Am 1. Februar 1998 erschien "Hallo! Hier spricht Edgar Wallace" in seiner Erstauflage und stellte das Erstlingswerk des im positiven Sinne Edgar-Wallace-Verrückten Joachim Kramp dar. Der heutige Verleihchef der Saarfilm Theaterbetriebe GmbH erfüllte sich mit seinem Standardwerk einen Traum und sorgte dafür, dass die durch Zeitzeugen berichteten Fakten zu einem stimmigen und fehlerfreien Gesamtbild über die Edgar-Wallace-Verfilmungen für die Nachwelt festgehalten wurden. Dass der Autor dabei selbst nicht gleich auf Anhieb alles korrekt wiedergegeben hatte, ist für ihn kein Problem zuzugeben. In der mittlerweile vorliegenden 3. Auflage seines Buches gibt es gegenüber der Erstauflage neben korrigierten Falschangaben zu fast jeden Film weitere Informationen. Des Weiteren finden sich hier über 300 neue Bilder, zu jedem Constantin/Rialto-Farbfilm zusätzliche Farbbilder, die nun auch zu einigen Epigonen vorhanden sind. Der Epigonenteil wurde zusätzlich wesentlich erweitert, unter anderem gibt es zu 34 Epigonenfilmen zusätzliche Inhaltsangaben und Credits.
Nach zwei Vorworten, einem, in dem der Autor über seine Beweggründe zur Überarbeitung seines Buches berichtet und einem, in dem Gerhard F. Hummel, der eigentliche Initiator und Vater der Edgar-Wallace-Serie, seine Sicht über die zusammengetragenen Informationen zum Besten gibt, geht es chronologisch mit der Edgar-Wallace-Historie los. Zu Beginn bekommt der Leser einen Überblick über die voller Veränderungen steckende Geschichte der Constantin, die sich für die Wallace-Krimis verantwortlich zeigte und über die Rialto-Film Preben Philipsen den ersten Wallace-Film produzieren ließ. Es folgt eine Übersicht über das Leben des britischen Autors, seine Beweggründe beim Schreiben seiner Geschichten und den Erfolgsweg, den er mit seinen Büchern beschritt. Als nächstes folgt der Prolog, der die vier Phasen in der Produktion der Wallace-Film skizziert und eine kurze Einschätzung über ihre Bedeutung innerhalb der Kinoreihe wagt.
Doch all dies ist nicht mehr als nur ein kleiner Appetithappen im Vergleich zu dem, was über die Filme selbst berichtet wird. In einer sehr ausführlichen Weise wird chronologisch die Entstehung jedes einzelnen Edgar-Wallace-Abenteuers aufgezeigt und eine ausführliche Auflistung von Cast, Crew und technischen Details gegeben. Mit einer Mischung aus ausführlichen Inhaltsbeschreibungen, einer Vielzahl an Fakten, kleinen Anekdoten, Hintergründen zu den Künstlern und vor allem den Unwegbarkeiten beim Dreh und dem Weg, bis dieser überhaupt beginnen konnte, werden hierbei zahlreiche Informationen vermittelt, die das Herz eines jeden Edgar-Wallace-Freundes höher schlagen lassen. Aufgelockert werden die Textbeiträge durch eine Vielzahl an Illustrationen, die sich aus alten Filmplakaten, Aushangfotos, Werberatschlägen, Aufnahmen vom Set und sonstigen zeitgenössischen Aufnahmen zusammensetzen. In der Mitte des Buches gibt es zusätzlichen einen großen Galerieteil, in dem zahlreiche Farbmotive mit Postermotiven und Aushangfotos präsentiert werden.
Wenn mit "Das Rätsel des silbernen Halbmondes" der letzte Film der offiziellen Edgar-Wallace-Reihe aufgearbeitet ist, ist aber noch lange nicht die letzte Seite umgeblättert. Als 33. Film wird "Der Rächer" vorgestellt, der nicht von der Constantin produziert wurde. Mit "Der Fluch der gelben Schlange", "Das Rätsel des silbernen Dreiecks", "Der Teufel kam aus Akasava", "Todestrommeln am großen Fluss", "Sanders und das Schiff des Todes", "Die Pagode zum fünften Schrecken" und "Die Schokoladenschnüffler" werden 8 weitere Filme ausführlicher vorgestellt, die alle mehr oder weniger im Fahrwasser der großen Wallace-Kinoreihe in die Lichtspielhäuser kamen. In einem Epilog schließt der Autor nach 40 Filmvorstellungen die Präsentation seiner offiziellen Wallace-Filme ab und liefert eine Begründung, warum es 8 außerhalb der Constantin produzierten Titel in die ausführliche Besprechung schafften, andere aber wiederum nicht. Anschließend gibt es noch eine kurze Auflistung von Wallace-Titeln, die für das Fernsehen produziert wurden und die abschließende Einsicht, dass manche Dinge besser ruhen und nicht halbgar aufgewärmt werden sollten.
