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DVD-Besprechung - Takva - Gottesfurcht

Story:
Muharrem lebt in Demut und Gottesfurcht, der strenggläubige Moslem richtet sein Leben nach den Regeln eines erzkonservativen Ordens in Istanbul aus. Wegen seines gutherzigen Charakters vertraut ihm das Oberhaupt des Ordens die "weltlichen Geschäfte" an. Auf seinen Touren durch die Stadt wird Muharrem mit der modernen westlichen Welt konfrontiert. Sexuelle Fantasien, Macht und Besitztum konkurrieren mit den geistigen Werten seines bisherigen Lebens ... 

Meinung zum Film:
Muharrem ist ein einfacher Mann. Wohl etwa in seinen Vierzigern, unverheiratet, nicht allzu intelligent aussehend und in einer bescheidenen Wohnung in Istanbul lebend. Beruflich arbeitet er in einem Laden, der Säcke verkauft, und wenn er seinem Chef nicht gerade Tee bringen muss, ist er den lieben langen Tag damit beschäftigt, Säcke zu wiegen und zusammenzubinden. Doch Muharrem kommt es nicht auf das Weltliche an. Vielmehr ist für ihn wichtig, Allahs Willen zu erfüllen, sein irdisches Dasein stellt dafür nur Mittel zum Zweck dar. So ist es für ihn natürlich auch eine Ehre, als ihn der Anführer seines konservativen Derwischordens (weil dieser jemanden braucht, der "ein gutes Herz", aber keinen allzu "wachen Geist" hat ...) zum Verwalter bestimmt. Er zögert zwar zunächst im Angesicht der großen Verantwortung, doch nach einiger Zeit lässt er sich darauf ein und dazu überreden, ins Kloster zu ziehen.

Von nun an ist Muharrem nicht nur besser gekleidet (schließlich soll er den ehrwürdigen Orden repräsentieren), sondern auch halbtags damit beschäftigt, Reparaturen zu organisieren und Mieten einzutreiben. Eine etwas erweiterte Form eines Hausmeisters, wenn man so will. Doch das Herumkommen in der "großen weiten Welt" der Stadt Istanbul hat seine Folgen. Immer mehr sieht sich Muharrem mit westlichen Einflüssen konfrontiert, sexuelle Fantasien und die Gier nach Macht und Reichtum dringen tiefer und tiefer in sein Leben. Letztlich muss sich Muharrem entscheiden, was ihm selbst am wichtigsten ist, wodurch er vor einen großen inneren Konflikt gestellt wird.

"Takva" ist eine deutsch-türkische Koproduktion, die ein Problem aufgreift, vor dem viele Muslime in der heutigen Zeit stehen: das Aufeinandertreffen von alten, geistlich betonten Vorstellungen und der modernen Welt, die immer mehr bei ihnen Einzug hält. In der indischen Kultur ist dies sehr ähnlich. Eigentlich ein ganz simples Prinzip, doch der von Fatih Akin ("Gegen die Wand") produzierte Film leidet an seiner Verworrenheit. Während die erste Hälfte primär ein überdetailliertes Porträt Muharrems zeichnet, der von Schauspieler Erkan Can sehr glaubwürdig dargestellt wird, ist die zweite Hälfte hektisch, fast schon nervig. Neonfarben und verstörende Musik prägen diesen Teil des Films, der dadurch nicht wirklich hinzugewinnt. Klar, hier soll natürlich der Aufprall auf den Trubel der Moderne gezeigt werden, doch etwas weniger banal hätte es schon sein dürfen. Als letztliche Message lässt sich lediglich erkennen, dass es beim Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne zu Problemen kommt. Wer hätte das gedacht? Dieses - gerade in der heutigen Zeit - interessante Thema hätte deutlich hintergründiger und tiefsinniger aufgebaut werden können. So bleibt am Ende ein Film, der zwar durch seinen Hauptdarsteller zu gefallen weiß, aber an seiner Inszenierung etwas schwächelt. 

Digitale Aufarbeitung:
Beim Mastering von "Takva" ist entweder etwas schief gelaufen oder man konnte auf kein hochwertiges Ausgangsmaterial zurückgreifen. Der Bildstand ist etwas unruhig und bei schrägen Kanten lässt sich deutliche Treppchenbildung wahrnehmen. Auch die Schärfe könnte ein ganzes Stück besser sein. Rauschen fällt nicht zu stark auf, die Kompression hingegen umso mehr. Der türkische Ton (der wahlweise deutsche oder englische Untertitel bietet) liegt in Stereo und Dolby Digital 5.1 vor, wobei sich die Räumlichkeit bei letzterer Fassung in Grenzen hält, denn dort verteilt sich lediglich die Musik etwas besser.

Als Boni gibt es ein Video-Interview mit Koproduzent Fatih Akin (22 Minuten), ein untertiteltes Audio-Interview in sechs Teilen mit Autor Önder Çakar (ca. 18 Minuten) sowie rund fünf Minuten an Outtakes. Am PC kann man zudem einen dreiseitigen Artikel zum Thema "Türkisches Kino" im PDF-Format lesen. Die Interviews sind interessant und bieten einiges an Hintergrundwissen. Auch die Outtakes wissen zu gefallen. Dennoch wäre ein echtes "Making Of" wünschenswert gewesen. 

Fazit:
"Takva" zeigt den in der muslimischen Kultur häufig anzutreffenden Konflikt zwischen Tradition und Moderne, wodurch sich die Basis für einen sehr interessanten Film ergibt. Doch leider ist die einzige Botschaft des Streifens, dass es eben diesen Konflikt gibt und es dadurch zu Problemen kommt. Das wirkt ein bisschen zu banal und oberflächlich. Auch der starke Hauptdarsteller kann nicht über die Schwächen der Inszenierung hinwegtäuschen, das Potenzial des Themas wurde einfach nicht ausgeschöpft. Die deutsche DVD von epix, die den Film in seiner türkischen Originalfassung mit optionalen deutschen Untertiteln zeigt, bietet technisch eher mittelmäßige Qualität, kann jedoch zumindest ganz interessantes Bonusmaterial aufweisen.  

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,85:1
1,85:1
96:01 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Türkisch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Türkisch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Deutsch, Englisch
Bonusmaterial:
  • Teaser & Trailer
  • Interview mit Fatih Akin
  • Interview mit Önder Cakar
  • Outtakes
  • Fotogalerie Berlinale
  • Artikel: Türkisches Kino
Takva - Gottesfurcht - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Takva - Gottesfurcht
Takva

Bild unseres Mitarbeiters Jano Rohleder
Ein Film mit großem Potenzial, das nicht ausgeschöpft wurde


Autor der Besprechung:
Jano Rohleder

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Türkei, Deutschland, 2006
Regie:
Özer Kiziltan
Drehbuch:
Önder Çakar
Darsteller:
Erkan Can, Güven Kiraç, Meray Ülgen, Öznur Kula, Erman Saban

Label Deutschland :
Epix
Verkaufsstart Deutschland :
18.09.2008