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DVD-Besprechung - Das Süße Jenseits (Arthaus Collection)

Story:
Ein schwerer Schulbusunfall mit zahlreichen toten Kindern bringt den Alltag einer verschlafenen Kleinstadt vollkommen durcheinander und versetzt sie in einen Schockzustand. Kurz darauf taucht ein Anwalt (Ian Holm) in dem Städtchen auf und will die Hinterbliebenen für eine Sammelklage gewinnen. Er verspricht ihrem Zorn eine Richtung zu geben und Verantwortliche für das schwere Unglück zu finden. Er selbst hat ebenfalls seine Tochter verloren, allerdings an die Drogen, und daraus speist sich sein unstillbarer Zorn. Nicht alle Betroffenen sind aber von dieser Idee begeistert, und möchten die Geschehnisse lieber auf ihre Art verarbeiten. Für andere Eltern tritt jedoch Gier an die Stelle der Trauer.

Meinung zum Film:
Die gleichnamige Romanvorlage zum Film aus dem Jahr 1991 stammt von dem amerikanischen Schriftsteller Russell Banks. Regisseur Atom Egoyan ("Wahre Lügen"), der auch das Drehbuch schrieb, ist kanadisch-armenischer Herkunft und einer der renommiertesten Regisseure Kanadas. Für Kontroversen sorgte sein 2002 in Cannes erstmals gezeigter Film "Ararat", der den durch die Türkische Regierung angeordneten Völkermord an über einer Million Armeniern thematisiert. "Das Süße Jenseits" wurde 1998 für zwei Oscars nominiert, für die beste Regie und zudem für das beste adaptierte Drehbuch. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1997 gewann der Film den Großen Preis der Jury, den Preis der internationalen Filmkritiker- und Filmjournalistenvereinigung "FIPRESCI", den Preis der ökonomischen Jury, und war außerdem für die Goldene Palme nominiert. Der Film findet sich auch im Filmkanon der Bundeszentrale für Politische Bildung, der im Juli 2003 festgelegt wurde, und als repräsentative Basis der Auseinandersetzung mit dem Medium Film in den Schulen dienen soll. "Das Süße Jenseits" ist eine deutsche DVD-Premiere innerhalb der "Arthaus Collection" und war bisher nur auf Video erhältlich.

"Das Süße Jenseits" lehnt sich mehr oder weniger frei an Motive der literarischen Vorlage des Rattenfängers von Hameln an. Das einzige überlebende Kind, Nicole (Sarah Polley), fungiert in einigen Szenen als Erzählerin, und zitiert dort Passagen aus "Der Rattenfänger von Hameln". Formal spielt sich der Film auf mehreren Zeitebenen ab, die zu Beginn für den Zuschauer noch recht schwer einzuordnen sind. Der Zuschauer folgt den Bemühungen des Anwalts Mitchell um eine Sammelklage nach dem Unfall, gleichzeitig werden aber auch die Ereignisse vom Start des Busses bis zum Unglück, aufbereitet. Zudem gibt es Rückblenden in Mitchells eigene Vergangenheit, in denen seine Tochter Zoe eine entscheidende Rolle einnimmt, und eine letzte Zeitebene, die sich während Mitchells Abreise aus der Stadt in einem Flugzeug abspielt. Mitchell kann in dem Film mit dem Rattenfänger der Vorlage gleichgesetzt werden. Er kommt in die kleine Stadt und verspricht ihnen die Plage, die sie quält, zu beseitigen. Nur sind es in diesem Fall keine Ratten, sondern es handelt sich um die Trauer über den Tod ihrer Kinder und den Zorn über ihr schlimmes Schicksal. Und wie am Ende der Vorlage sind hier bereits zu Beginn des Films alle Kinder bis auf eines verschwunden. Mitchell verspricht jedoch gegen entsprechende Entlohnung, nämlich ein Drittel der Schadensersatzsumme im Erfolgsfall, dem Zorn der Angehörigen eine Richtung zu geben, sowie anderen Kindern in der Zukunft dadurch ein ähnliches Schicksal ersparen zu können. Außerdem stellt er den Angehörigen die Auffindung eines Schuldigen in Aussicht, der für das Unglück zur Verantwortung gezogen werden kann. Während seiner Tätigkeit entzweit er die Gemeinde jedoch immer stärker, denn während die einen von materieller Gier erfasst werden, wollen andere nicht nochmal das ganze Elend und Leid vor Gericht durchleben müssen.

In dieses Spannungsfeld aus Trauer, Schuld und Sühne passt sich die Figur des Anwalts perfekt ein, der den Verlust seiner Tochter nie verwunden hat und von Zorn und Unrast vorangetrieben wird. Die Schuld für das Schicksal seiner Tochter, die er bei sich nie finden konnte, sucht er nun bei anderen und will zudem seinem Zorn und seiner Verzweiflung ein Ventil bieten. Doch auch die heile Fassade der gottgefälligen Kleinstadt zerbröckelt im Lauf des Films u.a. finden sich Beispiele von Inzucht, sowie Ehebruch. Am Ende verdrängt bei einigen auch die Gier nach einer finanziellen Entschädigung die Trauer über das Schicksal der Kinder und pervertiert noch ihren sinnlosen Tod.

Digitale Aufarbeitung:
Das Bild von "Das Süße Jenseits" ist insgesamt zu weich ausgefallen und die Schärfe ist nur durchschnittlich, den Film begleitet zudem ein stetiges Rauschen. Die Tonspuren hingegen überzeugen beide mit guter Verständlichkeit.

Im DVD-ROM-Bereich befindet sich die Originalausgabe von "Der Rattenfänger von Hameln", aus dem Jahr 1899, im PDF-Format. Weitere Extras gibt es nicht.

Fazit:
"Das Süße Jenseits" ist ein düsterer Film über die Verarbeitung von Wut und Trauer, aber auch über die Gier der Menschen und den Umgang mit Schuld und Verantwortung. Mit eindrucksvoller Bildsprache, hervorragenden Darstellern und einer tiefgründigen Erzählung auf mehreren Ebenen gelang Atom Egoyan ein bedrückendes Drama, das bis zum letzten Akt zu fesseln weiß. Die DVD-Premiere verläuft technisch eher durchschnittlich und beinahe ohne Bonusmaterial.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,85:1
1,85:1
107:45 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Englisch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Untertitel:
Deutsch
Bonusmaterial:
  • 16-seitiges Booklet
  • Originalausgabe von "Der Rattenfänger von Hameln" (1899) (DVD-ROM)
Das Süße Jenseits (Arthaus Collection) - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Das Süße Jenseits
The Sweet Hereafter

Dieser Film wurde mit dem Splash-Hit ausgezeichnet


Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Tiefgründiges und eindrucksvolles Drama über menschliche Abgründe und Menschen am Abgrund


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Kanada, 1997
Regie:
Atom Egoyan
Drehbuch:
Atom Egoyan (basierend auf einem Roman von Russell Banks)
Darsteller:
Ian Holm, Caerthan Banks, Sarah Polley, Tom McCamus, Gabrielle Rose, Alberta Watson

Label Deutschland :
Arthaus
Verkaufsstart Deutschland :
12.10.2007