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DVD-Besprechung - Der Baader-Meinhof-Komplex

Story:
Deutschland, Ende der 60er. Die USA führen Krieg in Vietnam, die politische Elite der jungen Demokratie BRD unterstützt den Bündnispartner kritiklos, die Studentenrevolte tobt, der Staat zeigt Härte, die Situation eskaliert zusehends. In diesem Klima greifen viele der Unzufriedenen - Kinder der Nazi-Generation, die nicht wie ihre Eltern billigend zuschauen wollen - zu zunehmend härteren Maßnahmen, die für einige bald auch tödliche Gewalt einschließen: die RAF wird geboren.

Meinung zum Film:
Nie habe er das Auftreten der RAF nachvollziehen können, so Bernd Eichinger ("Der Untergang", "Nirgendwo in Afrika"), Autor und Produzent. Folgerichtig verzichtet "Der Baader Meinhof Komplex" konsequent auf die ethische Bewertung des Gezeigten. Er erzählt, ohne zu richten; wirft Fragen auf, ohne sie zu beantworten. Basierend auf dem gleichnamigen Standardwerk Stefan Austs von 1985 protokolliert der Film die Entstehung und Entwicklung der frühen RAF. Gezeigt werden dabei u.a. die Proteste beim Besuch des Persischen Schahs in Berlin mit dem Tod Benno Ohnesorgs, der Frankfurter Kaufhausbrand, das Attentat auf Rudi Dutschke, die militärische Ausbildung in einem Lager der Fatah in Jordanien, die Besetzung der Deutschen Botschaft in Stockholm sowie die Ereignisse des sog. Deutschen Herbstes 1977.

Inhaltlich ist größtmögliche Authentizität oberstes Gebot. Die Darstellung der Schießereien folgt den Polizeiberichten, sogar die Anzahl der verschossenen Kugeln wurde abgezählt. Die Dialoge basieren in weiten Teilen auf Originaltexten und überlieferten Inhalten. Lediglich der damals übliche Politik-Jargon wurde stark reduziert, der Überzeugung des Autors folgend, dass sich Menschen letztendlich nicht über ihre Worte, sondern ihre Taten definieren. Der Großteil des Publikums wird sich dieser Sicht des Autors dankend anschließen. Auch die herkömmlichen Regeln der Dramaturgie werden der Realitätsnähe untergeordnet. Im Rahmen der von Eichinger als "Fetzendramaturgie" bezeichneten Herangehensweise gibt es keine eigentliche Hauptfigur, viele Personen tauchen nur kurzzeitig auf und verschwinden dann wieder, oft bleiben sie dabei namenlos. Die Entwicklung der Handlung ist nicht immer leicht nachzuvollziehen, letztendlich bleibt es dem Zuschauer selbst überlassen, die zahlreichen Puzzlestücke zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Ohne zumindest grundlegende Vorkenntnisse zur Thematik dürfte man damit schnell überfordert sein. Die Form erweist sich ebenfalls schnell als unkonventionell und verstärkt damit gekonnt den quasidokumentarischen Eindruck. Regisseur Uli Edel ("Letzte Ausfahrt Brooklyn") verzichtet auf die künstliche Ausleuchtung von Innenräumen, die Kameraführung ist wenig spektakulär, gefilmt wurde aus der Hand und an zahlreichen Originalschauplätzen, so z.B. im Gerichtssaal von Stuttgart Stammheim.

Zusammen mit der Wucht der Ereignisse, die trotz einer Filmlänge von 150 Minuten kaum Raum zum Reflektieren des Gezeigten lässt, wird der Zuschauer dadurch förmlich mitgerissen. Schnell ertappt man sich beim Mitfiebern, die historische Distanz zum Geschehen wird nahezu aufgelöst. Die Darsteller werden der Vielschichtigkeit ihrer Rollen gerecht, allen voran Moritz Bleibtreu ("Das Experiment", "Lola rennt") als der anfangs durchaus charismatisch auftretende Andreas Baader und Johanna Wokalek ("Hierankl") als Pfarrerstochter Gudrun Ensslin. Besonders einprägsam gestaltet sich jedoch Martina Gedecks ("Das Leben der Anderen") Darstellung der innerlich zutiefst zerissenen Ulrike Meinhof. Auch die, größtenteils namhafte, Besetzung der zahlreichen weiteren Rollen überzeugt.

