DAS NEUE SCHWARZ IST PINK
Bei seiner Rückkehr nach Hogwarts wird Harry von allen schief angesehen, und ein Wortspiel in der Schlagzeile des Tagespropheten macht aus Harrys Nachnamen Potter „Plotter“, den „Intriganten“, man unterstellt ihm ganz offen, dass er in Bezug auf Lord Voldemorts Rückkehr gelogen hat. Harry fühlt sich geächtet und ausgeschlossen – sogar Rons und Hermines Hilfsangebote schlägt er aus. Er ist inzwischen überzeugt, dass niemand versteht, was er durchmacht – auch seine engsten Freunde nicht.
Daniel Radcliffe vermutet: „Er spielt sich ein wenig wie ein Märtyrer auf, aber ich finde, dass er gerade dadurch so sympathisch wirkt – weil er nicht vollkommen ist. Er hat durchaus Schwächen – gerade dadurch wirkt er so unglaublich menschlich. Er ist durch und durch aufrichtig, findet aber oft keinen Ausweg aus seinen Selbstzweifeln, und darin erkennen sich die meisten Leser und Zuschauer wieder.“
Dazu Yates: „Harry macht eine interessante Phase durch, denn er fühlt sich durch den Artikel im Tagespropheten verleumdet – die Leute glauben nämlich, was sie in der Zeitung des Zaubereiministeriums lesen. Als er also nach Hogwarts zurückkehrt, fühlt er sich nicht mehr so behütet und sicher wie bisher. Er kommt sich wie ein Außenseiter vor. Er muss bewusst die Entscheidung treffen, ob er diesem Bild entsprechen will, oder ob er weiterhin die Freundschaften pflegt, mit deren Hilfe er während all der Schuljahre jedes Problem gelöst hat. In bestimmten Momenten ist wirklich unklar, für welche Richtung er sich entscheidet, und daraus ergibt sich das emotionale Zentrum der Story – zumindest, was Harry angeht. Aber auch für Dan als Schauspieler war das ein interessanter Weg, weil ihm eine sehr differenzierte Darstellung abverlangt wird. Wunderbar, wie furchtlos und entschlossen Dan sich jeder Aufgabe stellt. Manchmal drehten wir eine Szenenwiederholung nach der anderen, und jedes Mal spürte ich seine Entschlossenheit, es bei der nächsten Wiederholung des Takes noch besser zu machen. Das schätze ich so sehr an ihm: Er setzt wirklich alles daran, um seine beste Leistung zu zeigen.“

Mit Schulbeginn nimmt auch eine neue Dozentin ihre Arbeit auf: Professorin Dolores Umbridge lehrt ab jetzt die Verteidigung gegen die dunklen Künste. Diese Rolle spielt die preisgekrönte Schauspielerin Imelda Staunton. Sie kleidet sich von Kopf bis Fuß in Pink, setzt ein gekünsteltes Lächeln auf und spricht in einem honigsüßen Singsang, der ihre wahre Natur kaschieren soll.
Yates erklärt: „Fudge glaubt, Dumbledore wolle ihm seinen Posten streitig machen. Deshalb schleust er seine bewährteste Helfershelferin in Hogwarts ein, um für ihn zu spionieren. Sie will also die Spreu vom Weizen trennen und führt in Hogwarts sehr orthodoxe Lehrmethoden ein, ganz im Rahmen der engen Richtlinien des Ministeriums. Dadurch kommt es zu einer irrwitzigen Kollision der Wertvorstellungen.“
„Sie ist eindeutig der Wolf im Schafspelz“, bestätigt Barron, „also überhaupt nicht so ,pink‘, wie sie aussieht. Ich glaube nicht, dass Fudge wirklich weiß, was er tut, als er sie dorthinschickt. Wahrscheinlich hat er keine Ahnung, was alles in ihr steckt.“
„Kontrolle geht ihr über alles, alles muss seine Ordnung haben“, sagt David Heyman. „Was von ihren quasi faschistischen Ansichten abweicht, wird gnadenlos ausgemerzt. Sie will ihre Schüler nicht inspirieren, sondern mit den Anweisungen des Ministeriums gleichschalten.“
Doch Dolores Umbridge hat es nicht nur auf die Hogwarts-Schüler abgesehen, auch die Professoren und sonstigen Mitarbeiter sind das Ziel ihrer vernichtenden Angriffe. Sybill Trelawney (Emma Thompson), Professorin fürs Wahrsagen, konnte nicht voraussehen, dass Umbridge sie ohne Umschweife entlassen würde, und auch Professor Flitwick (Warwick Davis), zuständig für Zauberkunst, entspricht nicht Umbridges Vorstellungen. Sogar die renommiertesten Professoren wie Severus Snape (Alan Rickman) und Minerva McGonagall (Maggie Smith) können der pinkfarbenen Inquisitorin nicht die Stirn bieten. Niemand ist sicher vor Umbridges Machthunger, nicht einmal Direktor Albus Dumbledore.
