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DVD-Besprechung - Die Ratte (Neue limitierte Edition)

Story:
Sven (Thomas Kretschmann) ist ein kleiner Ganove, der gerade auf Bewährung draußen ist und von der Auslösung seines geliebten Porsche 356 träumt. Das Startkapital für diesen Plan ist eine gestohlene Rolex und ein Teil ihres Erlöses wird in Drogen reinvestiert. Nebenbei spielt Sven den großen Bruder für sein fünfzehnjähriges, familiäres Anhängsel Ricki (Marco Heinz), der gerne auch mal "auf Tour" gehen möchte. Aber das kleine Brüderchen hat es faustdick hinter den Ohren und steht Sven in seiner Kaltschnäuzigkeit nicht nach.

Meinung zum Film:
Klaus Lemke ("Arabische Nächte") gilt als einer der geradlinigsten deutschen Regisseure und besitzt eine besondere Vorliebe für das Kiezmilieu in Hamburg und die dort vorherrschende "Rockersprache". Obwohl er einige große, deutsche Schauspieler wie Iris Berben ("Brandstifter"), Cleo Kretschmer ("Idole") oder eben bei dem vorliegenden Film Thomas Kretschmann entdeckte, zieht es Lemke vor mit kleinen Budgets im fünfstelligen Bereich und vorwiegend Laiendarstellern, unabhängig von Filmfördergremien, sein Ding durchzuziehen, und das natürlich wenn möglich in Hamburg. Bei "Die Ratte" fungierte Lemke als Regisseur, Co-Autor und Produzent. Gleichzeitig ist der Film das Kinodebüt des ehemaligen DDR-Nationalkaderschwimmers Thomas Kretschmann ("Der Seewolf"), einem der aktuell auch international gefragtesten, deutschen Schauspieler. In kleineren Rollen agieren auch "Kiezgrößen" wie der Travestiekünstler Ernie Reinhardt alias Lilo Wanders ("Wa(h)re Liebe") oder Pop-Star Rocko Schamoni, auch bekannt als Mitglied des Telefonstreich-Trios "Studio Braun".

"Die Ratte" ist kein streng narrativ angelegter Film, sondern schildert viel mehr die Geschehnisse eines Tages auf der Reeperbahn, wobei dessen besonderes Milieu, die Sprache des Kiez und dessen extrovertierte Charaktere im Vordergrund stehen. Im Grunde existiert nur ein vages Handlungsgerüst, in das die vorkommenden Personen eingebaut werden, wodurch sowohl das Handlungsgerüst, als auch sie selbst Veränderungen durchlaufen. Thomas Kretschmann legt hier als "finsterer Ficker" (O-Ton Klaus Lemke) ein starkes Debüt hin und überzeugt mit Sonnenbrille, Glimmstengel, Gelfrisur nebst Koteletten sowie wallendem Mantel auch optisch als abgewichster Kleinganove. An seiner Seite agiert mit Marco Heinz ein Laie, der ihm hin und wieder in spitzbübischer Manier die Show stiehlt.

Was den Film vor allem auszeichnet, sind die authentisch wirkenden Charaktere mit Ecken und Kanten und die Inszenierung des Film in Form eines von einem enervierenden Soundtrack begleiteten mitreißenden Streifzugs kreuz und quer über die Reeperbahn, die als ungeschminkte Vermittlung des besonderen Lokalkolorits Marke "Kiez" bzw. Hamburg/St. Pauli voll überzeugen kann. In dieser "Halbwelt" treiben die Charaktere wie Strandgut durch eine rudimentäre Handlung und der Zuschauer wird unmittelbarer Teilhaber eines ungewöhnlichen Tagesablaufs, den normalerweise nur das Leben zu Schreiben im Stande ist.

Digitale Aufarbeitung:
Die Bildschärfe bewegt sich auf einem knapp überdurchschnittlichen Niveau, könnte im Detail aber besser ausfallen. Neben einem deutlichen Hintergrundrauschen fallen auch sporadische Verschmutzungen der Vorlage ins Auge. Die Kontrastwerte sind ziemlich ausgewogen und die Farbgebung wirkt angenehm natürlich. Die Tonspur bietet zu jeder Zeit eine gute Verständlichkeit ist aber größtenteils sehr frontlastig ausgefallen.

