden fast ausschließlich privates Filmmaterial, den Urhebern dieser Filme wird als Zeitzeugen die Möglichkeit gegeben, ihre eigenen Filmaufnahmen in der Retrospektive zu kommentieren. Ergänzt werden diese Kommentare durch historische Tondokumente, sowie als Ton oder Text eingestreute Hintergrundinformationen zum besseren Verständnis des vorliegenden Materials, z.B. geographische, weltpolitische oder zeitliche Eckdaten.

"Heimat Deutschland" zeigt die zunehmende Verwurzelung des Nationalsozialismus im alltäglichen Leben. Kleine Kinder spielen in Uniformen im Garten und tragen dabei Hakenkreuzfahnen, man marschiert mit Unbekümmertheit Richtung Weltkrieg. Andere Aufnahmen zeigen ein Sommerferienlager der HJ mit Geländespielen und Leibesertüchtigungen, die Jugend wird zunehmend ideologisiert und militarisiert. Nach dem Kriegsausbruch sieht man jedoch auch Szenen, die Augenblicke des Friedens mitten im Krieg verkörpern, wie z.B. spielende Kinder oder Menschen beim Sonnenbaden. Solche Szenen liegen beispielsweise aus Dachau vor, obwohl man sich quasi vor der Haustür des Konzentrationslagers Dachau befand. Am Ende der Doku sieht man zerbombte Städte und Kinder, die in den Trümmern spielen, ein Regimegegner kehrt nach acht Jahren KZ zurück und feiert mit seinen Freunden und Verwandten. "Der unbekannte Krieg" gliedert sich in fünf Teile mit unterschiedlichen Schwerpunkten. "So schlimm wird's schon nicht werden" behandelt die Zeit von 1936-1939, es gibt viele Aufnahmen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges, vom Reichsparteitag in Nürnberg oder vom "Tag der Deutschen Kunst", bei dem z.B. ein Wagen mit einem überdimensionalen, goldenen Reichsadler auszumachen ist. Der Film endet mit der Mobilmachung in mehreren europäischen Ländern. In "Nicht nur auf den Schlachtfeldern", der die Zeit von 1939-1942 abdeckt, sieht man öffentliche Notfallübungen der Bevölkerung, zerbombte Städte, aber auch Alltagsaufnahmen. Allgemein wird das Leben im Krieg an der Heimatfront thematisiert. Es werden aber auch Aufnahmen eines deutschen Soldaten präsentiert, die Massenerschießungen von Juden in Litauen dokumentieren. "Unter Menschen" schildert das breite Spektrum der unterschiedlichen Lebenslagen innerhalb Europas während des Krieges von 1940-1943. In Osteuropa wird die Bevölkerung versklavt, während in anderen besetzten Ländern, z.B. Belgien, Verhaltensmuster der Anpassung und/oder Kollaboration auszumachen sind, die sich auch in einer besseren Versorgungslage und Vergünstigungen äußern. Szenen aus Griechenland zeigen ausgehungerte Menschen und Aufruhr in den Straßen, während in Belgien eine Familie beim gemütlichen Kaffeetrinken zusammensitzt. Leider ist diese Folge kaum kommentiert und es fehlt ein wenig der rote Faden.

"Die Kamera im Spähwagen" (1941-1944) begleitet deutsche und ungarische Soldaten bei ihrem Russlandfeldzug vom ungebremsten Vormarsch bis zum mehr oder weniger geordneten Rückzug. Man sieht aber neben Kriegsschauplätzen mit verkohlten Leichen auch den Alltag hinter der Front und Szenen der Menschlichkeit, z.B. wenn ungarische Soldaten ihr Brot mit ukrainischen Bauernfamilien, also dem Feind, teilen, oder wenn deutsche Soldaten Einheimischen bei der Brandbekämpfung helfen. "Boogie Woogie Victory" (1943-1945) schildert das Ende des Krieges. Die Kamera zeigt zerbombte Städte, Partisanen, die sich auf den Befreiungskampf vorbereiten, die deutsche Wehrmacht auf dem Rückzug oder auch die Erschießung deutscher Soldaten im befreiten Paris. Die Alliierten befreien Stück für Stück Europa und werden von der Bevölkerung als Befreier begeistert empfangen, aber auch Flüchtlingstrecks und die Bestrafung von Kollaborateuren sind zu sehen. Die letzte Dokumentation "Nachkriegsjahre" zeichnet die ersten entbehrungsreichen Jahre nach dem Krieg nach, zeigt aber auch die Arbeiten für den Wiederaufbau und die zunehmende Verbesserung der Versorgungslage in der Bevölkerung. Die Lebensfreude kehrt allmählich zurück, der Alltag hält wieder Einzug, die Kriegsfolgen werden überwunden und das deutsche Wirtschaftswunder steht bereits vor der Tür, während sich parallel die Spaltung Deutschlands vollzieht.

Digitale Aufarbeitung:
Bei dem Material, dass der Box "Unser Krieg" zu Grunde liegt, handelt es sich um sehr alte Amateurfilme, teilweise Schwarz-Weiß, teilweise in Farbe. Die Aufnahmen wurden aber sorgfältig überarbeitet und sind größtenteils nicht schlechter als das aus anderen Dokumentationen bekannte professionelle, oder offizielle, historische Material aus dieser Zeit. Der Ton, der beinahe vollständig eingespielt wird, ist zu jeder Zeit gut verständlich. Die Passagen ausländischer Sprecher werden fest deutsch untertitelt.

"Der unbekannte Krieg" beinhaltet ein 20-seitiges Booklet. Es beleuchtet die Entstehung der 5-teiligen Reihe, umreißt die Inhalte der einzelnen Folgen und beinhaltet Kommentare einiger Zeitzeugen, die ihr privates Filmmaterial zur Verfügung gestellt haben und über dessen Entstehungsgeschichte berichten. Weiterhin enthält die zweite DVD von "Der unbekannte Krieg" eine weitere, etwa 19-minütige Ansammlung von Amateuraufnahmen mit dem Titel "Der unbekannte Krieg - Die Projektrolle". Einige Aufnahmen sind jedoch lediglich Wiederholungen aus den Dokumentationen.

Fazit:
Die Box "Unser Krieg" bietet einen umfassenden, unzensierten und sehr persönlichen Einblick in die vielfältigen Schattierungen des täglichen Lebens in der Zeit von 1933-1955. Es handelt sich um eine lebendige Chronik mit allen Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins, abseits der offiziellen Berichterstattung. Ergänzende geschichtliche Informationen erleichtern die Einordnung der Bilder und die Kommentare der Zeitzeugen unterstreichen die Lebendigkeit und Relevanz der gezeigten Aufnahmen.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 06
1,33:1
1,33:1
377:33 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine Untertitel vorhanden.
Bonusmaterial:
  • 20-seitiges Booklet zu "Der unbekannte Krieg"
  • "Der unbekannte Krieg - Die Projektrolle" (Amateurfilme aus europäischer TV-Kompilationen zum II. Weltkrieg) (auf DVD 2 von "Der unbekannte Krieg")
Unser Krieg (DVD-Box) - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Unser Krieg
Unser Krieg

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Sehr persönliche Chronik abseits der offiziellen Berichterstattung dieser Zeit


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 1995
Regie:
Michael Kuball
Drehbuch:
Michael Kuball

Label Deutschland :
absolut MEDIEN
Verkaufsstart Deutschland :
27.04.2007