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DVD-Besprechung - Und Nietzsche weinte

Story:
Die junge Russin Lou Salomé (Katheryn Winnick) tritt mit einer ungewöhnlichen Bitte an den hoch geschätzten Wiener Arzt Josef Breuer (Ben Cross), der als Spezialist für Atemwegsbeschwerden und Störungen des Gleichgewichtssinnes gilt, heran. Er soll ohne das Wissen dieses Patienten, den bis dato unbekannten deutschen Philosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche (Armand Assante) behandeln, jedoch nicht nur hinsichtlich dessen physischer Erkrankungen, sondern auch im Hinblick auf seine angeblich dem Freitod zuneigende Psyche. Breuer sieht diese Konsultation als Chance zur Erprobung seiner experimentellen Gesprächstherapie. Deren waghalsiger Charakter führt jedoch schon bald zu einer Umkehrung des Rollenverhältnisses zwischen Arzt und Patient.

Meinung zum Film:
"Und Nietzsche weinte" beruht auf dem gleichnamigen Roman von Irvin D. Yalom aus dem Jahr 1992. Der Autor gehört zu den einflussreichsten Psychoanalytikern in den USA und gilt als gegenwärtig bedeutendster Vertreter der existentiellen Psychotherapie. Neben seiner Tätigkeit als Autor von psychologischen Fachbüchern wie "Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht" ist Yalom zudem Romanautor. In dem vorliegenden Film kommt es zu einem fiktiven Zusammentreffen zweier historischer Persönlichkeiten. Der große deutsche Philosoph und Dichter Friedrich Wilhelm Nietzsche begibt sich in die Behandlung des Wiener Arztes Josef Breuer, der gemeinsam mit Sigmund Freud als Erfinder der Psychoanalyse gilt. Dieser tritt ebenfalls als Protagonist in Erscheinung und stimmt mit Breuer die gemeinsame Vorgehensweise im Fall Nietzsche ab. Somit wird der Zuschauer in gewisser Weise Zeuge der Geburtsstunde der Psychoanalyse, auch wenn Nietzsche sich real niemals bei Josef Breuer in Behandlung befand. Die grundsätzlich fiktive Handlung entfaltet sich jedoch auf sehr authentisch wirkende Art und Weise, da sowohl die Biographien der Hauptfiguren, ihre wichtigsten Werke und als auch überlieferte Aufzeichungen mit in die Handlung einbezogen wurden. Pinchas Perry ("The Prince"), dessen Arbeiten bisher innerhalb des Filmgeschäfts ausschließlich negativ auffielen, firmierte bei dem vorliegenden Film, der kostengünstig in Bulgarien abgedreht wurde, als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion.

Die literarische Vorlage des Films lebt vor allem von ihren sehr tiefgründigen Dialogen. In deren Verlauf wird nicht nur die Methodik der Psychoanalyse, als Bewusstmachung des Verdrängten, dem Leser anschaulich nähergebracht, sondern es werden auch im Zwiegespräch zweier herausragender Kapazitäten weitreichende Fragen der Philosophie und der individuellen Lebensführung diskutiert. Dabei versteht es der Autor Irvin D. Yalom das theoretische Werk Nietzsches zur praktischen Anwendung zu bringen, indem Nietzsche schließlich im Verlauf der Therapie Josef Breuer, der selbst unter großer Verzweiflung seines Geistes leidet, als eine Art Schüler seiner Lehren akzeptiert. Wie der Alleinverantwortliche Pinchas Perry dieses faszinierende, literarische Gedankenexperiment für die große Leinwand adaptiert hat, spottet jedoch leider jeglicher Beschreibung. Natürlich kann ein 438-Seiten-Werk, das größtenteils aus Dialogen besteht, schwerlich in Gänze innerhalb von lediglich rund 100 Minuten Laufzeit verarbeitet werden. Der Film präsentiert die Handlung und den Therapieverlauf jedoch dermaßen bruchstückhaft und oberflächlich, dass sich nicht nur Kenner der Materie die Haare raufen werden. Offensichtlich hat Perry weder die literarische Vorlage, noch die Werke Friedrich Nietzsches, auch nur annähernd verstanden, was darin gipfelt, dass gerade die komplexen Gedankengänge Nietzsches einfach großflächig ausgeblendet werden. Die Dialoge zwischen Breuer und Nietzsche werden zwar teilweise wörtlich eingeflochten, allerdings so dermaßen verkürzt, das kein tieferer Sinn mehr transportiert werden kann.