Die "Neue limitierte Edition" bietet leider lediglich das gleiche Bonusmaterial wie die DVD-Erstveröffentlichung des Films von epiX aus dem Jahr 2003. Den Anfang macht der Audiokommentar von Regisseur Klaus Lemke. Dieser hat zwar zweifelsohne einen gewissen Unterhaltungswert, da Lemke den Film ziemlich launig kommentiert, allerdings geht der Informationswert beinahe gegen Null. Immer wieder ist Lemke über den Fortgang seines eigenen Films erstaunt ("Was war das?"), den er offensichtlich selbst ewig nicht mehr gesehen hat. Er kommentiert zwar eher spärlich, amüsiert sich aber dafür umso öfter über die Filmcharaktere. Seiner Meinung nach sehr gelungene bedenkt er zudem regelmäßig mit seiner Lieblingsäußerung ("Geil!"). Auf die Dauer ist der Audiokommentar in seiner Einsilbigkeit und fehlenden Tiefe jedenfalls sehr ermüdend. Und das, obwohl ein Moderator anwesend ist, der sich aber leider kaum einmischt, um etwas aus dem Regisseur herauszukitzeln. Ein schlechter Scherz sind die kurzen Bio-/Filmographien einiger Mitwirkender in Form von Lauftexten, die scheinbar 1:1 von der alten Auflage übernommen wurden und somit der Gegenwart um Jahre hinterherhinken. Weiterhin gibt es noch den deutschen Filmtrailer, eine armselige "Presseschau" (3:24) als Füller, eine Bildergalerie mit Filmszenen, Werbematerial, etc. und eine Filmkritik von Stefan Ertl, die aber ohne Zoomfunktion unlesbar ist und als PDF wesentlich nutzbringender gewesen wäre. Die "Klaus-Lemke-Retrospektiven-Eröffnung-2003" (23:05), mit Nachfragen aus dem versammelten Fachpublikum, vermittelt zwar einen authentischen Eindruck des Filmemachers Klaus Lemke, hat aber keinerlei inhaltliche Berührungspunkte mit "Die Ratte", sondern kreist vielmehr um die Frühwerke "Rocker" und "Paul". Am informativsten ist noch das Interview mit dem Regisseur (11:22) ausgefallen, das aber viel zu kurz geraten ist. Zudem liegt es nur als Ton-Mitschnitt vor, bei dem wenig sinnige Stichwörter in Textform eingeblendet werden.

Fazit:
"Die Ratte" ist weder etwas für Liebhaber klassischer Filme mit dominanter, narrativer Struktur, noch für Arthausfreunde auf der Suche nach dem verdeckten Subtext. Der Filmgenuss entsteht erst aus dem authentischen Zusammenwirken der Charaktere heraus, lebt von spontanen Emotionsäußerungen und stellt auch eine filmische Liebeserklärung an Hamburg(Kiez/St. Pauli) und das dort vorherrschende Milieu/Lebensgefühl dar. Technisch geht die Qualität der DVD für einen rund 16 Jahre alten deutschen Film in Ordnung, das Bonusmaterial kann aber qualitativ und von den Auswahlkriterien her nicht wirklich überzeugen.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 16
1,66:1
1,66:1
81:06 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Keine Untertitel vorhanden.
Bonusmaterial:
  • Audiokommentar von Regisseur Klaus Lemke
  • Trailer
  • Darsteller- und Crewbiographien von Thomas Kretschmann, Lilo Wanders (Ernie Reinhardt), Myriam Zschage, Klaus Lemke und Frank Göhre
  • Interview mit Klaus Lemke
  • Klaus Lemke Retrospektiven Eröffnung 2003
  • Presseschau 
  • Bildergalerie und Pressematerialien
  • Filmkritik von Stefan Ertl aus "Gdinetmao - Abweichungen vom deutschen Film"
Die Ratte (Neue limitierte Edition) - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Die Ratte
Die Ratte

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Ein Tag auf der Reeperbahn mit viel Lokalkolorit, flotten Sprüchen und schrägen Charakteren


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 1993
Regie:
Klaus Lemke
Drehbuch:
Frank Göhre, Klaus Lemke
Darsteller:
Thomas Kretschmann, Marco Heinz, Andrea Heuer, Ernie Reinhardt, Myriam Zschage, Alberta Lojpur

Label Deutschland :
Epix
Verkaufsstart Deutschland :
20.02.2009