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Die Hintergründe zum Film
R.I.P. til dawn

Super 8 - der Untote unter den Formaten


von Ralf Möllenhoff

Der Super 8-Look und der Low-Budget-Horror: Meine liebste Kombination. Irgendwann hatte ich mir vorgenommen, selbst mal filmisch die Kamera rattern zu lassen. Das war, abgesehen von einigen 15m-Rollen in der Kindheit, im Jahre 1990: R.I.P. - BIS ZUM MORGENGRAUEN. Über 100 Seiten umfasste das mit der Schreibmaschine getippte Drehbuch. Eine Vampir-Geschichte: Eine junge Frau ist durch einen Unfall gehbehindert und vertreibt sich die Langeweile mit dem DRACULA-Buch. Schließlich ist sie überzeugt, in dem verfallenen Haus nebenan treibe ein Vampir sein Unwesen. Damals war ich noch in der Lehre zum Schauwerbegestalter. Darsteller fanden sich im Arbeits- und Freundeskreis. So wurden Gardinen-Dekorateur Bodo Hertzer und Sabine Lange aus dem Bekanntenkreis zu den Hauptdarstellern auserkoren. Hinzu kamen Produktionskompagnon und Arbeitskollege Detlef Klewer als untoter Widersacher, Ingo Grabbe als Ordnungshüter und Zivi-Kollege Roland Riemer mimte den Verwalter einer Grafschaft.

Die Frage, auf welchem Format gefilmt werden sollte, war schnell geklärt: Super 8. Der Schmalfilm kommt meiner Vorstellung von einer möglichst authentischen, schäbigen und organischen Bildästhetik am nächsten. Das ist zwar alles andere als günstig (deshalb auch Ultra-Low-Budget), aber der Film erhält einen unverkennbar eigenständigen Look, der beherzte Amateur-Aufnahmen durchaus passabel erscheinen lässt.

Fünf Jahre lang dauerten die Dreharbeiten. Das lag daran, dass immer wieder Pausen entstanden, um die Finanzierung für weiteres Filmmaterial aufbringen zu können. Während dieser Zeit war es nicht immer leicht sämtliche Beteiligte, die ohne finanzielle Vergütung teilnahmen, von der Fertigstellung des Projekts überzeugen zu können. Außerdem hatten Effekte vorbereitet zu sein, Kostüme mussten beschafft oder hergestellt und Drehorte klargemacht werden. Als Wohnung der beiden Hauptdarsteller nutzte ich natürlich die eigenen vier Wände. Doch auch das war nicht immer von Vorteil: Während einer Sequenz hatte Sabine Lange mitten in der Nacht erschreckt durch sämtliche Räume zu gehen, wobei aus unerklärlichen Gründen die Fenster sperrangelweit geöffnet waren - suggeriert wurde Bedrohliches, welches draußen im Dunkeln zu lauern scheint. Kurz darauf hatte sich meine damalige Freundin beklagt, denn gedreht wurde während einer (zum Glück) warmen Sommernacht, doch aufgrund der hohen Lichtleistung unserer Baustrahler wurde nahezu jede Mücke des Ruhrgebiets angelockt.

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Der zweite Drehtag hatte auch gleich eine Überraschung parat: Zu Beginn des Films stürzt in einem heruntergekommenen Gebäudekomplex ein brüchiger Leichnam auf mich hinab und entleert dabei seinen Körperinhalt in Form von Eingeweiden und dergleichen auf meinem weißen Shirt. Schließlich wurde gefilmt, wie ich mit diesem blutbesudelten Shirt das Gebäude verlasse. Kurze Zeit später hatten wir unfreiwillig die Polizei am Drehort - von beunruhigten Nachbarn alarmiert. Nachdem die Situation geklärt war und uns die Polizei wieder verlassen hatte, wollten wir munter weitermachen. Doch nun fehlte unsere rote Abtönfarbe, die für weiteres Effektblut benötigt wurde. Ob sie in der Twilight Zone verschwand oder von revolutionierenden Nachbarn entwendet wurde, blieb bis heute ungelöst.

Ein weiteres Mal suchten Verwalter-Darsteller Roland Riemer im grauen Kittel mitsamt Drahtbesen und ich mit meinem Film-Equipment einen Schlosspark auf, der als geeignete Lokation unangekündigt herhalten musste. Verwundert fragte der Pförtner: "Wer sind sie denn?" "Ich bin der Verwalter", entgegnete Riemer authentisch und folglich erhielten wir Einlass. Zugegeben: Für andere Parkbesucher war es schon irritierend, wenn der "Verwalter" filmbedingt "Du sollst dich verpissen, verschwinde - hau ab!" schreien musste und dabei mit dem Drahtbesen wild gestikulierte. Im geschnittenen Film verscheucht er auf diese Weise einen Hund - vor Ort konnte man sich davon natürlich keinen Reim machen.

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Schließlich war der Streifen nach rund fünf Jahren abgedreht. Es kamen über 100 Stück 15m-Filmrollen zusammen, die von der Super 8-Kamera zuverlässig transportiert worden waren. Nicht ein Film ging auf seinem Postweg zum Entwicklungslabor und wieder zurück verloren.

1996 bekam der Film auf dem renommierten 7. KINOFEST LÜNEN eine Kinovorführung zugesichert. Natürlich lief der Film als "Extra" und außer Konkurrenz. So wurde der punkige Streifen Teil eines dreitägigen Programms, in dem auch Größen wie JENSEITS DER STILLE, DER TOTMACHER oder KLEINE HAIE liefen. Der Termin rückte näher und unentwegt lief der Film unzählige Male zwecks Vertonung durch den Projektor. Es galt immerhin 112 Minuten zu beschallen, die beim ersten Rohschnitt zustande gekommen waren. Eigentlich viel zu lang, jedoch blieb für weiteres detailliertes Schneiden keine Zeit.

Der Tag der Premiere kam näher und der mit 230 Sitzplätzen ausgestattete Kinosaal war ruck-zuck ausverkauft. Es galt auch Rückgrat zu bewahren, denn immerhin entsprach der Film sicherlich nicht den üblichen Sehgewohnheiten des Publikums. Wenn ich gefragt wurde, was das denn für ein Film sei, besann ich mich auf einen meiner Lieblingsfilme und entgegnete: "Es ist sowas wie DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN - aber als C-Film." Es versteht sich von selbst, dass das Publikum zu 95% aus Special-Interest-Freaks bestand, die die Vorführung auf ihre ganz eigene Weise zum gefeierten Kult-Event werden ließen. Die restlichen 5% der Zuschauer schauten hilflos irritiert umher, denn im Kinosaal ging es ebenso anarchisch zu wie auf der Leinwand selbst: Es wurde gefeiert BIS ZUM MORGENGRAUEN.

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Der Film schlummerte lange Zeit im Archiv, ehe die Technik es erlaubte, den Film so gestalten zu können, wie er geplant war. Der Final Cut beträgt heute passende 79 Minuten. Auch jetzt muss der digitale Hochleistungsträger für den "rotten" Filmlook herhalten. Herausgekommen ist trashiger Old School Horror, die "selfmade"-C-Variante eines B-Films.

Eine längere Fassung des Textes gibt es in der Ausgabe 3/2009 von "schmalfilm", die seit Anfang Mai erhätlich ist.



Special vom: 10.06.2009
Autor dieses Specials: Michael Tomiak
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