Was nach dem Epilog folgt ist ein recht ausführlicher Blick auf die Epigone, die vor allem durch Arthur Brauner und seine CCC-Film in die Kinos gebracht wurden. Hierzu gehören vor allem die Dr.-Mabuse-Filme, die es auf insgesamt 6 Filme brachten und ein großer Konkurrent für die Wallace-Filme in der Gunst des Publikums waren. Zusammen mit dem ältesten Sohn von Edgar Wallace, Bryan Edgar Wallace schloss Atze Brauner einen Vertrag, der es ihm erlaubte, dessen Namen für beliebige Krimiproduktionen zu verwenden. Dies führte zu einer Reihe an Produktionen, die ebenfalls als ernstzunehmender Konkurrent für die Rialto-Serie ins Rennen um die Gunst und das Geld des Publikums gingen. Den Abschluss des Buches bildet eine ausführliche Abhandlung darüber, wieso die Werke von Edgar Wallace sich solch großer Beliebtheit erfreuten und auch heute noch erfreuen und wie sie über Generationen hinweg solche große Beachtung fanden. Geschrieben wurde dieser letzte Beitrag im Buch allerdings nicht von Joachim Kramp, sondern vom Theaterwissenschaftler, Journalisten und Buchautoren Hans-Dieter Schütt.
Wenn es einen Kritikpunkt an dem Buch gibt, dann sicherlich den, dass über die italienischen Co-Produktionen "Das Gesicht im Dunkeln", "Das Geheimnis der grünen Stecknadeln" und "Das Rätsel des silbernen Halbmondes" ein wenig einseitig, da zu sehr aus der deutschen Sichtweise betrachtet berichtet wird. Rein aus dem deutschen Tunnelblick betrachtet, mögen die Aussagen über die 3 italienischen Wallace-Filme der 4. Phase sicherlich korrekt sein. Es flossen deutsche Produktionsgelder und es wurde das Ziel verfolgt, neuen Schwung in die für die Produzenten angestaubt wirkende Serie zu bringen. Aber auch wenn es schon von Beginn an so war, dass in Deutschland gedrehte Filme mit englischen Flair entstanden, waren diese doch mit ganzer Kraft auf das englische Ambiente ausgelegt, was bei den italienischen Filmen zu keiner Sekunde der Fall war. Mit ein wenig mehr objektiver und neutraler Filmsicht bleiben die italienischen Filme waschechte Gialli, die zwanghaft und mit dem groben Holzhammer auf Wallace getrimmt werden sollten, was allerdings vollends misslang. Unverständlich ist auch, warum "Vier Fliegen auf grauem Samt" in der Auflistung der Epigonen auftaucht, da dieser weder deutsche Produktionsgelder erhielt, noch in Deutschland als Bryan-Edgar-Wallace-Titel vermarktet wurde. Arthur Brauner mag vielleicht mal dran gedacht haben, den Film mitzuproduzieren, doch wie unter anderem auch bei "Blutspur im Park" ist es bei dem bloßen Gedanken geblieben. Dario Argento selbst dürfte sich bei seinem dritten Spielfilm kaum an den Edgar-Wallace-Filmen orientiert haben, da er der Zögling Mario Bavas ist, welcher den Grundstein für den Giallo legte. Dies ist zwar ähnlich wie die Wallace-Filme aufgebaut, unterscheidet sich im Stil aber doch deutlich davon.
Aber die nicht ganz erklärte Vermischung von Edgar-Wallace-Filmen und dem Giallo sind nicht mehr als eine kleine Unschönheit, die den großartigen und einzigartigen Charakter des Buches keinesfalls schmälern kann. Der Kaufpreis von 29,90 € mag auf den ersten Blick vielleicht etwas hoch erscheinen, doch spätestens wenn man den dicken Wälzer in den Händen hält und die Anzahl an vorhandenen Hochglanzseiten sieht, wird klar, dass der Preis in diesem Falle durchaus angebracht ist, da der Leser ohne jeden Zweifel einen entsprechenden Gegenwert für sein Geld erhält.
Fazit:
"Hallo! Hier spricht Edgar Wallace" gilt zu Recht als Standardwerk für den Freund der Edgar-Wallace-Filme. Akribisch recherchiert, unterhaltsam und leicht verständlich aufbereitet zeigt das Buch in beispielhafter Weise, wie die Geschichte eines großen Unterhaltungswerkes auf ansprechende Weise präsentiert werden kann. Eine etwas unkritische und einseitige Betrachtung bei der Vermischung von Wallace-Stoffen und dem Giallo können dabei problemlos verziehen werden. Wer Interesse an den Filmen des britischen Autors hat, kommt an der Anschaffung des Buches im Grunde nicht vorbei. Aber selbst wer "nur" den deutschen Krimi im Allgemeinen mag, wird die Anschaffung sicherlich ebenfalls nicht bereuen.
Autor der Besprechung: Michael Tomiak