Digitale Aufarbeitung:
Das Bild ist gut gelungen. Die Farben wirken zwar kraftlos und ein wenig blass, was allerdings ein sehr gutes Nostalgie-Gefühl erzeugt, das sehr gut zur Stimmung des Films beiträgt. Der deutsche Ton in dts ist sehr gut auf die einzelnen Lautsprecher verteilt, ohne dabei jedoch aufdringlich zu wirken. Selbst in eher ruhigen Szenen schafft es die Soundkulisse immer wieder einen passenden räumlichen Klang zu erzeugen.

Als Extras gibt es auf der ersten DVD neben einem kurzen Blick hinter die Kulissen und den von Constantin Film gewohnt knappen Darstellerinformation noch einen Audiokommentar mit Uli Edel, der mit einigen filmischen und historischen Fakten aufwarten kann. Die Bonus-DVD der Premium Edition ist auf jeden Fall den höheren Preis gegenüber der Standard Edition wert. Vor allem das sehr ausführlich Interview mit Stefan Aust, der von 1994 bis 2008 Chefredakteur beim „Spiegel“ war, bietet einige persönliche Einblicke in die Geschichte der RAF. Aust beschäftigte sich lange Zeit mit dem Thema, war bekannt mit Ulrike Meinhof, sogar maßgeblich beteiligt an der Rettung der Meinhof-Töchter aus Sizilien und schrieb das Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“, das als Grundlage für den Film diente. Weitere Infos liefert auch Produzent Bernd Eichinger in verschiedenen Interviews, unter anderem über die Dramaturgie, die Authentizität und der Wichtigkeit, das Thema möglichst neutral und aus verschiedenen Sichtweisen zu präsentieren. Regisseur Uli Edel, die Darsteller und die Künstler hinter den Kameras liefern ebenfalls weitere Informationen zu den einzelnen Punkten. Während der Regisseur und seine Arbeitsweise in einem eigenen Beitrag portraitiert werden, erzählen die Darsteller in einem anderen Beitrag über ihre Herangehensweise an ihre Rolle. Abschließend gibt es auch noch einen Bericht über die Musik. (MT)

Fazit:
Keinen "Baader Meinhof Simplex" habe er drehen wollen, so Eichinger. All jene, die sich mit dem Verzicht auf wertende Urteile und der dicht, manchem sicher zu dicht, gepackten Handlung anfreunden können, belohnt "Der Baader Meinhof Komplex" mit einem Meisterstück des historischen Kinos, das diesem hohen Anspruch weitgehend gerecht wird. 

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,85:1
1,85:1
143:34 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Deutsch
DTS 5.1
DTS 5.1
Untertitel:
Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial:
  • Audiokommentar von Regisseur Uli Edel
  • Hörfilmfassung
  • Die Entstehung des Films
  • Über Uli Edel
  • Über Authentizität
  • Die Musik
  • Die Schauspieler und ihre Rollen
  • Stefan Aust über die RAF und ihre Zeit
  • Bernd Eichinger über die Annäherung an den Film und die 60er und 70er Jahre
  • Bernd Eichinger über die Dramaturgie des Films
  • Darstellerinfos
Der Baader-Meinhof-Komplex - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Der Baader-Meinhof-Komplex
Der Baader-Meinhof-Komplex

Bild unseres Mitarbeiters Angelika Tobisch
Packende Quasidokumentation der RAF bis zum Deutschen Herbst 1977


Autor der Besprechung:
Angelika Tobisch

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 2008
Regie:
Uli Edel
Drehbuch:
Bernd Eichinger, Uli Edel (nach dem Buch von Stefan Aust)
Darsteller:
Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Nadja Uhl, Jan Josef Liefers, Hannah Herzsprung, Heino Ferch, Stipe Erceg, Andreas Tobias

Label Deutschland :
Constantin Film
Verkaufsstart Deutschland :
12.03.2009

Vertrieb Schweiz :
Rainbow Home Entertainment AG
Verkaufsstart Schweiz :
12.03.2009