Heyman fügt hinzu: „Vor allem ist sie daran interessiert, Dumbledore zu diskreditieren und im Namen des Ministeriums die Kontrolle über die Schule an sich zu reißen. Sie lässt sich von niemandem aufhalten. Und Imelda spielt das mit einem Lächeln auf den Lippen.“
Staunton stellt fest: „Solche Menschen gibt es viele: Äußerlich sind sie ausgesprochen charmant, aber unter der Oberfläche brodelt es. Für mich als Schauspielerin eine schöne Herausforderung. Ich bin überzeugt, dass Dolores ihr Vorgehen für absolut korrekt hält. Sie tut, was sein muss, und das sind die Schlimmsten, denn sie haben kein Verständnis für die andere Seite. Kompromisse gibt es nicht.“
„Imelda hat sich mit Haut und Haaren in diese Figur eingebracht“, erklärt Yates. „Sie ist unglaublich begabt, hat ein wunderbares Gespür für Comedy-Timing. Sie gestaltet Umbridge als sehr komplexe Frau, die in keiner Phase wie eine Karikatur wirkt.“
Falls sie die Beschreibung der Figur im Roman allzu ernst genommen hätte, wäre sie wahrscheinlich nicht so leicht zu überreden gewesen, die Rolle anzunehmen. „Im Buch wird sie als hässliche Kröte beschrieben. Als man mir dann sagte: ,Du wärst toll in der Rolle‘, antwortete ich: ,Herzlichen Dank!‘“, lacht Staunton. „Aber natürlich habe ich mich gefreut, als man mich darum bat, denn die Rolle ist ein echtes Juwel, es ist einfach traumhaft, in dieser Welt mitmischen zu dürfen … ganz abgesehen davon, dass ich in der Achtung meiner zwölfjährigen Tochter deutlich gestiegen bin.“

Staunton arbeitete eng mit Kostümbildnerin Jany Temime zusammen, um den richtigen Look für Umbridge zu entwickeln. „Es machte riesigen Spaß, eine kugelrunde Person zu kreieren, die wirklich nicht sehr nett ist“, sagt die Schauspielerin. „Ecken und Kanten soll es an ihr nicht geben, glaube ich. Ich finde es wichtig, dass sie sanft und warmherzig wirkt, weil sie natürlich beides nicht ist.“
Um Umbridge körperlich weich erscheinen zu lassen, wurde Staunton laut Temime „überall ausgepolstert, denn sie ist eigentlich sehr schlank“. Außerdem verwendete die Designerin weiche, konturlose Stoffe für Umbridges Kostüme, um die Illusion ihrer Sanftheit und Herzenswärme zu untermauern.
Die Farben der Kostüme waren allerdings durch das Buch festgelegt: Pink, pinker, am pinkesten. „Immer wenn sie auftaucht, trägt sie einen anderen Pink-Ton“, sagt Temime. „Als sie an Einfluss gewinnt, werden die Farben stärker, aggressiver, bis sie schließlich das satteste Kirschrot trägt.“
Die Farbpalette wurde auch auf Umbridges Büro übertragen, das Stuart Craig und sein Team in allen möglichen Pink-Schattierungen ausstatteten, wobei sie jede Menge verspielter Ornamente aus Spitze, Samt und Nippes hinzufügten. Der französische Möbelstil wird laut Temime „von Rundungen geprägt, die aber messerscharf wirken“ – ein nicht sehr subtiler Hinweis auf die wahre Persönlichkeit der Besitzerin. Im Büro fallen besonders die etwa 200 Katzenbilder an den Wänden auf, wobei einige der Katzen sich durchaus bewegen und Töne von sich geben.
Im Vergleich dazu wirkt Umbridges Klassenzimmer eher karg und passt damit zu ihrem Unterrichtsstil, der ganz auf Frontalunterricht setzt – bis hin zu dem Anwendungslehrbuch, das sie an die Schüler verteilt. Rupert Grint stellt fest: „Für eine Professorin für die Verteidigung gegen die dunklen Künste hat Umbridge eine seltsame Art zu unterrichten. Sie hält nichts von Fortschritt, wir sollen nur die Theorie studieren, ohne sie praktisch anzuwenden – das ist in einer Zauberschule absolut lächerlich.“
Emma Watson stimmt ihm zu: „So kann man sich nicht gegen die dunklen Künste verteidigen, denn den Schülern wird die Anwendung der Magie untersagt. Für eine so engagierte Schülerin wie Hermine ist das wie ein Schlag ins Gesicht. Sie hält es einfach nicht mehr aus, nur dazusitzen und wie ein Idiot behandelt zu werden. Sie dreht durch, weil ihr das Lernen so viel bedeutet. Erstmals erscheint Hogwarts, bisher ein Hort der Geborgenheit für Harry, Ron und Hermine, nicht mehr sicher. Gefahren drohen – man bekommt es mit der Angst zu tun.“
Gefährlich wird es, weil die Schüler nicht darauf vorbereitet sind, sich zu wehren … und das in einer Welt, in der der Dunkle Lord wieder schaltet und waltet, wie er will.
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