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DVD-Besprechung - lieben

Story:
Boris Brickenbach (Karsten Dahlem) ist nicht nur Fließbandarbeiter und freiwilliger Sozialhelfer in einer Fixerstube, sondern auch ein nekrophil veranlagter Serienkiller. Während er weitgehend unfähig ist, Mitmenschen gegenüber Zuneigung zu zeigen oder tiefergehende Emotionen zu demonstrieren, behandelt er seine getöteten Opfer regelrecht zärtlich, stillt an ihnen aber auch sein sexuelles Verlangen. Schließlich fühlt sich ausgerechnet die Mutter eines Opfers, Mariet Borsek (Stefanie Mühle), zu ihm hingezogen, was in eine verhinderte Romanze mündet, die unter der emotionalen Verkrüppelung beider Protagonisten leidet.

Meinung zum Film:
"lieben" war Rouven Blankenfelds Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien Köln, bei dem er als Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion fungierte. Film und Drehbuch entstanden innerhalb von sechs Monaten und das Werk wurde letztendlich mit lediglich 25000 Euro Budget realisiert. Aufgrund der sehr positiven Kritiken zu seinem Drama "In die Hand geschrieben", aus dem Jahr 2004, wurde das Projekt außerdem von der Filmstiftung NRW gefördert. Das bescheidene Budget wurde vor allem dadurch möglich, weil das gesamte, professionelle Filmteam auf eine Entlohnung verzichtete und außerdem Fuji das Filmmaterial kostenlos zur Verfügung stellte. Vor seiner DVD-Premiere war der Film aus dem Jahr 2006 lediglich beim internationalen Filmfestival in Hof zu sehen.

Die filmische Aufarbeitung des Themas Nekrophilie führte neben vielen eher amateurhaften, plakativen Horrorfilmen auch zu Jörg Buttgereits ("Schramm") vielbeachtetem, düster-herben Werk "Nekromantik" aus dem Jahr 1987, das irgendwo zwischen Kunst-, Horrorfilm und Drama anzusiedeln ist und auch eine Fortsetzung nach sich zog. "lieben" verpackt nun dieses Thema als Antrieb für einen Serientäter in eine zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte zwischen ihm und der Mutter eines seiner Opfer. Der Film funktioniert dabei gleichermaßen als Sozialdrama und als Portrait eines Serienkillers. In dieser Hinsicht erinnert "lieben" nicht von ungefähr auch an "Henry - Portrait of a Serial Killer" aus dem Jahr 1986, der auch als Inspirationsquelle diente. Der Film besitzt einen insgesamt sehr düsteren Anstrich und auch die wenig anheimelnden Filmlocations in Köln und Umgebung dürften höchstwahrscheinlich in keinem Reiseführer aufgeführt sein.

Handwerklich wirkt der Film sehr reif und ist durchgehend professionell besetzt. Herausragend ist aber vor allem Karsten Dahlem ("Die Versöhnung") als beinahe mitleidserregende Verkörperung eines verhaltensauffälligen Soziopathen mit krankhaftem Sexualtrieb. Aber auch hinsichtlich der Umsetzung seiner sexuellen Praktiken sowie der Entsorgung seiner Opfer gibt sich der Film zwar keinesfalls handzahm, die Altersfreigabe ist allerdings trotzdem völlig übertrieben, wirkt aber auch nie plakativ oder gewaltverherrlichend, für Freunde des gepflegten Splatters ist der Film daher völlig ungeeignet. Die Identität des Täters ist von Anfang an geklärt und auch die zurückliegende Sozialisation von Boris wird ausgespart. Im Mittelpunkt steht vielmehr der charakterliche Ist-Zustand des Killers und sein Alltagsverhalten. Er stellt somit vor allem eine Charakterstudie dar. Es handelt sich aber weder um die Rekonstruktion einer beispielhaften Sozialisation für abweichendes Verhalten noch um einen Thriller.

Digitale Aufarbeitung:
"lieben" wurde auf 16mm-Filmmaterial gedreht und sieht keineswegs aus wie ein billiger Amateurfilm, sondern macht durchgehend einen professionellen Eindruck. Die DVD bietet dementsprechend gute Schärfewerte, einen ausgewogenen Kontrast und natürliche Farben. Die Kompression leistet sich ebenfalls keine Schwächen. Ansonsten ist lediglich ein leichtes Hintergrundrauschen auszumachen, das aber nicht sonderlich störend wirkt. Der Ton ist insgesamt gut verständlich, störende Umgebungsgeräusche sind eher die Ausnahme.

Das Bonusmaterial zu diesem eher unbekannten Film ist äußerst hochwertig und umfangreich ausgefallen. Den Anfang bildet der Audiokommentar mit Jörg Buttgereit und Regisseur Rouven Blankenfeld, in dem sich beide sehr unterhaltsam, fundiert und ausführlich über den Film auslassen. Blankenfeld liefert dabei neben weiterführenden inhaltlichen Erläuterungen viele Details zu Aspekten wie den Produktionsbedingungen des Films, den verwendeten Locations oder filmischen Inspirationsquellen. Zudem befindet sich auch auf der DVD auch noch ein Interview (18:09) mit den gleichen Protagonisten, die sich hier beide zu verschiedenen Themen äußern dürfen. Die inhaltlichen Schwerpunkte umfassen dabei Fragen nach der Rolle des Todes und von Serienkillern im Film, einen Austausch über Horrorfilme im Hinblick auf die Frage "Was ist überhaupt Horror", Statements zur Bedeutung des Budgets für Filmemacher sowie Informationen zu ihren als nächstes geplanten Projekten. Im Bonusbereich der DVD findet sich auch Blankenfelds Kurzfilm "Tag der Umkehr" (14:25) aus dem Jahr 2001. Dabei handelt es sich um eine fiktive TV-Dokumentation über einen Gewalttäter, der meint mit Hilfe Gottes auf den rechten Weg zurückgefunden zu haben. Auch hier spielt Karsten Dahlem die Hauptrolle. Abgerundet wird das Bonusmaterial durch sechs unveröffentlichte Szenen (6:21) und einen Trailer zum Film.

Fazit:
"lieben" ist ein düsteres Sozialdrama mit authentisch wirkenden Charakteren, viel Tragik und einer zum Scheitern verurteilten Liebesgeschichte, das sehr professionell in Szene gesetzt wurde. Im Mittelpunkt steht der Alltag eines nekrophil veranlagten Serienkillers, der auch recht drastisch in Szene gesetzt wurde, jedoch ohne plakative Effektheischereien. Technisch kann die DVD voll überzeugend und bietet zudem sehr umfangreiches und interessantes Bonusmaterial.

Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 18
1,85:1
1,85:1
91:48 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 2.0
Dolby Digital 2.0
Untertitel:
Englisch
Bonusmaterial:
  • Audiokommentar mit Jörg Buttgereit und Rouven Blankenfeld
  • Interview mit Jörg Buttgereit und Rouven Blankenfeld
  • Kurzfilm "Tag der Umkehr" von Rouven Blankenfeld
  • Unveröffentlichte Szenen
  • Trailer
lieben - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
lieben
lieben

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Düsteres Portrait eines nekrophilen Serienkillers im Stil eines Sozialdramas


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
Deutschland, 2006
Regie:
Rouven Blankenfeld
Drehbuch:
Rouven Blankenfeld
Darsteller:
Karsten Dahlem, Stefanie Mühle, Arved Birnbaum, Judith Hoersen, Johanna Maria Praml, Judith Muschalla

Label Deutschland :
Epix
Verkaufsstart Deutschland :
22.05.2009