Andererseits wird der Film aber erst richtig schlecht, wenn Perry sich literarische Freiheiten erlaubt und Teile der Handlung verändert. Beispielsweise verehrt Breuer im Buch seine Frau Mathilde, im Film tritt sie jedoch als gefühlskaltes Ekel in Erscheinung, dass ihren Ehemann stetig siezt. Problematisch ist in dieser Hinsicht auch die Besetzung der wichtigsten Charaktere und deren Darstellungsweise zu sehen. Lediglich Armand Assante ("Citizen Verdict") und Ben Cross ("Nürnberg - Die Prozesse") kann hier überhaupt so etwas wie Schauspielkunst attestiert werden, allerdings sind beide eher fehlbesetzt, und ihre Beziehung entbehrt jeglicher stimmigen Chemie. Dementsprechend kann dem Genie dieser historischen Kapazitäten keinerlei Leben eingehaucht werden. Das liegt vor allem auch an der völlig überzogenen Mimik und Gestik der Charaktere. Im Verbund mit den handwerklich erbärmlich umgesetzten Traumsequenzen voller unfreiwilliger Komik könnte beinahe der Eindruck entstehen, es würde sich um eine misslungene Slapstickadaption dieses ernsten Stoffes handeln. Besonders die Nebencharaktere agieren eher als menschliche Karikaturen, die dargebotene Schauspielkunst lässt sich mit dem Prädikat "peinlich" sehr treffend umschreiben. Atmosphärisch ist der Film ebenfalls ein absoluter Tiefschlag. Bei den Außenaufnahmen wurde gespart und was zu sehen ist, vermittelt keinerlei Eindruck von der Pracht Wiens gegen Ende des 19. Jahrhunderts, aber diese Stadt lag ja bekanntlich auch nicht in Bulgarien...

Digitale Aufarbeitung:
Die DVD bietet eine Bildqualität ohne Fehl und Tadel mit überzeugender Detailschärfe, ausgewogenen Kontrastwerten sowie einer kräftigen, natürlich wirkenden Farbgebung. Beide Tonspuren dieses eher ruhig angelegten Films überzeugen mit guter Verständlichkeit. Allerdings sammelt die deutsche Synchronisation einige Minuspunkte. Die Dialoge wirken sehr einstudiert und künstlich, zudem wurde für einige Nebencharaktere offensichtlich das Reinigungspersonal des Tonstudios bemüht.

Die DVD muß ohne Wendecover auskommen und wird von einem großen FSK-Flatschen verunziert. Das Bonusmaterial ist absolut enttäuschend ausgefallen und besteht lediglich aus den beiden inhaltlich identischen, deutschen und englischen Originaltrailern sowie einer Bildergalerie zum Film.

Fazit:
"Und Nietzsche weinte" ist eine vollkommen missglückte Literaturverfilmung, bei der eigentlich überhaupt nichts richtig gemacht wurde. Armand Assante wirkt in der Hauptrolle als übertrieben bleicher, rotäugiger, jedoch körperlich viel zu kräftiger Nietzsche eher wie eine Comicfigur, Ben Cross agiert meist steif wie ein Brett, und die Leistungen der Nebendarsteller, durch die Discount-Synchronisation noch weiter "veredelt", spotten jeder Beschreibung. Bei der Annäherung an die literarische Vorlage bleibt jeglicher tiefere Sinn aufgrund der verkürzten Darstellung völlig auf der Strecke, bezüglich der literarischen Freiheiten wirkt das Ergebnis hingegen wie ein Meisterwerk der unfreiwilligen Komik


Technische Daten:
FSK-Freigabe: Bildformat: Laufzeit:
FSK 12
1,85:1
1,85:1
100:16 Minuten
Sprachen / Tonformate:
Deutsch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Englisch
Dolby Digital 5.1
Dolby Digital 5.1
Untertitel:
Keine Untertitel vorhanden.
Bonusmaterial:
  • Deutscher Originaltrailer
  • Englischer Originaltrailer
  • Bildergalerie
Und Nietzsche weinte - Hier klicken für die große Abbildung zur Rezension
Und Nietzsche weinte
When Nietzsche Wept

Bild unseres Mitarbeiters Lennart Reimherr
Die katastrophale Verfilmung eines faszinierenden Romans


Autor der Besprechung:
Lennart Reimherr

Filmdaten:
Produktionsland,-jahr:
USA, 2007
Regie:
Pinchas Perry
Drehbuch:
Pinchas Perry (basierend auf einem Roman von Irvin D. Yalom)
Darsteller:
Armand Assante, Andreas Beckett, Ben Cross, Jamie Elman, Ayana Haviv, Katheryn Winnick

Label Deutschland :
3L
Verkaufsstart Deutschland :
18.06.2009