DIE SUCHE NACH DER IDEALEN BESETZUNG
Alexander
Wie besetzt man eine Rolle, die größer ist als das Leben selbst? Diese Frage bedeutete im Falle Alexanders einen Schauspieler zu finden, der ganz menschlich war, aber körperlich großen Eindruck hinterlassen und gut genug sein musste, um ein komplettes Porträt dieser komplexen Figur zeichnen zu können. Stone fand diesen Mann im irischen Schauspieler Colin Farrell, den man aus Hauptrollen in TIGERLAND („Tigerland“, 2000), MINORITY REPORT („Minority Report“, 2002), NICHT AUFLEGEN („Phone Booth“, 2002) und DER EINSATZ („The Recruit“, 2003) kennt.
„Wie Alexander hat Colin die Seele eines Rebellen und das Selbstbewusstsein eines Kriegers und Anführers“, beschreibt Oliver Stone seinen Star. „Auf den verschiedensten Ebenen wurde er zu Alexander – er führte die Schauspieler als Gruppe an, er baute seine Muskeln auf, lernte Reiten und den Umgang mit dem Schwert, kämpfte wie ein Löwe, um sein Bestes zu geben. Ich habe ihm oft angeboten, sich von einem Stuntman ersetzen zu lassen, sowohl auf dem Boden wie auch auf dem Pferd. Aber er bestand darauf, so viele Stunts wie möglich selbst zu machen. So verrückt wie er auch manchmal sein mag, ist er doch ein echter Edelmann. Es ist eine Ehre für mich, ihm zu diesem Zeitpunkt seines Lebens begegnet zu sein.“

„Oliver hat ein unglaubliches Drehbuch geschrieben“, gibt Farrell das große Lob zurück. „Etwas so Düsteres und gleichermaßen Erleuchtendes mit einem solchen Potenzial habe ich nie zuvor gelesen. Kurz gesagt, es war das Beste, was ich je in meinem Leben gelesen habe. Alexander war ein Mann, der nichts unversucht ließ, sich seine Träume zu erfüllen“, fährt Farrell fort. „Die Antriebskraft dafür, das glaube ich wirklich, war etwas viel Stärkeres als Gier und der Wunsch nach Eroberung. Sein ganzes Leben lang suchte Alexander nach Antworten und, meiner Ansicht nach, auch nach Liebe. Alexander tat alles mit einer fast wahnsinnigen Leidenschaft. In seinem Palast in Makedonien hätte er ein schönes Leben haben, seine Untertanen besteuern und den für einen König angemessenen Luxus genießen können. Aber in seiner Brust klaffte ein Loch, das nicht zu schließen war. Und die Suche nach Antworten trieb ihn bis ans Ende der Welt.“
Inspirieren ließ sich Farrell bei seiner Arbeit nicht nur von dem Mann, den er verkörperte, sondern auch von dem Mann, der die kreative Kraft bei diesem Film war. „Oliver hat mehr mit Alexander gemeinsam, als ich je hoffen konnte“, bemerkt Farrell. „Er strebt nach Perfektion, setzt alles dafür ein. Er ist ein erstaunlicher Filmemacher und ein brillanter Anführer. Oliver arbeitet immer bis zur Erschöpfung. Während wir täglich nach der letzten Klappe jammerten, was für ein schwerer, langer Tag es doch gewesen war, befand er sich schon wieder auf dem Weg in den Schneideraum. Diesen Mann um sich zu haben, ist total inspirierend.“
Wesentlich für die Entwicklung von Alexanders Persönlichkeit sind die Erwartungen und festen Überzeugungen, die seine starke Mutter Olympias auf ihn übertrug. „Ein Aspekt, dem sich der Film stellt, ist Alexanders Abmachung mit seiner Mutter“, erklärt Oliver Stone. „In unserem Drehbuch sagt Olympias zu Alexander: ’In Dir lebt das Licht dieser Welt. Deine Gefährten werden schon lange nur noch Schatten in der Unterwelt sein, wenn Du der Einzige sein wirst, der für immer jung und inspirierend bleibt. Niemals wird es einen Alexander wie dich, einen Alexander den Großen, geben.’ Olympias redete Alexander den Mythos ein, dass er ein Schicksal wie Achilles haben und wie dieser jung sterben werde. Das war das Tauschgeschäft. Großer Ruhm, aber früher Tod – im Unterschied zu einem langen Leben mit wenig Glanz.“
Olympias
Es war wichtig für Stone, eine talentierte Schauspielerin zu finden, die die Intensität, Präsenz und Passion dieser Frau vermitteln konnte, die Alexander dem Großen den Weg zeigte, den er zur Erfüllung seines Schicksals nehmen musste. Stone entschied sich für Oscar® -Preisträgerin Angelina Jolie. „Ich habe Angelina kurz nach Ende der Dreharbeiten zu „Gia – Preis der Schönheit“ („Gia“, 1998) erstmals getroffen. Für mich war sie eine spektakuläre junge Schauspielerin. Die meisten Schauspielerinnen von heute suchen den höflichen Mittelweg, aber Angelina steht mehr in der Tradition von Bette Davis. Sie ist sehr entschlossen und stark, was man bei jungen Schauspielern selten sieht. Sie haben nicht dieses Vertrauen zu sich selbst. Angelina aber hat eine Stärke entwickelt, die genau richtig für die Rolle der Olympias war. Das passte ideal zusammen.“
Jolie reizte die Herausforderung, eine Frau zum Leben zu erwecken, die geschichtsinteressierte Leser seit Jahrhunderten fasziniert hatte. „Ich glaube, man muss jede Figur, die man spielt, auch lieben“, erklärt Jolie. „Man muss sie verstehen oder zumindest Sympathien für ihre Schwächen zeigen. Wenn man sie einfach für verrückt oder falsch hält, kann man sie nicht mit Überzeugung verkörpern. Weil ich jetzt Mutter bin, sah ich auch Olympias als Mutter. Viele sind der Meinung, dass sie verrückt war, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht genau das gleiche für meinen Sohn tun würde. Das mag fürchterlich klingen, aber 330 vor Christus war Mord an der Tagesordnung. Es war ein viel härteres Leben, und so war auch Olympias eine harte, manchmal angsteinflößende Frau. Aber letzten Endes wollte sie Alexander so großartig und stark sehen, wie das nur eben möglich war. Und damit kann ich mich identifizieren.“

Wie man es von ihr kennt, stürzte sich Jolie mit voller Kraft auf ihre Rolle. Als Anbeterin von Dionysios war es die mazedonische Königin gewohnt, von Schlangen umgeben zu sein. So musste sich auch Jolie schnell daran gewöhnen, dass beim Drehen Schlangen um ihren Nacken hingen oder sich zu ihren Füßen schlängelten.
Auf den ersten Blick mag es unverständlich wirken, Jolie als Mutter eines Schauspielers zu besetzen, der nur ein Jahr jünger als sie ist. Aber der geringe Altersunterschied zwischen Jolie und Farrell spielte letztlich keine Rolle, da die meisten ihrer Szenen mit jungen Schauspielern gedreht wurden, die Alexander in den verschiedenen Phasen seiner Kindheit verkörperten. Obwohl niemand genau weiß, wie alt Olympias zum Zeitpunkt von Alexanders Geburt wirklich war, vermutet Robin Lane Fox, dass sie wohl 16 oder 17 Jahre alt gewesen war – ein normales Alter damals, um erstmals Mutter zu werden. Deshalb wurde Jolie in ihren wenigen gemeinsamen Szenen mit Farrell mit Hilfe von Make-up und Frisur älter gemacht, während Farrell sich jünger geben musste.