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DVD-Besprechung - Winterkinder - Die schweigende Generation

Story:
Regisseur Jens Schanze geht in der Dokumentation "Winterkinder - Die schweigende Generation" der Frage nach ob sein Großvater mütterlicherseits ein Nazi gewesen ist, oder nicht. Die Suche stellt eine Reise durch seine eigene Familiengeschichte dar. Dieses Thema und die Erlebnisse zur Zeit des Nationalsozialismus wurden innerhalb der Familie niemals zuvor diskutiert. Es werden viele Fragen aufgeworfen und es wird versucht die Spuren der Vergangenheit zu ergründen. Einerseits geschieht dies dadurch, die Persönlichkeit des Großvaters auszuloten, andererseits durch Aufdeckung seiner Aktivitäten für die Nationalsozialisten, bzw. seiner Rolle im Parteiapparat.

Meinung zum Film:
"Winterkinder" ist die Abschlussarbeit an der Filmhochschule München von Adolf-Grimme Preisträger Jens Schanze ("Otzenrather Sprung"). Neben Lob, das die Dokumentation im Inland erhielt, wurde der Film auch im Ausland durch zahlreiche Auszeichnungen geadelt. Die Besonderheit dieser Dokumentation ist, dass sich der Regisseur nicht einfach wissenschaftlich mit einer bestimmten Thematik auseinandersetzt, sondern, dass er sich und seine Familie gezielt mit der eigenen Vergangenheit und der Familiengeschichte in der Zeit des 3. Reiches konfrontiert. Der gesamte Film hat einen sehr starken Prozesscharakter. Er zeichnet die fortlaufende Aufarbeitung, der damaligen Geschehnisse, im Dialog zwischen den Generationen, nach. Somit ist "Winterkinder" ein sehr persönlicher Film, sowohl für den Regisseur, als auch für den Zuschauer. In ihm werden von allen beteiligten Mitgliedern der Familie Schanze sehr intime und meist auch sehr tiefgründige Gedanken geäußert. Die Distanz zwischen Zuschauer und Protagonisten schrumpft durch die Prozesshaftigkeit und Intimität zusammen. Es könnte sich genauso gut um die eigene Familiengeschichte handeln. Der Zuschauer ist hautnah dabei, wenn sich die Befragten mit unangenehmen Fragen über die Vergangenheit der Familie auseinandersetzen müssen. Die Emotionen der Familienmitglieder sind offen ablesbar und ihre Einstellungen, und das Verhältnis der Familienmitglieder untereinander, werden im Verlauf des Films einer Transformation unterworfen.

Die Suche besteht vor allem aus Interviews mit Jens Schanzes Mutter, der Durchsuchung von Archiven, der Sichtung alter Lokalzeitungen und Reisen mit seinen Eltern an die markantesten Punkte der damaligen Familiengeschichte. Es geht dem Filmemacher nicht darum seinen Großvater als Nazi zu brandmarken und pauschal zu verurteilen, und es geht ihm auch nicht darum ihn verharmlosend als Menschen mit gutem Charakter darzustellen. Sowohl die Persönlichkeit des Großvaters als auch seine Rolle in der Partei werden gleichwertig untersucht. Eine abschließende Beurteilung der Sachlage bleibt dem Zuschauer überlassen.

Jens Schanze versteht es mit präzisen, sachlichen, aber weder tendenziösen, noch effektheischenden Fragen das Schweigen zu durchbrechen, den Aufarbeitungsprozess innerhalb der Familie überhaupt erst anzustoßen und dann immer weiter voranzutreiben. Er kommentiert oder bewertet nicht, was gesagt wird. Er nimmt die Äußerungen der Zeitzeugen unwidersprochen zur Kenntnis. Sein Ziel ist es nicht eine abschließende Bewertung der Ereignisse abzugeben, sondern eine Auseinandersetzung damit in Gang zu setzen.

Digitale Aufarbeitung:
Das Bild ist weitestgehend als sehr gelungen zu betrachten, es gibt allerdings immer wieder kürzere Passagen, an denen der Film mit einem verrauschten Bild zu kämpfen hat. Der Ton bietet keinen Anlass zur Kritik und ist eigentlich immer klar und deutlich, was unter den Drehbedingungen wohl keine Selbstverständlichkeit ist. Lediglich in einer Szene, die in einem Stollen gedreht worden ist besteht eine extreme Lautstärkedifferenz zwischen der interviewten Person vor der Kamera und dem Übersetzer irgendwo hinter der Kamera. Bedauerlich ist sicherlich, auch im Hinblick auf den internationalen Erfolg der Dokumentation, das Fehlen jeglicher fremdsprachiger Untertitel. Zumindest englische Untertitel wären wünschenswert gewesen.

Als Extras enthält die DVD den Trailer zum Film, zwei geschnittene Szenen, sowie ein relativ kurzes, aber durchaus informatives zwölfminütiges Interview mit Regisseur Jens Schanze. Weiterhin ist die DVD mit einem sechsseitigen, mehrfarbigen Booklet ausgestattet. Die darin vermittelten Informationen sind allerdings äußerst dürftig. Eine Sache die bei den Extras leider völlig fehlt ist ein Überblick über die Reaktionen die der Film, besonders in der Medienlandschaft, ausgelöst hat, wie er aufgenommen wurde und wie über ihn reflektiert worden ist.

Fazit:
"Winterkinder" versteht es auf eine sehr intime Art den Zuschauer für die Problematik des Nationalsozialismus zu sensibilisieren. Auch wenn es sich um eine sehr persönliche Geschichte handelt ist die dargestellte Konstellation kein Einzelfall. Der Film durchbricht das Schweigen der Generationen und ermöglich es die Geschehnisse und deren Verarbeitung aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 0 - ohne Altersbeschrae~nkung
1,85:1
1,85:1
95:30 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial:
  • Trailer
  • Interview mit Regisseur Jens Schanze
  • Geschnittene Szenen
  • Booklet
Winterkinder - Die schweigende Generation - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Winterkinder - Die schweigende Generation
Winterkinder - Die schweigende Generation

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Eine sehr persönliche Aufarbeitung einer Familiengeschichte im Dritten Reich


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 2005
Regie:
Jens Schanze
Drehbuch:
Jens Schanze
Darsteller:
Familie Schanze

Label Deutschland :
Sunfilm Entertainment
Verkaufsstart Deutschland :
21.07.2006